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Schwer lesbar: Blick in Faulhabers Tagebuch.

Faulhabers Tagebücher

Besucherstrom beim Erzbischof

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Tagebücher des früheren Erzbischofs von München und Freising, Michael von Faulhaber, sind jetzt im Internet verfügbar.

München – Mitten im Krieg, am 3. September 1917, gab es in München eine wichtige katholische Zeremonie: Michael von Faulhaber wurde in der Frauenkirche zum Erzbischof von München und Freising inthronisiert. Für den damals 48-Jährigen war das ein Karrieresprung, dessen Bedeutung sich nun anhand von Faulhabers persönlichen Aufzeichnungen nachvollziehen lässt. Das Münsteraner Seminar für Kirchengeschichte, das zusammen mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte Faulhabers Tagebücher online editiert, hat jetzt die Bände des Jahres 1917 ins Internet gestellt.

Faulhaber wechselte damals als Bischof von Speyer nach München – von einer gut 22 000 Einwohner zählenden Kleinstadt in eine Großstadt mit 600 000 Bürgern. Der konservativ gesinnte gebürtige Unterfranke war der Wunschkandidat von Königshaus und Staatsregierung. Was „München“ bedeutet, erlebte der Erzbischof zunächst durch einen schier nicht abreißenden Strom von Besuchern, die Faulhaber zu Antrittsbesuchen empfangen musste.

Manchmal gaben sich die Besucher, darunter viele Geistliche, Politiker und Adlige, im Stundentakt die Klinke in die Hand. Das Tagesprogramm für den 18. September 1917 etwa lautete: Pater Augustin Heller („klein, hellgrauer Bart“), dann Oberfinanzrat Kiderlin, Vorstand der königlichen Filialbank („großer gestutzter grauer Vollbart“), Graf Konrad Preysing, eine Lehrerin namens Dr. Ursula Ried und abends noch der Domkapitular Dr. Buchberger – „am Abend schwirrt mit der Kopf vor Exzellenzen“, notierte der gestresste Faulhaber in sein Tagebuch.

Faulhaber schrieb in der Gabelsberger Kurzschrift - seine erst seit 2012 für die Wissenschaft zugänglichen Tagebücher sind nur für Experten zu entziffern.

Die Aufzeichnungen sind in der Kurzschrift Gabelsberger verfasst – für die Transkription mussten sich die Editoren erst schulen. Es ist ein Langzeit-Projekt, angelegt auf zwölf Jahre. Bis jetzt sind erst sechs der 35 Jahrgänge lesbar: 1917 bis 1919 sowie 1933/34 und ebenfalls seit gestern das Jahr 1935 – das Jahr, in dem die Nationalsozialisten beim Nürnberger NSDAP-Parteitag die antisemitischen „Nürnberger Gesetze“ erließen. Ein erster Blick in Faulhabers Tagebuch zeigt, dass der Erzbischof die Gesetze sehr wohl registrierte, allerdings eher beiläufig. Er bezeichnete sie als „Rassengesetze“ und beschrieb, wie die Öffentlichkeit damals davon erfuhr – per Liveübertragung im Radio. Auch Faulhaber saß damals am Empfänger. Für den 15. September 1935 notiert er ins Tagebuch: „Abends 21 Uhr Reichstag in Nürnberg. Der Führer spricht zehn Minuten. Dann endlos Pause mit Musik ausgefüllt – die Schwestern gehen um 23.00 doch ins Bett. Um 23.30 Uhr wird angekündigt, die drei Gesetze werden um 23.45 Uhr verlesen und so war es auch, mit einer langen Rede von Göring bis 00.15 Uhr.“ 

Die Tagebüchersind zu finden unter: www.faulhaber-edition.de

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