Nicht durch die Tür, sondern über das Dach verließen die beiden Gefängnis-Insassen die JVA

Mit Bettwäsche aus Knast ausgebrochen

Nürnberg - Mit einer tollkühnen Flucht über das Gefängnisdach ist am Montag zwei Untersuchungshäftlingen der Ausbruch aus einer Nürnberger Haftanstalt gelungen.

Einer der beiden sei aber schon kurz nach dem Fluchtversuch wieder festgenommen worden, berichtete die Gefängnisleitung. Nach seinem Komplizen werde dagegen weiter gefahndet. “Das ist schon ein vollkommen ungewöhnlicher Ausbruch, weil dafür besondere Akrobatik erforderlich ist“, kommentierte ein Gefängnissprecher den Fall.

Decke der Zellen-Toilette durchbrochen

Nach seinen Angaben hatten die beiden Untersuchungshäftlinge heimlich die Holzdecke ihrer Zellen-Toilette durchbrochen. Das dafür erforderliche Werkzeug - vermutlich ein Schraubenzieher - sei wahrscheinlich aus der Werkstatt der Haftanstalt in die Zelle geschmuggelt worden. Vor dem Gefängnispersonal verbargen die beiden ihre Fluchtvorbereitungen, indem sie den aufgebrochenen Durchschlupf zum Dachboden tagsüber mit Holzpaneelen verschlossen.

Vom Dachboden aus seien der 30 Jahre alte Häftlinge und sein sieben Jahre älterer Komplize auf das Dach und schließlich auf die Anstaltsmauer gelangt. Auch eine Stacheldrahtrolle habe ihren Freiheitsdrang nicht bremsen können. Von dort hätten sie sich mit Hilfe zusammengeknoteter Bettwäsche auf einen Parkplatz abgeseilt, berichtete der JVA-Sprecher.

Flucht unter Lebensgefahr

“Für so eine Flucht ist schon Mut notwendig. Das sind immerhin 15 Meter Höhe. Wenn da was abreißt, stürzt man zu Tode.“ Beide Untersuchungshäftlinge seien erst seit einigen Wochen in dem Gefängnis untergebracht - der 30-Jahre alte polnische Staatsbürger seit dem 18. Juni, sein Landsmann seit dem 30. Juni. Gegen den Jüngeren der beiden wird wegen Vergewaltigung ermittelt, seinem Zellenmitbewohner werfen die Ermittler Einbruchsdiebstahl vor.

Bau aus dem Jahr 1901

Die Nürnberger JVA-Leitung kündigte unterdessen rasche Konsequenzen an, um den aus dem Jahr 1901 stammenden Gefängnisbau ausbruchssicher zu machen. So sollen umgehend Bewegungsmelder auf dem Dachboden des mehrgeschossigen Zellentrakts angebracht werden. Auch andere Umbaumaßnahmen seien bereits in Gange , über die aber aus sicherheitstaktischen Gründen keine Angaben gemacht würden. Erst Mitte Mai war einem Untersuchungshäftling mit einer waghalsigen Kletteraktion die Flucht aus derselben Haftanstalt gelungen. Ein 26 Jahre alter Abschiebehäftling war eine glatte Hauswand hochgeklettert, hatte ein vorspringendes Dach überwunden, sich durch Stacheldraht gekämpft und war mehrere Meter in die Tiefe gesprungen. Der zweite Ausbruch innerhalb von vier Monaten hat unterdessen die Diskussion über die Sicherheit in bayerischen Haftanstalten erneut angeheizt.

Die SPD im bayerischen Landtag warf der Staatsregierung eine unzureichende Personalausstattung der Haftanstalten vor. So stünden während der Urlaubszeit in der JVA Nürnberg tagsüber “drei, allenfalls vier JVA-Bedienstete“ zur Bewachung von 160 bis 180 Gefangene zur Verfügung. Am Wochenende seien Kontrollgänge von nur einem Bediensteten üblich.

dpa

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