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Schee: So viel Idylle gibt’s nur in Bayern. Aber ist das das wirklich wahre Bayern? Oder bloß ein Klischee, das sich verselbständigt hat?

Bayerischer Heimattag

Das ist Bayern - oder nicht? Bezirksheimatpfleger im Interview

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Murnau – Die bayerische Heimat ist wunderschön, seit dem G7-Gipfel weiß das die ganze Welt. Der Himmel, die Berge, die Hütten. Mittendrin Obama, wie er gegen eine Weißwurst kämpft. Ach, Heimat. Oder ist das Kitsch? Ein paar klare Worte liefert Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler.

In Elmau hat sich Bayern wie aus dem Bilderbuch präsentiert. War das Klischee oder Wirklichkeit?

Das war eine Mischung. Aber gerade die Bilder des Obama-Empfangs haben mich nicht gewundert. Bayern präsentiert sich ja seit Langem sehr klischeelastig. Es gibt nichts anderes mehr als dieses Oberbayern-Klischee. Gamsbärte und Trachten repräsentieren aber nicht den ganzen Freistaat.

Das Ausland glaubt nun, dass ganz Deutschland Lederhosen trägt und ab 10 Uhr Bier trinkt. Nimmt das Klischee überhand?

Nein, es ist schon lange so dominant. Das hängt mit der Sommerfrische-Bewegung des 19. Jahrhunderts zusammen. Damals kamen viele Gäste in den Alpenraum. Denen hat’s hier gefallen und die Oberbayern haben das Voralpenbild weiter zelebriert. Das Ganze ist bis heute ein Spiel von Eigen- und Selbstwahrnehmung. Es ist, wie Sie sagen: Im Ausland gilt der Deutsche als Lederhosenträger, nicht bloß der Bayer. Die Bevölkerung hat das längst verinnerlicht.

Auch die Werbebranche spielt damit. Seltsam, dass Elmau nicht als „Gipfel dahoam“ verkauft wurde.

Klar, das Klischee verkauft sich gut. Von der Vielfalt und Gegensätzlichkeit Bayerns will die Werbung nichts wissen. Das geht uns ja ähnlich. Wenn wir nach Mexiko reisen, sitzen wir auch einem Klischee auf. Aber bei uns ist das schon sehr heftig. Wir stülpen uns das Klischee-Bild selber über und glauben, jeder Bayer müsse so sein. Unsinn. Ich stamme aus dem Münchner Norden und habe nie im Leben eine Lederhose angehabt. Dieses übertriebene Mia-san-Mia-Denken ist eigentlich ein verkappter Minderwertigkeitskomplex.

Bitte?

Wenn man genau hinsieht, war Bayern nur in ganz wenigen Phasen seiner 2000-jährigen Geschichte wirtschaftlich und politisch wirklich unabhängig. Wir waren am Gängelband größerer Mächte. Das zu ertragen, ist nicht ganz einfach. Daher stammt diese raubeinige Mentalität.

Lesen Sie hier: Bairisch im Internet - Dialekt bei Wikipedia

Der Heimatbegriff war lange negativ belegt. Heute hat kaum mehr jemand ein Problem damit. 

Stimmt. Ich könnte jede Woche auf einer Tagung sein, die sich mit der Heimat befasst. Neudeutsch gesagt: Das Thema hat einen Hype. Das ist einerseits erfreulich. Andererseits sind diese überbordenden Bewegungen nicht von Dauer. Der Heimatbegriff kommt immer dann auf, wenn etwas verloren geht und Ängste da sind. Das war in der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert so. Heute ist die undurchsichtige Globalisierung bedrohlich.

Hat der Heimat-Hype auch positive Seiten?

Natürlich. Es ist gut, dass man wieder über den Begriff und seinen Inhalt reden kann, nachdem er lange missbraucht wurde. Aber auch heute muss man vorsichtig sein. Bei den letzten Wahlen haben vor allem rechte Parteien mit dem Heimat-Begriff hantiert. Trotzdem ist alles gut, was sich mit der Geschichte einer Region beschäftigt.

Was ist Heimat für Sie? 

Natürlich habe ich den örtlichen Bezug. Meine Familie lebt schon seit 500 Jahren im Norden Münchens. Aber Heimat ist auch da, wo das Herz ist. Das hängt mit Menschen zusammen. Für mich gibt es Heimaten auch im Plural. Beides gilt.

Ist Heimat per se unmodern?

Viele empfinden restaurativ und wollen Vergangenes wiederherstellen. Die professionellen Heimatpfleger betonen aber auch die Verbindung mit der modernen Kultur. Man kann zum Beispiel alte Bausubstanz sehr gut mit avantgardistischer Architektur verbinden. Ähnliches gilt für den Heimatfilm von Regisseuren wie Rosenmüller oder Edgar Reitz. Das hat mit dem Heimatfilm der 50er-Jahre nichts zu tun. Da ist nichts tümelnd oder antiquiert.

Wer tümelt, versteht Heimat falsch?

Das Vergangene ist wichtig, es ist gut, dass man reflektiert: Verstanden wird nach rückwärts. Aber gelebt wird nach vorne.

Wie hat sich der Heimatbegriff entwickelt?

Er war bis ins 19. Jahrhundert überhaupt nicht sentimental aufgeladen, sondern ein nüchterner Rechtsbegriff. Man hatte an einem Ort das Heimatrecht oder nicht. Wenn nicht, war man ein Bürger zweiter Klasse. Die Industrialisierung war für viele eine Verlusterfahrung, sie mussten die Heimat Richtung Stadt verlassen. Da wurde der Begriff dann emotional.

Und ist es noch...

Bis vor Kurzem zählte ja nur Internationalität, das Globale. Die Leute haben mit Heimattümelei reagiert. Es kann schon sein, dass sich das noch weiter entwickelt. Als Heimatpfleger hoffe ich, dass eine gesunde Geschichtsbetrachtung, gesunde Bräuche, bodenständiges Leben in einer moderaten Weise immer bestehen werden. Der Überbau, dieser Hype, der kommt und geht.

Bairisch-Quiz: Wetten, dass Ihr Dialekt verrät, woher Sie kommen

von Marcus Mäckler

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