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Der Biber: Gut für die Natur oder ein Problem?

Nagetier hält Freistaat auf Trab

Biber in Bayern bald zum Abschuss freigegeben?

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Murnau - Der Biber hält ganz Bayern auf Trab. Er frisst Felder leer und fällt Bäume, in Murnau macht er sich gerade über einen denkmalgeschützten Park her. Wird er nun zum Abschuss freigegeben?

Noch 300 Meter bis zum Biber. Zu jenem Tier, das gerade ganz Murnau narrisch macht. Dieter Wieland, 78, Dokumentarfilmer, Denkmalschützer und BR-Fernsehlegende, geht durch den Seidlpark, zeigt auf die uralten Bäume, erzählt vom Münchner Architekten Emanuel von Seidl, der den Park vor über 100 Jahren entworfen hat, der hier in einer Villa gewohnt und mit den Berühmtheiten seiner Zeit getanzt, gefeiert und Schampus getrunken hat, mit Franz von Lenbach oder Prinz Rupprecht von Bayern. Es waren magische Zeiten, biberfreie Zeiten.

Damals mussten sie die Birken und die Ulmen noch nicht für viel Geld mit einem sandhaltigen Spezialanstrich bepinseln, damit der Biber sie nicht fällt. Sie mussten die Bäume nicht mit Draht umwickeln. Es gab keine biberabweisenden Estrichmatten und keine Gemeinderatssitzungen, die sich um diesen gefräßigen, im Seidlpark heimischen Biber drehen. Aber jetzt dreht sich sehr viel um dieses Tier. Lokalpolitiker müssen entscheiden: Ist dieser Biber unser Freund oder unser Feind? Erschießen wir ihn oder darf er mit jahrhundertealten Bäumen seine kunstvollen Dämme und Biberbauten bauen? Die Emotionen schlagen in der Marktgemeinde Purzelbäume. Biberfreunde zoffen sich mit Parkfreunden. Was ist wichtiger: ein Park oder ein Biber? Es geht um Leben und Tod, möglicherweise so oder so.

Dieter Wieland, der sich seit sieben Jahren mit Hingabe um den Seidlpark kümmert, hat sein Urteil längst gefällt: „Dieser Biber“, sagt er, „ist kein so ganz anständiger Zeitgenosse.“ Aber hierzulande herrsche vielerorts eine „Bambi-Mentalität“. Er meint damit: Das pelzige Tierchen ist vielen zu süß, um es zu töten.

Wieland: Biber entfernen? "Die letzte Chance"

Wieland steht jetzt an dem Weiher im Seidlpark – im Biberrevier. Hier ist der Nager seit 2014 daheim, hier hat das Tier schon ein paar der Bäume gefällt, alle paar Meter sieht man Nagespuren. „Den Biber zu entfernen“, sagt er, „ist unsere letzte Chance.“ Sonst, so Wielands Befürchtung, entfernt der Biber langsam aber sicher diesen denkmalgeschützten Park. Der Murnauer Umweltausschuss hat kürzlich denkbar knapp mit 5:4 Stimmen für eine, so heißt das auf Behördendeutsch, „Entnahme“ des Bibers gestimmt. Die entscheidende Stimme kam von Bürgermeister Rolf Beuting, einem ÖDP-Politiker, ausgerechnet.

Jetzt liegt der Ball bei Anton Speer, dem Landrat von Garmisch-Partenkirchen, der entscheiden muss, ob er dem Biber einen Jäger vorbeischickt.

Der Biber hält nicht nur Murnau auf Trab, irgendwie hält er ganz Bayern auf Trab. Der Feind trägt Pelz, so sehen das gerade viele. Der Biber ist vielerorts ein handfestes Problem. Es gibt viele Geschichten, die seinen schlechten Ruf noch schlechter machen. In der Oberpfalz kommt es im Sommer zur Fast-Katastrophe: Auf einer Freibad-Wiese fällt eine Pappel um, trifft beinahe eine Mutter und ihr Kind – der Biber hatte den Baum angenagt. Auf einem Feld bei Allershausen, Kreis Freising, holzt eine Biberfamilie einen halben Hektar Mais um. „So einen Schaden habe ich noch nie gesehen“, sagt der Bauer.

Auch Menschen zählen zu den Opfern. Im Juni beißt ein Biber einen Mann, der bei Gauting mit zwei Hunden Gassi geht. Der Biss muss mit acht Stichen genäht werden. Das Tier wollte seinen Nachwuchs verteidigen, der in der nahen Biberburg schlummerte. Kurz darauf wird ein Schwimmer in der Würm gebissen. Unter Verdacht: ein Biber.

Hunde werden im Englischen Garten verletzt

Im Englischen Garten in München kommt es im August zu einer Verfolgungsjagd: Eine Münchnerin ist spazieren, ihr Hund Giovanni, ein braver Schafpudel, plantscht in einem Bach – als ein Biber auftaucht. Das Riesenvieh, so erzählt es die Besitzerin, sei hinter ihrem Pudel „hinterhergeschwommen wie ein weißer Hai“. Das Ende vom Lied: Der Hund entkommt. Die Parkverwaltung verwundert der Fall nicht: Man kenne weitere ähnliche Geschichten, einige Hunde wurden sogar verletzt. Schadensfälle wie der aus Uffing am Staffelsee, wo ein Biber eine 70-jährige Saalweide, Durchmesser 81 Zentimeter, Höhe 28 Meter, fast gefällt hätte wie ein mickriges Stangerl, sind dagegen fast langweilige Routine.

Im Würmtal wird bereits der Ausnahmezustand beschworen. Der Leiter des Umweltamtes in Planegg, Kreis München, rät diese Woche privaten Baumbesitzer entlang der Würm dringend, ihre Bäume zu sichern, bevor der Biber kommt und Holz holt, um seinen Bau winterfest zu machen. Das befürchtete Szenario: Überschwemmung oder, im schlimmsten Fall, von Bäumen erschlagene Spaziergänger.

Es wird immer ernster, der Ton schärfer, man könnte beinahe meinen, Deutschland werde längst nicht mehr am Hindukusch, sondern am nächsten Biberrevier verteidigt. In Brandenburg wirbt die FDP im Wahlkampf vor einem Jahr mit einem Plakat, auf dem steht: „Biber abschießen“. Neulich, als das Nagetier im bayerischen Landtag Thema ist, schlägt der Grünen-Abgeordnete Christan Magerl, ein studierter Biologe, vor, den Biber langsam mal von der Roten Liste der gefährdeten Arten zu streichen.

Biber gut für Artenvielfalt und Hochwasserschutz

Als sich Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf, CSU, im Sommer in den Isarauen anschaut, wie nützlich der Biber für Artenvielfalt und Hochwasserschutz sei und fürs Foto verwaiste Biber-Babys streichelt, platzt dem Freisinger Abgeordneten Florian Herrmann der Kragen: Er, ebenfalls von der CSU, schreibt der „lieben Uli“ einen Wut-Brief. Ob die Streichel-Aktion sinnvoll sei, überlasse er ihrer „eigenen Beurteilung“. Denn: Es gibt wohl in ganz Bayern keinen Gemeinderat, Bürgermeister oder Landtagsabgeordneten, dem nicht schon ein Landwirt eine Biber-Beschwerde vorgetragen hat. Es gibt einen bayerischen Entschädigungsfonds über 450 000 Euro. Aber: „Allein im Jahr 2014 wurden über 700 000 Euro an Schäden in der bayerischen Land-, Forst- und Teichwirtschaft von den Naturschutzbehörden bestätigt“, heißt es beim Bauernverband. Tendenz steigend.

In Murnau ist unklar, ob einer oder vielleicht schon zwei Biber im Park leben. Um das zu klären will die Gemeinde demnächst Kameras aufstellen. Aber eines ist für Parkschützer Wieland klar: dass der Biber sich schon bald vermehren wird. Und dann hat dieser Park, in dem hunderttausende Euro Steuer-, aber auch Spendengelder stecken, ein noch größeres Problem. Wieland steht am Teich und sagt: „Es wäre schön, wenn ich hier einen Käfig mit einem Apfel hinstellen dürfte.“ Der Biber tappt in die Falle, Problem gelöst.

Aber das darf Wieland nicht. Denn der Biber steht unter Schutz. Einst waren Jäger ganz scharf auf den Nager, seinen Pelz, das Fleisch und das Bibergeil, ein Drüsensekret, das früher gegen hysterische Anfälle, Krämpfe, Epilepsie, aber auch als Aphrodisiakum eingesetzt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts war das Tier nahezu ausgerottet. Erst in den 1970er-Jahren ging es wieder aufwärts: In Bayern setzte der Bund Naturschutz einige Exemplare zur Wiederansiedlung aus – mit Genehmigung des Landwirtschaftsministers. Seither vermehrt sich der Biber, Europas größtes Nagetier, bis zu 1,30 Meter lang, fleißig. Aktuelle Schätzungen gehen von 18 000 bis 20 000 Tieren in Bayern aus. Die 1300 Abschüsse im Jahr, die die Landratsämter genehmigen müssen, verpuffen.

Tierschützer gehen auf die Barrikaden

Die Behörde in Garmisch-Partenkirchen prüft den Murnauer Fall noch, derweil bringen sich die Tierschützer in Stellung. Tessy Lödermann ist Tierheimleiterin, ehemalige Grünen-Landtagsabgeordnete und Chefin des Tierschutzvereins Garmisch-Partenkirchen. Sollte es dem Murnauer Biber an den Kragen gehen, sagt sie, „wird sich der Tierschutzverein an die Spitze der Bewegung stellen und mit vielen Gleichgesinnten schauen, dass die Kirche im Dorf bleibt und der Biber im Seidlpark“. Das ist die eine Seite.

Anderswo greifen Bibergegner schon zu drastischen Mitteln. Im Dezember 2014 legt ein Unbekannter bei Moosach, Kreis Ebersberg, Giftköder aus, wohl gezielt für Biber – drei Tiere verenden. In Bergen, Kreis Traunstein, tappt ein Biber in eine illegale Falle. Die Polizei rückt aus, erlöst das Tier mit einem Gnadenschuss. Ein Biberfreund setzt eine Belohnung aus: 1000 Euro für die Ergreifung des Fallenstellers. Eine Tierschutzorganisation verdoppelt. Der Täter ist weiter flüchtig.

Dieter Wieland sitzt inzwischen in einem Ruderboot auf dem Staffelsee. Vor ihm Georg Schmötzer, Gärtnermeister und eine Institution in Bayern, wenn es um Bäume und Pflanzen geht. Auch er kümmert sich um den Seidlpark und hat wenig Verständnis für den dortigen Biber. Aber jetzt rudert er zur winzigen Jakobsinsel, auf der ein von Papst Benedikt geweihtes Kreuz steht. Daneben ein paar Bäume. Bäume, die der Biber auch schon angenagt hat. „Da kommt nix mehr“, sagt Schmötzer, „wenn die Bäume fallen.“ Dann wird auf der Mini-Insel für Generationen nichts mehr wachsen. Die Bäume halten die Insel zusammen.

Der Staffelsee liegt an diesem verwunschenen Herbsttag da wie ein in Nebel gehülltes Paradies. Vielleicht hat das Landesamt für Umwelt doch Recht, als es kürzlich in einer Broschüre die volkswirtschaftlichen Vorteile des Bibers zusammenfasst: „Bibertouren und -führungen“, heißt es dort im letzten Kapitel, „können so zu einer neuen Einnahmequelle für den ländlichen Raum werden.“

Bibertouren am Staffelsee? Womöglich ein Zukunftsmarkt. Nur dass mancher gerne auch noch ein Gewehr mit ins Boot nehmen würde.

Von Stefan Sessler und Carina Zimniok

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