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Der Hederer-Effekt: Manfred Hederer ist Präsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes, der in Utting seinen Sitz hat. Dass das Volksbegehren Artenvielfalt gerade dort am besten ankam, ist kein Zufall.

Kampf für mehr Artenvielfalt

Bienen-Hochburg Utting: Der Ort, in dem das Volksbegehren die größte Zustimmung bekam

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Nirgendwo wollten so viele Menschen die Bienen retten wie in Utting am Ammersee: 39,4 Prozent der Wahlberechtigten unterstützten hier das Volksbegehren Artenvielfalt. Das Ergebnis sorgte für Diskussionen im Ort. Denn gerade hier wird viel für die Umwelt getan.

Utting – Manfred Hederer, 71, steht an seinem Wohnzimmerfenster und blickt in das „Tal des Lebens“, das seinen Namen immer weniger verdient. Durch den acht Fußballfelder großen Grünstreifen mit dem ausgefallenen Namen in Utting fließt der Mühlbach, links und rechts daneben wachsen Bäume und Sträucher, dazwischen Wiesen mit hohem Gras. Trotz der Idylle: Eine Nachtigall hat Hederer hier schon seit Jahren nicht mehr gehört. Auch die Frösche werden seltener. Selbst Hederers geliebte Bienen leiden: „Früher hast du den Bienenkasten rausgestellt und da war richtig Leben drin.“ Davon sei nicht mehr viel übrig.

Hederer kämpft seit Jahren für mehr Artenvielfalt. Er ist der Präsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes mit Hauptsitz Utting. Er tritt im Fernsehen auf, hält Vorträge, schickt seinen Pressesprecher zum Runden Tisch „des Herrn Söder“. Auch einen Banker, der am Ende des Tals des Lebens jeden Samstag und Sonntag ganz bienenfeindlich seine Wiese mäht, bearbeitet er derzeit. „Sonntag traut er sich schon nimmer.“

Bayernweit Spitze: 39,4 Prozent für Volksgehren 

Hederers Einsatz zeigt Wirkung. Das Volksbegehren „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“, Kurzbezeichnung „Rettet die Bienen“, unterstützten 39,4 Prozent der Uttinger Wähler – bayernweit Spitze. „Die Gegend hier ist hoch sensibilisiert“, sagt der Chef-Imker. Manche sprechen vom Hederer-Effekt.

Mit einem Volksbegehren hat der Chef-Imker dennoch nicht gerechnet. „Ich habe die Politik gewarnt, dass Zorn aufkommt, wenn nichts für den Artenschutz getan wird.“ Doch in die Vorbereitung des Begehrens war er nicht eingeweiht. „Das hat uns überrascht.“ Unterstützt hat Hederer das Aktionsbündnis aus ÖDP, Grünen und Landesbund für Vogelschutz natürlich trotzdem. Er verteilte Zettel, sprach auf der Straße mit Menschen. Und: „Das Bündnis bekommt von uns ein paar Euro.“

Das Ergebnis: Ganz Utting spricht über Bienen und Artenvielfalt. Vor dem Café beim Rewe diskutieren zwei Monteure, 29 und 31 Jahre alt. „Ich bin stolz auf das Uttinger Ergebnis“, sagt der eine mit T-Shirt, Oberarm-Tattoo und Vollbart. Der andere sagt: „Jetzt muss jeder etwas tun. Nicht immer das Billigste kaufen, zum Beispiel.“ Trotzdem: Für das Volksbegehren unterschrieben hat keiner der beiden. Dafür bleibt im Alltag wenig Zeit, sagt der mit Vollbart.

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Unterstützung kein Phänomen zugereister Hausfrauen

Ähnlich geht es der Friseurin, 26, am Nebentisch. Auch sie unterstützt die Artenvielfalt, hat aber vergessen zu unterschreiben. Dabei hatte ihr eine Kundin sogar ein Bild geschickt, als sie sich gerade eintrug. Botschaft: „Los, unterschreib doch auch.“ Dieser Einsatz war kein Einzelfall. „Meine Kunden haben sich gegenseitig animiert“, sagt die Friseurin. „Die meisten sagten: ’Schnell hin und unterschreiben’.“ Nur zwei oder drei lehnten ab.

Die Unterstützung ist kein Phänomen zugereister Hausfrauen, wie manche meinen. Auch einheimische Handwerker und Friseure finden das Volksbegehren gut – selbst einige, die das Volksbegehren nicht unterschrieben haben.

Anderen Uttingern geht das zu weit. „Ich wollte das Volksbegehren ursprünglich unterstützen, weil viele unserer Nachbarn Bienen haben“, sagt eine 56-jährige Kauffrau, die auf ihrem Rasen die Blumen stehen lässt. „Doch dann war es mir zu viel Stimmungsmache in eine Richtung.“ Selbst beim Yoga bekam sie Flyer. „Das Thema ist wichtig, aber nicht so.“

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Ähnlich sehen es drei Frauen um die 40. „Wir unterstützen unsere Landwirte“, sagt eine. „Die Leute sollen bei sich anfangen.“ Eine andere ergänzt: „Viele denken, es müssen immer die anderen was tun, aber selber haben sie Steingärten und Mähroboter und sind raus.“ Sie stört, dass die Bauern als Alleinschuldige dargestellt werden.

Die Landwirte selbst rätseln, wie es zu dem Ergebnis kommen konnte. „Wir fühlen uns missverstanden“, sagt Johann Reinhart, Vorsitzender der Teilhabergemeinschaft der Uttinger Landwirte. Er und seine Kollegen seien schon seit Jahren bemüht, ihren Beitrag zum Artenschutz zu leisten. Trotzdem befürchten sie jetzt, die Zeche zahlen zu müssen, indem neue Auflagen kommen oder Förderungen wegfallen.

Bürgermeister Josef Lutzenberger (Alternative Grüne Liste) sieht in der Unterstützung der Uttinger für das Volksbegehren eher Lob als Kritik für die Landwirte vor Ort. Hier vernetzten die Landwirte schon in den 70er-Jahren Biotope, schufen Blühstreifen und ergriffen Maßnahmen zum Umweltschutz, wie sie anderswo erst Jahrzehnte später üblich wurden. „Die Bauern sind bei uns voll mit im Boot. Die haben ganze Areale angelegt, wo man sagt: Wow!“, berichtet der Bürgermeister. Die Gemeinde schafft jedes Jahr Blühwiesen, verteilt Blumensamen und steht in ständigem Kontakt mit Naturschützern. „Vielleicht sagen die Leute: ’Klasse, so sollte es in ganz Bayern sein.’“

Auch Chef-Imker Hederer lobt die Zusammenarbeit mit den Arzbacher Bauern und versteht ihre Sorgen. Er verspricht: „Wir werden uns stark dafür einsetzen, dass es keine einseitige Lösung gibt.“ Dazu seien aber auch die Verbraucher gefordert, die den Preis für umweltverträgliche Produkte zahlen müssen. „Wenn alle zusammenarbeiten, dann schaffen wir das.“

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