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"Chiemseer"-Chef Ferdinand Steinacher.

Bierstreit vor Gericht

"Chiemseer"-Bier darf nicht mehr "Chiemseer" heißen

Rosenheim - Vor dem Oberlandesgericht (OLG) München hat es am Donnerstag ordentlich geschäumt: Gleich zwei Brauereien wurden wegen ihrer Biernamen verklagt. Das „Chiemseer“ ging unter.

Ferdinand Steinacher (58) kann nicht fassen, was im Gerichtssaal gerade vor sich geht. Das „Chiemseer“, das sein „Chiemgauer Brauhaus“ in Rosenheim braut, soll nicht mehr „Chiemseer“ heißen. Doch Steinacher gibt so schnell nicht auf. Das Gesicht gerötet, mit erhobener Stimme kämpft er für den Namen seines Bieres: „Wenn man hier aufgewachsen ist, dann weiß man, dass das kein Marketing-Gag ist. Das ist emotional, das ist unsere Heimat, hier leben wir. Wenn ich da runter schaue, dann ist das alles mein Chiemgau.“

Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs sieht das anders: Rosenheim gehöre nicht zum Chiemgau, also dürfe sich ein Bier aus Rosenheim auch nicht „Chiemseer“ nennen. Deshalb hat sie die Brauerei auf Unterlassung verklagt.

Es ist am Donnerstag nicht der einzige Prozess um den Gerstensaft. Ausgerechnet zum 500-jährigen Jubiläum des bayerischen Reinheitsgebots ist im Oberlandesgericht München ein regelrechter Bierkrieg ausgebrochen: Am selben Vormittag muss das Gericht auch die Klage des Herzoglichen Brauhauses Tegernsee gegen das Wildbräu Grafing entscheiden. Die Ergebnisse sind unterschiedlich: Während die eine verklagte Brauerei jubeln kann, muss sich die andere ärgern.

Im Streit ums „Chiemseer“ attackiert der Anwalt der Wettbewerbszentrale, Stefan Degmair, das „Chiemgauer Brauhaus“: „Die Bezeichnung hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“ Rosenheim liege nicht im Chiemgau, schon gar nicht am Chiemsee. „Rosenheim ist nicht mal in Sichtweite.“ Es sei allgemeine Meinung, dass das Chiemgau am Inn ende.

Doch Michael Nieder, Anwalt der Brauerei, argumentiert anders: Das Chiemgau liege rund um den Chiemsee. Und der Landkreis Rosenheim erstrecke sich bis zum Chiemsee und umfasse ihn hufeisenförmig. Die Frauen- und die Herreninsel gehörten dazu. Von Rosenheim nach Prien seien es gerade mal 16 Kilometer. „Da fahr’ ich doch mit dem Radl hin“, sagt Ferdinand Steinacher, „obwohl ich nicht der Schnellste bin.“ Der Brauerei-Chef plädiert auch dafür, den Verbraucher „nicht immer so dumm darzustellen“. Der wisse genau, wo Rosenheim und das Chiemgau liegen. Außerdem stehe unter dem Schriftzug des Brauhauses: Rosenheim.

Doch das überzeugte die Richter nicht. „Der Begriff Chiemgau und damit auch ,Chiemseer‘ ist nicht so weit zu fassen, wie die Beklagte meint“, sagt der Vorsitzende Richter Rainer Zwirlein. Es handle sich um eine „falsche geografische Bezeichnung“. Das Chiemgau ende am Inn – und das Brauhaus liege auf der anderen Seite. Steinacher dürfe nicht „die verengte Heimatbrille“ aufsetzen. Man müsse den Durchschnittsverbraucher betrachten. Und in Castrop-Rauxel kenne keiner die Örtlichkeiten so genau.

Nun darf die Brauerei das Bier unter dem Namen, den es seit 1970 trägt, nicht mehr verkaufen. „Ich trinke jetzt ein ,Chiemseer‘ und schlafe eine Nacht drüber. Und morgen schauen wir weiter“, sagt Steinacher. Voraussichtlich greift er das Urteil vorm Bundesgerichtshof (BGH) an.

Anders verläuft der Streit zwischen dem Brauhaus Tegernsee (Kreis Miesbach), das das „Tegernseer“ braut, und dem Wildbräu Grafing (Kreis Ebersberg), das seit 2014 das „Klosterseer“ anbietet.

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