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Horst Seehofers Idee wird die Energiewende wohl nicht retten.

Seehofers Idee: Gülle statt Atomkraft

München - In punkto Energiewende will Ministerpräsident Seehofer einen “Bayernplan“ auflegen. Ein Kernpunkt: mehr Biomasse. Doch auch mehrere 1000 neue Biogas-Anlagen werden Atomkraftwerke nicht ersetzen können.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat eine Idee: Vom Atom zur Gülle. Für die meisten Bürger sind die stinkenden Ausscheidungen einer Kuh bislang unangenehme Geruchsbelästigung, nicht wertvoller Rohstoff. Doch Gülle hat Potenzial: als Brennstoff für Biogaskraftwerke. Da die Energiewende vom vorzeitigen Scheitern bedroht ist und auf Bayern im schlimmsten Falle Engpässe in der Stromversorgung zukommen, setzt Seehofer nun auf Biomasse.

Dem CSU-Chef schwebt ein bayernweites Netz kleiner Biomasseanlagen vor. Seehofers Idee hat nur einen Haken: Biomasse ist nach Einschätzung von Energiebranche und Umweltschützern kein geeigneter Ersatz für Atomstrom.

Biogas-Anlagen haben unzweifelhaft Charme. Sie verwandeln bislang ungenutzte Abfälle in wertvolle Energie. Als Brennstoff können je nach Anlagentyp nicht nur Gülle genutzt werden, sondern auch Lebensmittelabfälle, eigens angebaute Energiepflanzen wie Mais, oder andere übelriechende Dinge wie Stallmist und Futtermittelreste. Außerdem ist Biogas speicherbar und könnte somit auch zur Belieferung von Gaskraftwerken verwendet werden. Derzeit sind in Bayern nach Angaben des Fachverbands Biogas Anlagen mit einer Leistung von 674 Megawatt installiert. “Nach unserer Einschätzung könnten wir die aktuelle Leistung verdoppeln“, sagt Sprecherin Andrea Horbelt - auf etwa 1300 Megawatt.

Gülle und anderer verwertbarer Agrarabfall wäre dafür noch in ausreichender Menge vorhanden. “Wir nutzen bisher relativ wenig Gülle, nur etwa ein Viertel der vorhandenen Menge“, sagt Horbelt. Seehofer und dem Agrarministerium schwebt allerdings eine noch weit höhere Leistung von 2000 Megawatt vor. “Das wäre ambitioniert“, sagt Horbelt dazu.

Der Verband der bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW) hält einen starken Ausbau der Biomasse zwar für machbar - doch Gas- oder Atomkraftwerke können damit nach Einschätzung der Fachleute des Verbands nicht ersetzt werden. Entscheidend sei nicht die installierte Leistung - sondern die tatsächliche Stromproduktion, sagt VBEW-Geschäftsführer Detlef Fischer. Die wiederum hängt von der Betriebsdauer der Anlagen ab.

Denn auch wenn es noch Potenzial bei der Gülleverwertung gibt, wäre es nach Meinung des Verbands immer noch nicht genug, um nach einem starken Ausbau den Dauerbetrieb der Biogas-Anlagen noch zu gewährleisten. “Wir bringen gar nicht so viel Gülle und landwirtschaftliche Restabfälle her, um die Anlagen rund um die Uhr laufen zu lassen“, sagt Fischer. Deswegen könnten Biomasse-Kraftwerke künftig zwar die Spitzen des Strombedarfs abdecken, aber nicht die Grundlast.

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Grundlast ist im Branchenjargon der Begriff für die Mindeststrommenge, die an einem Tag 24 Stunden lang benötigt wird. Auch der Fachverband Biogas sieht die künftige Hauptfunktion von Biogasanlagen nicht darin, die Grundlast abzudecken, sondern die Schwankungen in der Produktion von Wind- und Sonnenstrom auszugleichen. Doch was künftig hauptsächlich fehlen wird, ist eben der bisher von den Atomkraftwerken erzeugte Grundlast-Strom.

Der Bayerische Bauernverband ist naturgemäß angetan von Seehofers Vorschlag, da damit Einkommensmöglichkeiten und Bedeutung der Bauern gestärkt würden. Doch von Biomasse als Grundlast-Ersatz spricht auch der Bauernverband nicht. Denn auch die Bauern sehen die Grenzen der Gülle: Biomasse-Anlagen könnten mithelfen, die Lücken der Versorgung aus Windkraft und Photovoltaik zu schließen. “Aus Sicht des Bayerischen Bauernverbandes ist es allerdings nicht möglich, die dafür nötige Energiemenge ausschließlich durch den Einsatz von Gülle zu produzieren“, erklärt der stellvertretende Generalsekretär Georg Wimmer. Gülle müsse mit “pflanzlichen Gärsubstraten“ sinnvoll kombiniert werden.

Doch genau wegen der pflanzlichen Gärsubstrate meldet der Bund Naturschutz Bedenken an. In vielen Biomasse-Anlagen dient keineswegs nur Abfall als Brennstoff, sondern eigens angebaute Energiepflanzen wie Mais. Mais aber hat zwei Nachteile: Die Landschaft verödet, und es geht Anbaufläche für die Lebensmittelproduktion verloren. Bisher werde der Energiepflanzenanbau mit Zuschüssen “überfördert“ - zu Lasten der Lebensmittelherstellung, kritisiert Marion Ruppaner, die Agrarexpertin des BN. “Das ist ein Verdrängungswettbewerb.“

dpa

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