Die siebte Dosis Biontech-Impfstoff muss in Bayern in der Flasche bleiben und wird weggeworfen. Bei Astrazeneca ist es noch mehr.
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Die siebte Dosis Biontech-Impfstoff muss in Bayern in der Flasche bleiben und wird weggeworfen. Bei Astrazeneca ist es noch mehr.

Andere Bundesländer sind da weiter

Hausarzt prangert an: Hunderttausende Corona-Impfdosen landen in Bayern im Müll - Ministerium bestätigt Praxis

  • Klaus-Maria Mehr
    vonKlaus-Maria Mehr
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Lieber weniger verimpfen, weil niemand haftbar sein will. Das ist die gängige Praxis in den Corona-Impfzentren in Bayern. Ein Hausarzt prangert das an. Andere Länder nutzen die ganze Flasche.

Neu-Ulm - Dr. Christian Kröner aus Neu-Ulm (Schwaben) ist nun endgültig der Kragen geplatzt. Öffentlichkeitswirksam prangert der Hausarzt in der Bild am Sonntag die gängige Impfpraxis in Bayern an: „Ich arbeite tageweise in einem Impfzentrum in Bayern“, sagt er der Zeitung, „dort werden aus jedem Fläschchen mit Biontech-Impfstoff nur sechs Dosen verimpft – die siebte Dosis bleibt im Fläschchen und wird unter Aufsicht in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt. Aus Astrazeneca*-Fläschchen landen sogar zwei Dosen im Müll.“

Hausarzt aus Bayern prangert an: Hunderttausende Corona-Imfpdosen landen im Müll

Das bayerische Gesundheitsministerium bestätigt der BamS diese Praxis auf Nachfrage und verweist auf die Zulassung der EMA. Und das stimmt ja auch: Die oberste Arzneimittelbehörde der EU hat eben entschieden, dass aus einem Fläschchen von Biontech* maximal sechs Impfdosen genutzt werden dürfen und aus einem Fläschchen von Astrazeneca zehn Dosen. Was dann übrig bleibt, muss entsorgt werden.

Corona-Impfstoff landet in Bayern im Müll - Ministerium bestätigt Praxis

Das hat schon auch einen Hintergrund: Ein Sprecher der Kassenärtzlichen Vereinigung betonte unlängst gegenüber dem NDR, dass das Risiko* durch Mitaufziehen von Luft und Blasenbildung oder einer unvollständigen Dosis dabei größer werde. Trotzdem sei es freilich sinnvoll, so viel Impfstoff wie möglich zu verimpfen.

Dass genau das in Bayern offiziell verboten bleibt, macht Hausarzt Kröner aus Neu-Ulm wütend. Das koste Menschenleben, sagt er. Nach seiner eigenen Rechnung seien dadurch rund eine halbe Millionen Impfdosen allein in Bayern im Müll gelandet. Er selbst gibt offen zu, sowohl bei Astrazeneca als auch bei Biontech die Fläschchen bis auf den letzten Tropfen zu leeren. Aus 100 offiziell gelieferten Impfdosen schafft Kröner so 117 Dosen.

Impfstoff-Reste in den Fläschchen: Holetschek überlässt es den Ärzten

Auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) nimmt auf BamS-Anfrage Stellung zu dem Vorwurf: „Die Entnahme einer siebten Dosis ist in der Zulassung nicht vorgesehen und auch nicht in allen Fällen möglich. Aber ich begrüße jede zusätzliche Impfung, die so ermöglicht wird.“

Eine nicht untypische Stellungnahme für politische Entscheidungsträger in der Corona-Krise.* Indirekt wälzt Holetschek damit die Verantwortung an die impfenden Ärzte ab. Sie müssen am Ende - wie so oft in dieser Pandemie - selbst entscheiden. Kröner und seine Mitstreiter begeben sich damit rechtlich auf einen gefährlichen Pfad. Sie widersetzen sich wissentlich und ohne Rückendeckung der bayerischen Politik der EMA-Vorschrift. Wenn bei der Impfung etwas schiefläuft, haften sie.

Verflixte siebte Dosis Biontech: In NRW und Niedersachsen ist Verwendung erlaubt

In anderen Länder ist man da weiter - zumindest was Biontech angeht. In Nordrhein-Westfahlen wird die siebte Biontech-Dosis schon seit Februar verimpft, ganz offiziell sanktioniert vom dortigen Gesundheitsministerium. In den Niederlanden genauso. Voraussetzung hier: Es müssen noch 0,3 Milliliter Impfstoff in dem Fläschchen verbleiben, dann können sie auch als siebte Dosis verimpft werden. Auch in Niedersachsen darf mittlerweile ganz offiziell die siebte Dosis verimpft werden. Bei Astrazeneca dagegen schweigen die Entscheider noch. Obwohl diverse Experten bereits bestätigen, dass zumindest eine elfte Dosis locker herauszubekommen wäre. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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