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An der Eingangstür eines Bäckers in Irsee bei Kaufbeuren (Bayern) hängt am 11.08.2013 eine Tafel mit der Aufschrift "frisch gefangene Schildkröten".

Suche nach der Alligator-Schildkröte 

"Bitte, töten Sie Lotti nicht"

Irsee - Verdammtes Luder, diese Lotti. Alle sind hinter ihr her, niemand kriegt sie zu fassen. Noch immer sucht Irsee nach der berüchtigten Alligator-Schildkröte. Der Bürgermeister rotiert. Ein Bäcker backt Lotti-Semmeln. Und die Polizei folgt einer heißen Spur.

Nein, die bissfesten Schuhe hat sich Andreas Lieb nicht angezogen. Wäre ja noch schöner, wenn der Bürgermeister von Irsee (Kreis Ostallgäu) sich von dieser Lotti die Kleiderordnung diktieren ließe. Muss er halt in normalen Schuhen an den Badesee, den Einsatz koordinieren, die Presse füttern, Passanten warnen. Sogar ein Staatssekretär hat ihn schon auf dem Handy angerufen. Stress pur. Lieb ist genervt – und spricht sich Mut zu. „Wir schnappen das Vieh“, sagt er. „Wir schnappen es.“

Der Bürgermeister hofft. Und er setzt einiges in Bewegung, um die verschwundene Alligator-Schildkröte, die vergangene Woche einem Buben (8) die Achillesferse durchgebissen hatte, schnell zu finden. Allerdings ähnelt der Aufwand ein wenig dem Stochern im Nebel. Oder in diesem Fall im Schlamm des ausgepumpten Oggenrieder Weihers.

Feuerwehr jagt bissige Alligator-Schildkröte

Feuerwehr jagt bissige Alligator-Schildkröte

17 Einsatzkräfte der Irseer Feuerwehr suchen am Montag das Ufer des Badesees ab. Mit langen Aluminiumstangen, die zum Abklopfen von Feuerstellen gedacht sind, stapfen sie durch hohes Gras und Schilf. „Zentimeter für Zentimeter, Mann für Mann gehen wir da durch“, sagt der Vorsitzende der Feuerwehr, Manfred Lang. Elende Arbeit. Die Füße stecken in schnittfesten Gummistiefeln. Nur ins ausgelaufene Becken des Sees kommen die Feuerwehrmänner nicht. Der Schlamm ist zu tief. Hier können sie nur beobachten. Irgendwo auf diesen 3000 sumpfigen, schlammigen Quadratmetern muss sie sein, die Kröte, die inzwischen den harmlosen Namen Lotti trägt.

Dabei ist Lotti alles andere als harmlos. „Diese Tiere sind durchaus aggressiv“, sagt Ralf Kinkel, der die Veterinärbehörde im Landratsamt Ostallgäu leitet. Und die Bisskraft, die sei „nicht ohne“. Um welche Krötenart es sich aber genau handelt, könne man nicht sagen. Schnapp- oder Geierschildkröte, in jedem Fall exotisch. 40 Zentimeter lang, 14 Kilo schwer, das verraten die Bissspuren am Bein des Buben. Mehr nicht.

Damit Lotti den Suchtrupps nicht entkommt, hat die Marktgemeinde zusammen mit dem Zoologischen Institut München Elektrozäune rund um den See und vor einem nahen Waldgebiet aufgebaut. Heute erwartet Bürgermeister Lieb Zoologen aus München: „Dann wird das Gelände abgesperrt und wenn Ruhe herrscht, dann wird sie rauskommen.“

Wo Lotti herkommt, wem sie gehört, ist bis dato noch unklar. Lieb ist sich aber sicher: „Die hat uns jemand reingesetzt.“ Immerhin gibt es einen Verdacht. Ein Anrufer hat die Polizei auf eine Spur gebracht, über die der Bürgermeister noch nichts verraten will. Die Strafe, die auf den Täter zukommt, könnte aber saftig ausfallen. Allein das Aussetzen von Tieren kann nach Auskunft des Deutschen Tierschutzbunds 25 000 Euro kosten. Weil in diesem Fall ein Bub verletzt wurde, kommt fahrlässige Körperverletzung hinzu. Das bedeutet bis zu drei Jahren Haft oder eine Geldstrafe.

Eine ernste Sache. Nun ja, nicht für alle. Eine Irseer Bäckerei etwa bietet seit Freitag Lotti-Semmeln an. „Spontane Idee“, sagt Inhaber Volker Koneberg. „Es gibt einen richtigen Ansturm auf unsere Schildkröten.“ Gestern reichten 45 Minuten, um 100 Semmeln zu verkaufen. Gut für Koneberg, dass ihm ein paar Kinder aus dem Ferienprogramm beim Nachbacken halfen. „Die diskutieren schon drüber, ob so eine Schildkröte gefährlich ist“, sagt Koneberg noch. Die Kröte beschäftigt ganz Irsee.

Auch wenn es noch dauern könnte, bis Lotti eingefangen ist – Schildkröten tarnen sich für gewöhnlich gut – gibt es Appelle für die Zeit danach. Der Bub, der wieder zu Hause in Bonn ist, hat Lieb eine SMS geschrieben. Darin heißt es: „Bitte, Herr Bürgermeister, töten Sie die Schildkröte nicht.“ Kommt Lieb nicht in den Sinn. Nur fangen, aber bitte bald.

von Marcus Mäckler

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