Begabtenförderung

Bittere Pille für Einser-Abiturienten

München - Es klingt paradox: In Bayern gibt es zu viele sehr gute Abiturienten. Das Begabtenprogramm ist überlaufen. Jetzt werden die Kriterien zur Aufnahme verschärft.

Die Ergebnisse der Abiturprüfung 2013 stellen Beobachter vor Rätsel – es gibt sehr viele sehr gute Ergebnisse, aber auch die Durchfallerquote ist mit 3,1 Prozent entgegen erster Vorabmeldungen doch höher ausgefallen als eigentlich erwartet. Zunächst die positive Nachricht: 33,5 Prozent (!) der gut 37 000 Abiturienten, die heute offiziell ihre Zeugnisse erhalten, haben eine Gesamtnote zwischen 1,0 und 2,0 erzielt. Damit wurde die ohnehin sehr hohe Quote von 2012 (31,5 Prozent) noch einmal übertroffen. Rund 1200 Abiturienten haben sogar eine Note von 1,3 oder besser.

Einen Hintergrund dieses erstaunlichen Ergebnisses nennt Rainer Rühl, Ministerialbeauftragter (MB) für die Gymnasien in Oberbayern-Ost: Während im G9 die schriftlichen und mündlichen Leistungen im Verhältnis 2:1 gewertet wurden und „sehr gute Leistungen schwerer zu erreichen waren“ (Rühl), wurden im G8 Eltern- und Schülerprotesten nachgegeben und die schriftlichen Bestandteile entwertet. Jetzt gilt das Verhältnis 1:1. Das führte zu so vielen guten Noten, dass die MB-Dienststellen jetzt vor einem Problem stehen: Sie müssen alle Abiturienten mit 1,3 oder besser für eine Aufnahme in das staatliche Elitenförderprogramm („Max-Weber-Programm“) prüfen. Die fünf je zwölf-minütigen Prüfungen finden dieser Tage statt.

Problem dabei: Das Programm ist stark limitiert – es gibt nur 180 Plätze. Viele Schüler bestehen die Prüfung, erhalten aber kein Stipendium, berichtet der Sprecher des Kultusministeriums, Ludwig Unger. Dieser Enttäuschung wolle man vorbeugen. Ab dem kommenden Schuljahr habe das Kultusministerium daher „eine zusätzliche Hürde“ verfügt: Statt der generellen Notengrenze von 1,3 wird künftig entscheidend sein, dass dieser Notenschnitt allein in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprache sowie Geschichte bzw. Naturwissenschaft erzielt wird. Im Klartext: Leistungen in Randfächern wie Sport oder Kunst zählen bei der Begabtenförderung künftig nicht mehr. Rühl erwartet, dass dadurch künftig „ungefähr ein Viertel“ der Prüflinge wegfallen wird.

Kritisch hinterfragt werden kann trotz anderslautender Jubel-Meldungen („Bayerns Schüler wieder klar mit an der Spitze“, so Kultusminister Ludwig Spaenle) auch die Durchfallerquote. Die 3,1 Prozent bedeuten, dass über 1000 Abiturienten durchgefallen sind – quasi ein ganzes Gymnasium. „Damit ist die Durchfallerquote knapp drei Mal so hoch wie früher beim G9“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands und Leiter eines Gymnasiums in Deggendorf. Ein Grund für diese hohe Quote, die im vergangenen Jahr zu heftigen politischen Debatten geführt hatte, seien Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache als Pflichtfächer bei der Abiturprüfung. Eine Reihe von Schülern rassele deswegen durch.

Meidinger sagt, die Durchfallerquote werde wohl künftig so hoch bleiben. Es sei denn, man schaffe Mathe oder Deutsch als Pflicht-Abifach ab (was er ablehnt). Richtig wäre es stattdessen, Deutsch und Mathe in einem zusätzlichen Schuljahr mehr Zeit einzuräumen. Doch über die Wiedereinführung des G9 müsse die Politik entscheiden.

Von Dirk Walter

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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