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Der "Blaue Wittelsbacher" bevor er umgeschliffen wurde: Damals hatte er noch rund 35 Karat.

Bayerisches Kronjuwel: Ein Schatz, für immer verloren

München - Er ist der wertvollste Stein, den Bayern je besessen hat: der „Blaue Wittelsbacher“. Aus Geldnot wurde er versilbert – jetzt ist der ehemalige Leitstein unwiderruflich verloren. Denn sein neuer Besitzer hat den kostbaren Diamanten umschleifen lassen. Historiker sind entsetzt.

Er kam aus dem Bauch der Erde. 160 Kilometer hat der „Blaue Wittelsbacher“ zurückgelegt, in der Geschwindigkeit, in der ein menschlicher Fingernagel wächst. Der Regen holte ihn mit stetem Tropfen aus dem Gestein – bis er im 17. Jahrhundert in einer indischen Mine entdeckt, zur Mitgift am Wiener Hof und später Leitstein der bayerischen Königskrone wurde. Gewicht: 35,56 Karat, Farbe: funkelnd naturblau, klar wie der Himmel. Dieser einzigartige Stein ist nicht mehr derselbe – denn sein aktueller Besitzer, der Londoner Luxus-Juwelier Laurence Graff, hat ihn umschleifen lassen.

Drei Experten haben mehr als vier Karat von dem Stein abgewetzt, er ist jetzt flacher und bläulicher. War das nötig? Die Fachwelt orientiert sich an den sogenannten „4C“: carat, colour, clarity, cut. Das sind die englischen Begriffe für Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Doch das ist nur ein „abstraktes Wertsystem, um den Verkaufswert zu steigern“, kritisiert Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Historischen Museums Berlin. Er hat sich viele Jahre lang für die bayerische Schlösserverwaltung mit den Kroninsignien des Königreichs Bayern beschäftigt und ist Experte für den „Blauen Wittelsbacher“. Viel wichtiger als der Verkaufswert sei die historische Bedeutung dieses Juwels.

Im 18. Jahrhundert kam der Diamant durch die Heirat von Maria Amalia mit Karl Albrecht von Bayern in das Haus Wittelsbach – die Hofjuweliere bauten das wertvolle Stück in die Kaiserinnenkrone ein. Kurfürst Max Josef machte ihn 1807 zum Leitstein der Bügelkrone Bayerns. Er stand damit für den legitimen Anspruch auf Herrschaft, Macht und Besitz. Doch 1931 wurde der Stein vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds versilbert – in einem Päckchen mit der Reichspost schickte man ihn nach London ins Auktionshaus „Christie‘s“, wie der Münchner Forscher Jürgen Evers herausfand. Lange verschwand der Stein dann von der Bildfläche – bis ihn der österreichische Kaufhaus-König Helmut Horten kaufte. Einer wohl wahren Anekdote zufolge zog dieser ihn bei einem Gartenfest salopp aus der Hosentasche und schenkte ihn seiner Verlobten Heidi.

Der jedoch funkelte der „Blaue Wittelsbacher“ angeblich nicht blau genug – so geriet er im Dezember 2008 in die Hände des Luxus-Juweliers Graff. Für den sagenhaften Preis von fast 16,4 Millionen Pfund – das sind 18,7 Millionen Euro – wechselte der blaue Schatz den Besitzer. Das ist bislang der höchste Preis, zu dem ein farbiger Edelstein jemals verkauft wurde.

„Ein Armutszeugnis“, dass der Freistaat den Schatz nicht gekauft und gerettet hat, findet Rudolf Biehler, 77 Jahre alter Schmuckhändler in München. Biehlers Großvater war vor mehr als 100 Jahren Kurator in der Schatzkammer in der Münchner Residenz – persönlich sorgte er während seiner Amtszeit dafür, dass der Leitstein der bayerischen Königskrone damals gebührend präsentiert wurde. Schließlich war der Diamant mehr wert als alle Stücke der Schatzkammer zusammen. Doch Bayern hatte weder 2008 die knapp 19 Millionen Euro für den Stein, noch die 25 Millionen, die er jetzt angeblich kosten könnte. In der Schlösserverwaltung akzeptiere man den Engpass, heißt es. Und doch versetzt es den Mitarbeitern gerade jetzt einen Stich mitten ins Historiker-Herz, wenn sie an der Krone in der Schatzkammer vorbeigehen. Von deren Spitze glitzert nämlich nur ein Imitat, während der Originalstein ab Donnerstag in Washington ausgestellt wird – seit mehr als 50 Jahren ist er wieder öffentlich zugänglich. Immerhin ist er dort in bester Gesellschaft, schließlich wird er zusammen mit dem blauen „Hope“ – 45,52 Karat – präsentiert.

Die Krönung der Schmach für die Bayern: Juwelier Graff taufte den „Blauen Wittelsbacher“ um in „Wittelsbach-Graff“. Das zeige, dass ihm die Sensibilität für das Thema völlig fehle, beschwert sich Gerhard Immler, Archivdirektor des Hauptstaatsarchivs. Mit der alten Form ist die Möglichkeit, dass der Stein irgendwann zurückkehrt an seinen alten Platz in der bayerischen Krone, für immer verloren.

Carina Lechner

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