Als 18-Jähriger verliert er sein Augenlicht, aber Peter Winter will nicht aufgeben: Heute ist er ein gefragter Mann, stimmt Klaviere in München und Umgebung. 

Mit 18 verlor er sein Augenlicht

Der blinde Klavierstimmer - Eine Geschichte über Willensstärke

Wer ein Klavier stimmen will, braucht ein gutes Gehör, feine Hände – und seine Sehkraft. Oder etwa nicht? Die ziemlich erstaunliche Geschichte des Münchners Peter Winter, 59.

Krailling - Peter Winter ist ganz Ohr. Der 59-Jährige hat in einem Keller in Krailling im Kreis Starnberg am Flügel Platz genommen. Regale mit Noten und Partituren reichen bis an die Decke. In der rechten Hand hält Winter eine Stimmgabel, die linke drückt Tasten. Den Anfang von Beethovens Schicksalssinfonie hämmert er kraftvoll mit beiden Händen, die Stimmgabel klemmt er sich dann zwischen die Lippen. Ab und zu murmelt er „zu hoch“ oder „zu tief“. Seit etwa 30 Jahren stimmt Peter Winter Klaviere in München und Umgebung. Er tut das, ohne zu sehen. Der Blindenstock lehnt hinter ihm an der Wand.

Schneller als andere

88 Tasten hat ein Klavier. Pro Taste werden bis zu drei Saiten angeschlagen. Das macht ungefähr 220 Saiten, die Winter einzeln kontrolliert und nachzieht, mit Wirbeln wie bei einer Gitarre. Beruflich ist er gefragt: im Münchner Kulturzentrum Gasteig, bei Konzerten, bei Familien daheim. An manchen Schulen stimmt Winter an nur einem Tag sämtliche Klaviere durch. Ein Musiklehrer sagt, Winter erledige das perfekt und schneller als andere. Er kommt nur nicht direkt an die Haustüre. Man muss ihn von der S-Bahn- oder Bushaltestelle abholen.

So verlor er sein Augenlicht

Winter ist in München geboren, ursprünglich will er Koch werden. Es kommt anders. 1976 wohnt die Familie in einem Dorf in Franken. Winter ist 18 Jahre alt, als er eines Morgens einen Abfluss sauber machen will. Der Abflussreiniger in der Flasche ist verklumpt. Um ihn zu lösen, füllt er Wasser hinein. Doch das Ätznatron im Reiniger reagiert sofort mit den Wassermolekülen. Die Flasche explodiert, das Mittel verätzt Winters Augen.

Nun müssten die sofort ausgespült werden, aber die Sanitäter im fränkischen Dorfkrankenhaus haben Angst, einen Fehler zu machen. Über Stunden wirkt das giftige Gemisch in Winters Augen ein. Als einige Stunden später endlich ein Augenarzt kommt, schlägt der nur noch die Hände über dem Kopf zusammen. Sehkraft auf beiden Augen: null Prozent.

Die Erinnerung an Captain Kirk bleibt

Mehr als 40 Jahre ist das her, aber Winter erinnert sich daran, wie die Welt ausgesehen hat. An Farben, VW Käfer, Palmen, Wolken, Sterne. Und der Science-Fiction-Fan Winter sagt auch: „Ich weiß noch genau, wie Captain Kirk ausgesehen hat“, der Kapitän aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“.

Wie geht das Leben nach so einem Schlag weiter? Einige Jahre ist Winter Dauergast in verschiedenen Kliniken, er wird immer wieder operiert – ohne Erfolg. „Irgendwann habe ich mich entschlossen: Ich will kein Versuchskaninchen mehr sein“, sagt er heute. Er will wieder selbst entscheiden und teilhaben am Leben.

Musik statt Blindenschrift

In den späten 1970er-Jahren ist das in Deutschland aber schwierig. Wer auf eine spezielle Schule will, um Blindenschrift zu lernen, braucht einen gesetzlichen Vormund. Heute ist das anders, aber damals wirkte es fast zynisch: Wer wieder zurück ins Leben finden will, muss sich entmündigen lassen. Für Winter ein Unding. „Bin ich blöd oder was?“, fragt er heute noch entrüstet. „Damals hab’ ich gesagt: Dann lerne ich diese Schrift halt nicht.“

Der junge Mann wendet sich nun verstärkt einer Sprache zu, deren Schrift er schon beherrscht: Musik. Seit Winter 14 ist, spielt er Schlagzeug. Er hat es sich selbst beigebracht. Zurück in München steigt er bei einer Band ein und tourt mit ihr durch Europa. Ehemalige Bandkollegen sagen über Winter: ein sehr aufmerksamer Musiker, der alles mitkriegt. Ein positiver Mensch. Auch heute spielt und singt er noch, etwa bei „World Affair“ in Berlin. Aber von der Musik leben? „Das ist wie Lottospielen“, sagt Winter. Kommerzieller Erfolg lässt sich nicht planen.

Ausbildung zum Klavierstimmer

Ende der 1970er tut sich eine andere Möglichkeit auf, die mehr Sicherheiten verspricht. Im fränkischen Veitshöchheim kann Winter eine Ausbildung zum Klavierstimmer machen – und das ganz ohne Vormund. Zwei Jahre lernt er dort, wie er sich zurechtfindet, mit dem Blindenstock zu gehen und mit der Stimmgabel zu hören.

Wobei die Stimmgabel nur eines von vielen Werkzeugen ist. In dem Keller in Krailling packt Winter seinen Rucksack aus. 20 Kilogramm Werkzeug schleppt er beim Stimmen immer mit. Er dreht nicht nur die Wirbel, er misst auch Saiten ab, schneidet sie zu oder wechselt sie aus. Mit einem Schraubenhalter fummelt er Schrauben in schwer zugängliche Ecken.

Bundesweit sind laut der Agentur für Arbeit 900 Menschen im Klavier- und Cembalobau tätig. Dazu gehören auch Klavierstimmer. Wie viele davon blind sind? Das weiß niemand. Für Winter ist sein Job jedenfalls nie bloße Routine. „Jedes Klavier hat einen individuellen Klang“, sagt er. Das gelte sogar für fabrikgleiche Modelle.

„Musik muss Seele haben“

Wer so auf Perfektion bedacht ist, kann der noch Musik hören? Aber klar. Für Winter gehört es zum Wesen der Musik, dass sie auch schief und rau sein kann. „Wenn die Kapelle im Bierzelt richtig falsch spielt“, sagt er, „dann ist das manchmal auch schön.“ Sonst mag er „alles, was gut ist“. Das kann Stevie Wonder sein, Miles Davis oder die Stimme von Katy Perry. Winter lehnt kein Genre pauschal ab. Einzige Bedingung: „Musik muss Seele haben.“

Aber die Suche nach dem Besonderen wird immer schwieriger. Man wird ja heutzutage mehr denn je beschallt. Sogar beim Langlaufen in den österreichischen Alpen stellt Winter fest: Immerzu hört man Motoren, Hubschrauber, Flugzeuge, Drohnen. „Einfach mal nichts zu hören, das gibt es heute nicht mehr“, sagt er.

Moderne Geräte oft nicht blindengerecht?

Der Unterschied: Die Sehenden hören dann einfach nicht so genau hin. Ein Blinder kann sich das nicht erlauben. Und manchmal reicht das Hören allein auch nicht. Denn je moderner die Geräte werden, umso schwieriger sind sie zu bedienen. Herd, Wasch- und Kaffeemaschine: Wo früher knacksende Knöpfe waren, drückt man heute auf stumme Touchscreens. Auch an vielen Bankautomaten, sagt Winter, gebe es keine Orientierung.

Wenn ihn etwas besonders ärgert, ruft Winter deshalb schon mal bei einem Hersteller an und fragt, warum man nicht ein blindengerechtes Gerät anbiete. Die Blinden in Deutschland, es sollen zwischen 70 000 und 150 000 sein, sind eigentlich eine sichere Zielgruppe. „Aber viele Firmen machen es halt nicht“, sagt Winter. Genau wie viele Behörden Formulare nicht für Blinde aufbereiten, obwohl sie es eigentlich müssten.

Zum Glück ist das Leben an anderen Stellen leichter geworden. Winter hat etwa ein ganz normales Smartphone, keine Spezialanfertigung. Eine Computerstimme liest ihm in einem Affenzahn den Text von E-Mails, SMS oder Internetseiten vor. Es gibt Apps, die Farben erkennen. Es gibt spezielle Displays, die Text in fühlbare Blindenschrift umsetzen. Und beim Fernsehen gibt es die sogenannte Audiodeskription: In kleinen Pausen zwischen Musik und Dialogen erklärt eine Stimme, was gerade auf dem Bildschirm passiert. „James Bond zieht den Revolver“, heißt es dann zum Beispiel. Oder beim Sport: „Thiago passt nach rechts außen, dort steht Arjen Robben.“

Fernsehen dank Audiodiskription

Seine Tochter nerve das manchmal, wenn er mit Audiodeskription fernsehen will, sagt Winter und lacht. Aber er habe schon einige Freunde dazu gebracht, beim Fußball oder bei den Olympischen Spielen den Audiokanal zu wechseln. Viele seien genervt von den Kommentatoren. „Und was interessiert es mich als Blinder, welche Schuhe Ronaldo hat oder welche Frisur?“, fragt Winter.

Manchmal ist er auch Probehörer fürs Fernsehen, zum Beispiel beim ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 56“. Wenn die Beschreibung unklar ist, gibt er Bescheid. Die Serie war jüngst sogar für den Deutschen Hörfilmpreis nominiert. Gewonnen haben Ende März zwar andere. Aber auch wenn Winter sich über den Preis gefreut hätte – es geht ja um etwas anderes. „Dass es halt blinde Menschen auch gibt“, sagt Winter, „das vergessen viele manchmal.“

Von Bernhard Hiergeist

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