Wirbel um Abschuss-Methode: "Schlachtbank" für Rotwild

Sonthofen/München – Im Allgäu soll angeblich Rotwild angelockt und abgeschossen werden. Der Jagdverband verurteilt das. Wildbiologen verteidigen die Methode – auch wenn es noch keine konkreten Pläne gibt.

Jürgen Vocke, Bayerns oberster Jäger, spart nicht mit martialischen Worten. Er spricht von einer „Schlachtbank“, einem „bloßen Abschlachten des Königs der Wälder“. Der Jagdverband protestiert in einer Mitteilung energisch gegen angebliche Pläne eines privaten Revierbesitzers in Sonthofen, Rotwild in ein Wintergatter zu locken und erschießen zu lassen. „Eine Unterstellung ohne Grund und Boden“, schimpft der Wildbiologe Wolf Schröder.

Wild im Oberallgäu – das ist ein spezielles Thema. Deshalb arbeiten Experten von der Technischen Universität München schon seit drei Jahren an einem Managementplan. Der Leiter des Projekts, das das Landwirtschaftsministerium unterstützt, ist eben jener emeritierte Professor Schröder. Er erklärt das Besondere an der Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen: Die Almen dominieren, es gibt anders als in Oberbayern besonders wenig Wald – dafür aber beste Bedingungen für Rotwild. Die Bayerischen Staatsforsten halten lediglich elf Prozent der Fläche, der Rest ist in privater Hand: Deshalb gibt es viele unterschiedliche Meinungen zum Spannungsfeld Wald und Wild. Dass Abschussquoten nicht immer eingehalten werden, lastet Schröder aber gar nicht nur den Jägern an: „Die Population des Rothirschs ist dort schwer zu begrenzen.“ Heuer kam der milde Herbst dazu: Bei Schnee tun sich die Jäger leichter mit dem Abschuss.

Aktuell sind nach Auskunft des Landratsamtes etwa zwei Drittel des Pflicht-Abschusses erledigt – bis Ende Januar haben die Jäger noch Zeit, um auf 100 Prozent zu kommen. Vor diesem Hintergrund kam jetzt das Gerücht auf, ein Revierbesitzer habe sich eine umstrittene Methode einfallen lassen, um die Quote zu erfüllen. Bei einem Treffen von Jägern vor Ort soll die Idee diskutiert worden sein, das Rotwild mit Futter in eingezäunte Wintergatter zu locken und es dort zu erlegen. Wintergatter sind zwischen 25 und 40 Hektar groß, umgeben von einem 2,50 Meter hohen Zaun – durch spezielle Einsprünge kann das Wild alleine rein zu den Futterständen. Aber nicht raus.

Der Chef des Kreisjagdverbands, Ekkehard Voigt, lud daraufhin 80 Jäger zum Stammtisch ein und machte klar: „Diese Methode ist Abschlachten.“ Auch der Bayerische Jagdverband in München bekam Wind von der Diskussion. Bei der jüngsten Sitzung aller Vertreter von Hochwildhegegemeinschaften sprach einer das Problem an – zur Empörung der ganzen Runde, wie der Tölzer Anton Krinner, Chef des Hochwildreviers im Isarwinkel, berichtet. „Das ist ethisch nicht vertretbar“, schimpft er. Das sei, wie wenn man mit einem Gewehr in einen Hühnerstall gehe und herumballere. Und: „Der Abschuss von Wild in einem Wintergatter ist strafbar“, sagt Krinner.

Festgelegt ist das im Bayerischen Jagdgesetz, Artikel 31: Schalenwild darf nicht in Wintergattern erlegt werden – es sei denn, es ist krank. Allerdings gibt es genehmigungspflichtige Ausnahmen, wenn dadurch die Natur geschützt wird. Genehmigungen erteilt die höhere Jagdbehörde – im Sonthofener Fall die Regierung von Schwaben. Dort wurde aber kein Antrag auf eine Abschussgenehmigung gestellt. Warum also die Aufregung?

Tatsächlich ist der Abschuss im Wintergatter ein Vorschlag, den Wildbiologe Schröder gerade prüft – im März 2012 wird er ein ganzes Bündel von Maßnahmen vorschlagen, wie mit dem großen Rotwildbestand im Oberallgäu umgegangen werden kann. Es gebe aber keine Revierbesitzer, die konkrete Pläne haben. Und: „Diese Kontrolle ist nicht neu, in Österreich und im Nationalpark Bayerischer Wald wird das auch gemacht“, sagt er. Auch Wildbiologe Andreas König, ebenfalls Projekt-Mitarbeiter, verteidigt die Methode: Werde der Abschuss von Profis wie Berufsjägern fachlich richtig durchgeführt, etwa durch eine räumliche Abtrennung im Gatter, sei dies schonender, als wenn das Wild das ganze Jahr über dauerbelagert werde. König betont aber: „Natürlich kann ich nicht von der Zuschauertribüne aus losballern.“

Die Basis im Oberallgäu ging gestern auf Distanz zu den Gerüchten, die der Jagdpräsident Vocke am Vortag heftig kritisiert hatte. In einer internen E-Mail betont der erste Vertreter für die Jagd im Oberallgäuer Jagdbeirat, es gebe weder den Antrag, noch die Absicht, eine Abschussgenehmigung zu beantragen. „Wer diese Lügen verbreitet hat, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Es scheine sich aber um „Gesellen zu handeln, die der Jagd schaden wollen und die unbeabsichtigt oder absichtlich unseren Jagdgegnern in die Hände spielen.“

Carina Lechner

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