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Wie kleine Bohrmaschinen fräsen sich die Borkenkäfer durch das Holz.

Tausende Käfer in den Fallen

Oberbayern droht ein Borkenkäfer-Desaster

Schon 2017 war für Forst- und Waldbesitzer ein katastrophales Borkenkäfer-Jahr. Doch heuer könnte es noch schlimmer kommen. In den Fallen, in denen sich zu dieser Jahreszeit normalerweise 3000 Käfer finden, zählen Experte bis zu 10.000 Borkenkäfer. 

München – Seit Tagen steht bei Ralf Petercord das Telefon kaum mehr still. Und meistens geht es in diesen Tagen nur noch um ein Thema: den Borkenkäfer. Petercord ist Chef der Abteilung Waldschutz der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (LWF) und hat deshalb in Sachen Borkenkäfer den besten Überblick. „Die Ausgangslage in diesem Jahr ist ähnlich besorgniserregend wie im vergangenen Jahr“, sagt er.

Video: Warnung vor dem Borkenkäfer in Oberbayern

3,5 Millionen Festmeter Schadholz war die Bilanz des Borkenkäferjahres 2017. Für die bayerische Forstwirtschaft entstand ein Schaden von 100 Millionen Euro. In diesem Jahr könnte sich all das wiederholen. Es gibt bereits erste Befälle, doch was die Forst- und Waldbesitzer noch mehr beunruhigt, ist die erneut hohe Populationsdichte des Borkenkäfers. Festzumachen ist dies anhand der 400 Pheromonfallen, die in Bayern als Kontrollnetz installiert sind.

Finden sich dort mehr als 3000 Käfer pro Woche und Falle, sprechen Experten von einer große Gefahr. In diesem Jahr wurden mancherorts bis zu 10 000 Käfer gezählt. Besonders gefährdet sind derzeit Wälder in Niederbayern, dem nördlichen Oberbayern, der südlichen Oberpfalz und der Münchner Schotterebene.

Ist ein Baum einmal befallen, gibt es keine Rettung mehr, er stirbt nach wenigen Tagen ab. 

Alarmiert ist auch die Politik: Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) rief alle Waldbesitzer dazu auf, die Bestände in den kommenden Wochen genau zu kontrollieren und befallene Bäume möglichst rasch zu fällen, zu entrinden und aus dem Wald zu entfernen. Eine „saubere Waldwirtschaft“ sei die einzige Möglichkeit, um ein Absterben größerer Waldflächen zu verhindern.

Es sind mehrere Faktoren, die dafür gesorgt haben, dass sich der Borkenkäfer so gefährlich ausgebreitet hat. „Die vergangenen Jahre waren infolge der Klimaerwärmung zu warm und zu trocken“, sagt Petercord. „Der Borkenkäfer konnte sich sehr stark vermehren.“ Dazu kommen die großen Sturmschäden der vergangenen Jahre. Umgestürzte Bäume sind ein Brut-Paradies für die Schädlinge.

Auch in diesem Jahr war das Klima für den Borkenkäfer bisher ideal. Im Februar und März gab es kaum Niederschlag und der April war im Durchschnitt fünf Grad zu warm. Zudem setzt der Hitzestress den Bäumen zu. Sie sind dadurch noch anfälliger für den Befall.

Besonders gefährdet sind die Fichten, die von den Borkenkäfer-Arten Buchdrucker und Kupferstecher befallen werden. Die Käfer dringen in die Rinde ein und unterbrechen den Saftstrom des Baumes. Er stirbt ab. Einzelner Käfer kann sich die Fichte noch mittels Harzabsonderung erwehren. „Doch schon bei 200 Käfern hat auch eine gesunde Fichte keine Chance mehr“, sagt Petercord.

Befallen werden die Fichten zuerst von einigen Männchen, die sich durch die Rinde bohren und dann mit Duftstoffen Weibchen und andere Männchen anlocken. Nach der Paarung legt ein Weibchen bis zu 150 Eier im Holz ab, sechs Wochen später schwärmen die Jungkäfer aus.

Bis zu drei Generationen können pro Jahr entstehen. Zudem kann das Weibchen nach kurzer Regeneration in einem anderen Baum erneut Eier ablegen, es entstehen sogenannte Geschwisterbruten. Ein Weibchen kommt so in einem Sommer auf bis zu 100 000 Nachkommen.

Natürliche Feinde wie die Schlupfwespen können eine hohe Zahl von Borkenkäfern nicht wirksam reduzieren. Ein Insektizid gibt es nicht. Die einzige Methode, um eine Verbreitung zu verhindern, ist, den befallenen Baum möglichst rasch aus dem Wald zu schaffen. „Mindestens 500 Meter weit weg“, sagt Petercord. Gartenbesitzer mit Fichten sollten darauf achten, die Bäume ausreichend zu wässern. Feuchtigkeit mag der Borkenkäfer nicht.

Wie schlimm wird es dieses Jahr? Petercord mag dies noch nicht abschließend beantworten. Das hänge von der Witterung ab und davon, wie konsequent die Waldbesitzer gegen den Borkenkäfer vorgingen. „Ich sehe hier aber bereits sehr viel Aktivität, deshalb habe ich noch Hoffnung, dass die Verluste nicht ganz so dramatisch werden“, sagt er. Langfristig aber müsse man aufgrund des Klimawandels grundsätzlich umdenken. Derzeit liegt der Fichtenbestand in Bayern bei 41 Prozent. Das wird sich ändern. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als den Fichtenbestand in Bayern stark zu reduzieren“, sagt Petercord. Ansonsten sei die Gefahr zu groß, jedes Jahr durch den Borkenkäfer große Waldflächen zu verlieren.

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Von Beatrice Ossberger

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