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Türkischer Bub starb vor über 30 Jahren bei Brandanschlag: Fall am Mittwoch bei „Aktenzeichen XY…ungelöst“ 

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Von: Johannes Welte

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Das Opfer des Brandanschlags: Der fünfjährige Ercan.
Das Opfer des Brandanschlags: Der fünfjährige Ercan. © privat

Bei einem Brandanschlag vor über 31 Jahren kam der fünfjährige Ercan ums Leben. Bei der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ werden nun Zeugen gesucht.

München - Über 31 Jahre ist es her, dass auf ein von mehreren türkischstämmigen Familien bewohntes Wohnhaus in Kempten ein Brandanschlag verübt wurde. Dabei kam der fünfjährige Ercan ums Leben. Jahrzehntelang blieb ein Bekennerschreiben unbeachtet, in dem sich eine „Anti-Kanaken-Front Kempten“ zu dem Feuerattentat bekannte. Bei „Aktenzeichen XY…ungelöst“ sucht Moderator Rudi Cerne am Mittwoch um 20:15 Uhr im ZDF nach Zeugen der Tat.

Türkischer Bub starb 1990 bei Brandanschlag: Erst jetzt Terrorermittlungen

Orhan G. (Name geändert) war 17, als er am 17. November 1990 nachts aufwachte, weil er seine Mutter schreien hörte. Rauch zog durch die Wohnung, Unbekannte hatten im Treppenhaus Feuer gelegt.

Im ersten und zweiten Obergeschoss hatte Unbekannte im hölzernen Treppenhaus Brandbeschleuniger verschüttet und Feuer gelegt
In diesem Haus wurde der Brandanschlag verübt. Es wurde später abgerissen © dpa/Polizei Schwaben Südwest

Wie er, sein Zwillingsbruder und seine ein Jahr ältere Schwester und seine Mutter aus dem Fenster im zweiten Obergeschoss springen konnten, daran kann sich Orhan G. kaum erinnern. Der kleine Bruder wird noch von der Feuerwehr gerettet, doch er stirbt im Krankenhaus an den Folgen einer schweren Rauchvergiftung. Die Schwester erleidet einen Wirbelbruch und beinahe eine Querschnittslähmung.

Ein paar Tage später geht bei der Lokalzeitung das „Bekennerschreiben“ ein. In Runenschrift und mit einem Hakenkreuz daneben erklären die unbekannten Verfasser, der „von uns verübte, sehr erfolgreiche Anschlag auf das von Türken bewohnte Haus in der Füssener Straße war erst der Anfang.“ Sie drohten: „Wir werden nicht ruhen, bis Kempten von allen undeutschen Kreaturen befreit ist.“ Kempten werde die „erste Stadt sein“, die „nicht von Schwulen, Linken, Ausländern und anderen Schweinen geplagt“ werde.

Das Bekennerschreiben scheint damals von den Ermittlern nicht besonders ernst genommen worden zu sein. „Leider wurde damals kaum in diese Richtung ermittelt“, so der Blogger Sebastian Lipp von allgaeu-rechtsaussen.de. „Stattdessen hat man die Täter im Haus gesucht.“ Vermutet wurde ein Streit der türkischstämmigen Hausbewohner als Hintergrund der Tat.

„Hintermänner des anonymen Briefs habe man nicht finden können“

Nach Lipps Recherchen erschienen im Herbst 2020 Artikel in der Zeit und im Tagesspiegel. „Die Hintermänner des anonymen Briefes habe man damals nicht finden können, ein fremdenfeindliches Motiv der Tat konnte aufgrund der durchgeführten Ermittlungen nicht belegt werden, letztlich auch nicht ausgeschlossen werden“, erklärte der Kemptner Staatsanwaltschaft David Beck der Zeit.

Ende 2020 nahm die Generalstaatsanwaltschaft in München als Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus die Ermittlungen wegen Mordes wieder auf. Bei der Kriminalpolizei in Neu-Ulm wurde eine Sonderkommission eingerichtet.

Ercans Familie wurde von den neuen Entwicklungen überrascht. Sein Bruder Orhan zur tz: „Wir wussten nichts von dem Bekennerschreiben, es war nie thematisiert worden.“ Dabei sei es damals in der Zeitung abgedruckt worden und der Polizei im Original vorgelegen.

Die Familie hatte mittlerweile ihr Leben weiter gelebt, Orhan G. arbeitet jetzt als Kinderarzt in Westdeutschland, seine Schwester und sein Bruder sind ebenfalls weggezogen, die Eltern leben aber immer noch in Kempten. „Wir sind beruflich weggezogen“, erklärt Orhan G. „Wir haben uns trotz der Tat in Kempten zu Hause gefühlt.“ Doch die neuen Entwicklungen wühlen die Familie auf. „Vor allem in der türkischen Community wird der Fall sehr diskutiert,“ so Orhan G.

Beim Blogger LIpp weckt die Tatsache, dass vor allem im Umfeld der Familie ermittelt wurde, während man einem möglichen rechtsextremen Hintergrund nicht intensiver nachging, Erinnerungen an die NSU-Mordserie: “Hier gingen die Ermittler lange nicht von einem rechtsradikalen Hintergrund aus, bis sich die Täter durch ihren Selbstmord selbst outeten.”

Anfang der 90er Jahre gab es eine rechtsradikal motivierte Serie von Attentaten: Bei Brandanschlägen in Mölln und Solingen starben 1992 und 1993 acht türkischstämmige Menschen. Auch im Allgäu gab es weitere rechtsextreme Anschläge: Am 6. Oktober 1990 verübten drei Neonazis einen Brandanschlag auf eine Arbeitersiedlung in Kaufbeuren, sechs Tage später erlitten sieben kurdische Bewohner bei einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Kaufbeuren teils schwere Verletzungen, bei einem Brandanschlag am gleichen Tag auf ein Flüchtlingsheim in Immenstadt wurden zwei Bewohner massiv verletzt, als sie panisch aus dem Fenster sprangen. Am 11. Juni 1993 setzten Unbekannte in Kempten in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses mehrere Autos in Brand, unter den zwölf verletzten Bewohnern waren sechs türkischstämmig. Auch hier ging die Polizei nicht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. *tz.de/muenchen und wa.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

2016 und 2019 wurden in Hagen die Knochen eines Vermissten aus Menden gefunden. Der Fall ist ebenfalls um 20.15 Uhr in der Sendung „Aktenzeichen XY“ (ZDF) zu sehen.

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