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Auch für die Lehrer ist es oft nicht leicht.

"Manchmal machtlos"

Brandbrief: Jetzt spricht eine Lehrerin

München -  Eine Mutter hatte mit einem Brandbrief ihrem Ärger über bayerische Schulen gemacht. Der Kultusminister hat schon reagiert, nun meldet sich auch eine Grundschullehrerin zu Wort.

Wie nervig ist der Schulalltag? Auf den „Brandbrief einer Mutter“ antwortet nach der Reaktion des Kultusministers nun quasi die Gegenseite – eine Lehrerin hat sich die Mühe gemacht, auf die Kritikpunkte detailliert einzugehen:

„Sehr geehrte unbekannte Dame, mit großem Interesse habe ich Ihren oben genannten Artikel gelesen. Ich möchte einige weitere Denkanstöße geben, und zwar sowohl für als auch gegen die genannten Argumente.

-Zu dem Thema „Lehrer haben viele Ferien“ kann ich nur sagen. Ja, das stimmt!. Und ich wäre sofort einverstanden ab sofort nur noch genauso viele Urlaubstage zu haben wie ein ,normaler’ Angestellter. Aber nur unter der Bedingung, dass ich diesen Urlaub dann auch genauso frei im Jahr verteilen kann, wie ein normaler Angestellter! Ich möchte dann bitte auch im Mai 3 Wochen in Urlaub fahren können, wenn es in Venedig gerade schön sonnig ist oder in Thailand. Aber das geht nicht, weil die SchülerInnen die Lehrer brauchen! Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Ferien sind nicht für die Lehrer da, sondern für die Schüler! Und weil Kinder diese Pausen brauchen, wurden die Ferien regelmäßig (und großzügig) verteilt. Deswegen sehe ich es so, dass ich für die Tatsache, dass ich als Lehrer mit meinem Urlaub ein Berufsleben lang immer an feste Zeiten gefesselt bin, durch die etwas längeren Ferien entschädigt werde.

Insgesamt verstehe ich Ihre Haltung im Artikel und Ihre Kritik am System. Aber ich finde es schade, dass sie die Kritik v.a. auf die Lehrer richten, obwohl Sie eigentlich das System kritisieren wollen.

-Zuerst einmal möchte ich darauf eingehen, warum in den ersten und letzten Schulwochen ,kaum Unterricht’ stattfindet und die Kinder anscheinend nur ,bespaßt’ werden. Der Leerlauf vor den Sommerferien hat einen einfachen Grund: den Notenschluss. Und so unglaublich es auch klingen mag, viele Kinder (selbst in der Grundschule, aber v.a. auf weiterführenden Schulen) arbeiten nur mit, um einigermaßen gute Noten zu bekommen. Wenn dieser Anreiz von außen (= extrinsische Motivation) ein paar Wochen vor Schulende wegfällt und alle Schüler nur noch müde und uninteressiert (,Ist ja eh egal, gibt keine Noten mehr’) in den Banken hängen, dann ist man auch als Lehrer fast machtlos.

Ähnliches gilt für den Musikunterricht, der scheinbar ,ohne Engagement’ gehalten wird. Wenn eine Mehrzahl der SchülerInnen kein Interesse am Fach hat (egal aus welchen Gründen) und nicht mitarbeitet, dann ist man als Lehrer geliefert. Dass sich die Stunden dann in die Lange ziehen, kenne ich noch aus meiner eigenen Schulzeit und oft lag das eben nicht am mangelnden Engagement der Lehrer, sondern am mangelnden Engagement der Schüler. Hier könnte die Regierung tatsächlich schnell etwas ändern, z.B. die Noten erst nach dem tatsächlichen Ende des Schuljahres vergeben oder auch Nebenfächer als übertrittsrelevant anrechnen. Beide Lösungen würden die extrinsische Motivation sicher heben, aber den SchülerInnen auch mehr Stress machen.

-Zum Schulanfang: Um guten Unterricht halten zu können, muss man seine Kinder kennen. Man muss wissen, was sie schon können (bzw. was sie sich gemerkt haben) und was noch nicht (bzw. was sie vergessen haben). Man muss außerdem herausfinden, auf welchem Niveau die Klasse steht, denn nichts ist schlimmer, als wenn man eine Klasse gleich zu Beginn überfordert. Außerdem schadet es nicht, wenn man die sozialen Beziehungen der SchülerInnen kennt. Alle diese Vorgänge brauchen aber etwas Zeit, schließlich wäre es unfair, die ganze Jahresplanung nur z.B. vom Eindruck der ersten beiden Schultage abhängig zu machen.

Erst nach einer Anlaufphase (etwa 5-8 Schultage) kann eine Lehrkraft also guten und passenden Unterricht planen. Nicht zu vergessen ist, dass sich auch die Klasse auf den (neuen) Lehrer einstellen muss. Dieser verwendet eventuell andere Methoden und hat einfach eine andere Art oder Auftreten. (Natürlich läuft etwas nicht ganz rund, wenn diese Anlaufphase sich bis zu den Herbstferien zieht.)

-Sich über schlecht geplante Klassenfahrten aufzuregen, finde ich überflüssig und nicht zielführend. Die meisten Lehrer könnten auf Klassenfahrten gut und gerne verzichten. Sie bieten diese nur an, weil es von den Eltern oder dem Schulprofil (,Mit gemeinsamen, außerschulischen Erlebnissen stärken wir unseren Zusammenhalt’ u.a.) verlangt werden. Der Mehraufwand, den die Lehrer dabei tragen (Organisation im Vorfeld und permanente Aufsicht), wird nämlich in keinster Weise berücksichtigt.

Und ja, es gibt sicher Lehrkräfte, die die ,Montagskrankheit’ haben und andere, die in 30 Jahren nicht einen Tag krank waren. Aber in welchem Berufsstand gibt es nicht solche Unterschiede zwischen den Mitarbeiter? Außerdem muss ich noch einmal darauf hinweisen, dass man in einer Schule Kontakt zu vielen und v.a. jungen Menschen hat. Deswegen ist es mir lieber, dass ein Kollege mit Schnupfen fehlt, bevor er die halbe Schule ansteckt und den Betrieb damit für Wochen lahm legt.

Auch einige ihrer weiteren Forderungen (z.B. zum Englisch oder Sportunterricht) haben nichts mit einer Reform des Beamtenapparates oder mit einer schülerfreundlichen Schulreform zu tun. Trotzdem auch dazu ein paar Sätze.

-Mehr Sport zu fordern ist richtig. Aber das Gleiche gilt auch für Deutsch und Mathe und Kunst und Musik. Leider kann man Kinder nicht den ganzen Tag fordern oder unterrichten, auch wenn es ihnen noch so gut täte, deswegen wurden für die Schule Schwerpunkte gesetzt. Jeden Tag in der Schule eine Stunde Sport zu machen, ist schlichtweg sinnlos, weil allein für das Umziehen vor und nach dem Sport oft mehr als 20 Minuten gebraucht werden. Von einer Stunde Sport bliebe also nur noch die Hälfte übrig. Das ist zu wenig Zeit, um sinnvollen Sport anzubieten. Ähnliche Zeitprobleme ergeben sich, wenn große Sportgeräte aufgebaut werden müssen. Außerdem gibt es manchmal gar nicht mal genug Turnhallen, um dies zu ermöglichen. Die Stundenplangestaltung ist dann schon ein Albtraum, wenn sich nur zwei Schulen mit regulären Sportstunden eine Halle teilen.

Viele Kinder können im Schulsport heute weniger leisten, weil sie die körperlichen Voraussetzungen nicht mehr haben. Dieses Defizit der ,heutigen’ Kinder im Vergleich zu ihren Vorgängern vor einigen Jahren/ Jahrzehnten hat einen Grund. Sie laufen nicht mehr zur Schule, sondern werden häufig im Auto gebracht, sie müssen ihren Schulranzen kaum selber tragen, keine Einkäufe mehr erledigen und auch am Nachmittag werden sie zu ihren Freunden mit dem Auto gefahren. Statt auf Bäume zu klettern, wird zusammen mit der Wii gespielt.

Aber wie soll man einem Kind das Radschlagen beibringen, wenn es kaum das Gleichgewicht auf einem Bein halten kann? Und wie soll das mit 20 Kinder gleichzeitig funktionieren? Dieser Aspekt betrifft auch das im Artikel angesprochene Boden- und Geräteturnen. Wenn der Schulsport also scheinbar auf Lauf-, Ball- und Fangspiele ,reduziert’ wird, dann liegt das nicht nur an den scheinbar ,unengagierten’ Lehrkräften, sondern hat viele Ursachen.

-Den Englischunterricht in der Grundschule noch früher anzusetzen, wäre nicht zielführend. Bevor eine andere Sprache in der Schule richtig gelernt werden kann, muss man seine Muttersprache richtig beherrschen. Sonst kommt es zu Verwirrungen und Denglisch-Formen, die sich später nur schwer wieder umlernen lassen. Selbst in der 3. Klasse ist es für viele Kinder fast eine zu große Herausforderung, Englisch zu lernen. Wenn es dann noch Kinder gibt, die neben dem Deutschen bereits eine andere Muttersprache haben, ist das Sprachchaos programmiert.

-Sommerlerncamps mit Lehrern in der Schule anzubieten, erscheint mir grenzwertig. Es dürfte der Allgemeinheit schwer zu vermitteln sein, warum sie für die Sommerbetreuung anderer Leute Kinder aufkommen soll. Wenn diese Angebote zudem nicht verpflichtend, sondern freiwillig sind, dann entsteht damit sogar eine noch stärkere Selektion und Ungerechtigkeit. Außerdem wird z.B. den Vereinen so jede Chance genommen, um in den Sommerferien eine Orchesterfreizeit, ein Pfadfinder-Zeltlager oder ein Wasserwacht-Wochenende durchzuführen. So scheint zwar die Schulkulturlandschaft aufzublühen, aber anderen Kulturträgern wird damit das Wasser abgegraben. Und die Kinder verlernen es noch mehr, ihre freie Zeit verantwortungsvoll und v.a. in einem selbstbestimmten Sozialumfeld zu planen.

Wie bereits gesagt, ich kann Ihre Kritik am aktuellen Schulsystem gut verstehen. Leider haben Sie jedoch so viele andere (und z.T. nur scheinbare) Probleme in diesen Artikel mit hineingepackt, dass Ihr Hauptargument kaum noch sichtbar ist.

Mit freundlichen Grüßen!

PS: Zu meiner Person: Ich bin angehende Grundschullehrerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck und habe durch meine Ausbildung und den Kontakt mit erfahrenen Lehrkräften vielleicht einen etwas anderen Blick auf die Sache als eine Mutter ihn hat. Ich möchte (genau wie die Dame in ihrem Artikel) nicht namentlich genannt werden (gleiches Recht für alle).“

Lehrerverband zum "Grundschul-Abi": Kinder erschöpft

Lesen Sie auch, was der Lehrerverband zum "Grundschul-Abi" sagt.

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