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Über eine Notrufsäule holt sich diese Frau nach einer Autopanne Hilfe.

Wer braucht heute noch eine Notrufsäule?

München - Alle paar Kilometer gerät sie in den Blick des Autobahnfahrers: die orange-farbene Notrufsäule. Ist diese in Zeiten von Handys nicht längst überflüssig? Von wegen: In der zentralen Leitstelle gehen jährlich 280 000 Anrufe ein.

Wer auf bayerischen Straßen nach einem Unfall oder einer Panne die Notrufsäule bedient, landet in Hamburg. In einem Call-Center der GDV-Dienstleistungs- GmbH (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) werden die eingehenden Anrufe entgegengenommen. Das Büro ist wie eine richtige Leitstelle ausgestattet, auf mehreren Monitoren können Mitarbeiter Daten abrufen und eingeben, um den Betroffenen schnell helfen zu können.

„Notruf der Autoversicherer, mein Name ist Graf“ – so oder so ähnlich wird der Autofahrer begrüßt, wenn Handan Graf den Anruf entgegennimmt. Seit acht Jahren ertönt ihre Stimme vom Seitenstreifen. Einmal meldete sich ein Mann bei ihr, der sie inständig bat, die Polizei zu rufen, weil er so betrunken war, berichtet Graf. Ein anderes Mal haben sich Autodiebe als Polizisten ausgegeben und das Fahrzeug einer Frau entwendet, die den Diebstahl völlig aufgelöst über die Notrufsäule durchgab.

Bei manchen Anrufen muss Graf auch schon mal „schlucken“, wie sie erzählt. Ein Mann meldete einen Unfall mit einem Motorrad. „Wie geht es dem Motorradfahrer“?, fragte Graf. „Er ist tot.“ Auch in diesen Situationen muss die 38-Jährige die Nerven behalten und schnell Hilfe organisieren. Viel Zeit über die einzelnen Schicksale nachzudenken, hat sie nicht. Beim nächsten Notruf muss sie wieder „100 Prozent da sein“.

Seit 1999 werden die insgesamt 16 150 Notrufsäulen in Deutschland von der GDV-Versicherung betrieben, davor war es der Staat, der aber weiterhin mit seinen Autobahnmeistereien für den technischen Unterhalt zuständig ist. Die Anzahl der Säulen ist in den vergangenen Jahr konstant geblieben, berichtet GDV-Pressereferent Christian Lübke. Die 280 000 Anrufe im Jahr bestätigen, wie wichtig die Notrufsäulen noch sind, sagt er. Denn bei Funklöchern oder einem Akku, der nicht aufgeladen ist, nütze das Handy wenig.

Aber auch sonst hat die Notrufsäule Vorteile gegenüber dem Mobilfunk. In der Notrufzentrale in Hamburg wissen die Mitarbeiter sofort, wo der Anrufer sich befindet, da die Säule die Geodaten übermittelt. Denn nach einem Unfall, wenn die Aufregung groß ist, fällt die Orientierung schwer. Da noch zu sagen, auf welchem Streckenabschnitt man sich befindet und in welcher Richtung, überfordert so manchen.

Das gilt auch für die Land- und Bundesstraßen, aber dort werden die Notrufsäulen mehr und mehr abgebaut. „Die Anrufe haben abgenommen“, erklärt Melanie Storch von der Björn Steiger Stiftung, die für den Betrieb der Notrufsäulen an den Land- und Bundesstraßen zuständig ist. Zugenommen hatten dagegen die Beschädigungen: „2007 gab es jeden Tag eine“, sagt Storch. Einmal wurde mit einem Baseballschläger gegen die Säule gehauen, ein anderes Mal mit dem Auto dagegen gefahren.

7700 Notrufsäulen hat es noch vor ein paar Jahren entlang der Land- und Bundesstraßen gegeben, 3000 sind es jetzt. Die eingesparten Betriebskosten investiert die Stiftung in ein Handyortungssystem, damit die Anrufer schnell lokalisiert werden können. Ganz verschwinden werden die Notrufsäulen aus dem Straßenbild aber nicht. „Es gibt weiterhin Stellen, wo immer eine stehen wird“, sagt Storch. Überall dort, wo die Autofahrer kein Netz haben.

Von Mieke Meimbresse

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