+
Brauchtum und Geselligkeit in Gefahr? Gemeinden fürchten um ihre Traditionsfeiern – wegen der strengen Auflagen.

Strenge Auflagen für Traditionsfeiern

Brauchtum unter Bürokratiezwang

München - Die Bürokratie bedroht das Brauchtum: Vereine müssen mit immer schärferen Auflagen kämpfen, um Bälle, Mai- oder Stadlfeste zu organisieren. Viele Gemeinden bangen wegen der strengen Rechtslage um ihre Traditionsfeiern.

Christoph Kammerlander hat sich vor einigen Tagen getraut, seine große Sorge laut auszusprechen. Sie plagt ihn schon lange. Der 24-Jährige fürchtet, dass sich bald keine Vereine mehr den wachsenden Bürokratieaufwand antun, um für ihre Gemeinde Feiern zu organisieren. Kammerlander ist seit sechs Jahren Oberbursch in Perchting (Kreis Starnberg) – er weiß, wovon er spricht. Denn selbst die kleine Maifeier, die der Burschenverein stemmt, wird von Jahr zu Jahr eine größere Herausforderung. Und Kammerlander ist nicht der Einzige, der sich Sorgen macht, dass die Motivation irgendwann nicht mehr ausreicht, um die immer schärferen Auflagen zu erfüllen.

„Am schwierigsten ist es bei Stadlfesten“, sagt er. Schon Wochen vorher muss er im Landratsamt einen Plan abgeben, der von einem Architekten und einem Brandschutzexperten unterschrieben ist. Die Burschen müssen schon genau wissen, wo und wie sie das Zelt aufbauen. Oder die Bühne. Oder die Bar. Sie müssen eine genau nach der Besucherzahl festgelegte Anzahl Sicherheitskräfte organisieren – noch bevor sie einschätzen können, ob schlechtes Wetter sie Gäste kosten könnte. Jedes Fest wird zum Risiko – denn kein Verein kann es sich leisten, am Ende draufzuzahlen.

Christoph Kammerlander war sich sicher, dass nicht nur der Perchtinger Burschenverein vor diesem Problem steht – aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er soviele Anrufe und Nachrichten bekommen würde, wenn er das Problem öffentlich anspricht. Simon Kahl und seine Burschen aus Steinebach (Kreis Starnberg) stehen gerade vor demselben Problem. Sie wollen in vier Wochen eine Beachparty organisieren – seit Jahren ein Riesenereignis in der kleinen Gemeinde. Doch immer strengere Regeln dämpfen die Vorfreude der Burschen. „Unsere jüngsten Mitglieder sind 15“, sagt Simon Kahl. Sie helfen beim Aufbau und werden, wenn sie Pech haben, von den Sicherheitskräften nach Hause geschickt, bevor die Party beginnt. „Ich weiß nicht, wie ich sie dann motivieren soll, am nächsten Tag beim Aufräumen zu helfen.“

Es sind nicht die Gemeinden und Landratsämter, die den Vereinen Steine in den Weg legen, betont Wilfried Schober, Pressesprecher des Bayerischen Gemeindetages. Er bekommt ständig Anrufe aus Rathäusern – schon seit Jahren. Die Kommunen müssen sich an eine immer schärfere Rechtssprechung halten. „Sobald irgendwo ein Unfall passiert, hat das Folgen“, sagt Schober. Die Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg hat seit 2010 auch die Auflagen für kleine Feiern verändert. Immer mehr Gemeinden überlassen es inzwischen den Vereinen, Traditionsfeiern auszurichten – und die können den größeren Aufwand ehrenamtlich fast nicht mehr stemmen. „Irgendwann tut sich das keiner mehr an“, befürchtet Schober.

Aber er sieht noch ein anderes Problem: „Die Mentalität der Menschen hat sich verändert“, sagt er. Es werde heutzutage schon bei kleinen Unfällen sofort geklagt und Schmerzensgeld gefordert. „Dieses Denken tut dem Brauchtum weh. Es geht daran kaputt – im Stillen.“ Schober ist überzeugt: „Wir haben in Deutschland ein perfektes Rechtssystem. Aber es lähmt uns.“ Beispiele finden sich in jeder Gemeinde, betont er. Etwa kleine Grillfeiern, die früher oft von Pfarrgemeinderäten organisiert wurden. Inzwischen sind die Hygienevorschriften und Auflagen so streng, dass sich kaum noch jemand findet, der so einen geselligen Nachmittag auf die Beine stellen würde. Auch Franz Bergmüller, Vorsitzender des Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur, ist grundsätzlich gegen die immer strengeren Auflagen, die kaum noch zu erfüllen sind, betont er. „Aber wenn es sie gibt, müssen sie für alle gelten, nicht nur für uns Wirte.“

Die Perchtinger Burschen haben es dieses Jahr trotz aller Hürden wieder geschafft, ihr Maifest zu organisieren. Es war ein voller Erfolg – aber auch jede Menge Arbeit, die von den Gästen kaum einer mitbekommt. Christoph Kammerlander weiß nicht, wie lange er neben Arbeit und Studium für solche Aufgaben noch Zeit finden wird. Die Motivation geht ihm immer mehr verloren – und die vielen Anrufe und Briefe, die er bekommen hat, beweisen ihm, dass er nicht der Einzige ist, dem es so geht. Dass seine Sorge ums Brauchtum nicht unbegründet ist.

KATRIN WOITSCH

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Asylbewerber vor Disko zusammengeschlagen - Zeugen lachen
Ungeheuerlicher Vorgang vor dem Eingang einer Diskothek in Rosenheim: Dort verprügelten mehrere in Tracht gekleidete Menschen einen Asylbewerber - anwesende Zeugen …
Asylbewerber vor Disko zusammengeschlagen - Zeugen lachen
Ein Toter und ein Schwerverletzter beim Baumfällen
Beim Fällen eines Baumes ist im Allgäu ein schlimmer Unfall passiert. Ein 79-Jähriger ist getötet und ein 52-Jähriger schwer verletzt worden.
Ein Toter und ein Schwerverletzter beim Baumfällen
Arbeiter stirbt bei Bohrarbeiten an der A3
Bei einem Arbeitsunfall auf der Autobahn 3 in der Oberpfalz ist am Sonntag ein Arbeiter einer Spezialfirma von einem Bohrgestänge am Kopf getroffen worden und gestorben.
Arbeiter stirbt bei Bohrarbeiten an der A3
Junger Motorradfahrer verliert Kontrolle: Schwer verletzt 
Ein verhängnisvoller Lenkfehler endete für einen 17-jährigen Motorradfahrer am Freitag in München im Krankenhaus. Der junge Biker stieß mit seinem Gefährt gegen einen …
Junger Motorradfahrer verliert Kontrolle: Schwer verletzt 

Kommentare