Weltkriegsästhetik: 250 Rechtsextremisten aus ganz Bayern demonstrierten am Sonntag, dem Volkstrauertag, in Wunsiedel. Foto: dpa

Die braune Szene formiert sich neu

München - Die oberbayerische Neonazi-Szene befindet sich im Umbruch. Seit seiner Haftentlassung versucht der verhinderte Attentäter Martin Wiese, neue Bündnisse zu schmieden. Die Enthüllung der ostdeutschen Terrorzelle wird dabei offenbar als störend empfunden.

Der Postbote erledigte seine Aufgabe pflichtgemäß. Der Hassbrief an eine jüdische Organisation war korrekt adressiert: richtige Straße, richtige Hausnummer, richtige Postleitzahl, München - nur dann folgte der Zusatz „Hauptstadt der Bewegung“. Als die Mitarbeiter den ordentlich ausgelieferten Brief öffneten, wurde er schnell ein Fall für den Staatsschutz: „Juda - ab ins Gas“, hieß es da. Und unter einem Hakenkreuz: „Der Kampf geht weiter!“

Auch in Oberbayern gibt es eine agile rechtsextremistische Szene: 290 Mitglieder rechtsextremistischer Parteien sowie mehr als 150 Neonazis und etwa 100 Skinheads. Meist sind sie in Kleinstgruppen organisiert - beispielsweise in der Jagdstaffel D.S.T. in Geretsried, den Freien Nationalisten München und im Aktionsbund Freising. Kaum eine hat mehr als zehn Mitglieder.

„Die etwa 80 Personen umfassende Münchner Neonazi-Szene befindet sich seit Anfang des Jahres im Umbruch“, heißt es im Halbjahresbericht des Verfassungsschutzes. Er konstatiert „zahlreiche Aktivitäten, um die Szene neu zu ordnen, übergreifende Strukturen zu bilden beziehungsweise frühere Aktivisten wieder zu reaktivieren.“

Ein Name spielt dabei die entscheidende Rolle: Martin Wiese. Am 18. August 2010 ist der inzwischen 35-Jährige, der 2003 in München bei der Grundsteinlegung zur neuen Münchner Hauptsynagoge eine Bombe zünden wollte, aus der Haft entlassen worden. Kaum in Freiheit gründete Wiese die „Kameradschaft Nord“, der etwa 20 Personen angehören. Inzwischen ist Wiese mehrfach als Redner auf Veranstaltungen aufgetreten, beispielsweise am 16. April in Moosinning (Kreis Freising), aber auch auch bei Veranstaltungen außerhalb Bayerns.

Der Staat beobachtet Wieses Umtriebe weiterhin sorgfältig. Auch 2003 hatten Aussagen eines V-Manns entscheidend zu seiner Verhaftung beigetragen. Heute muss der Neonazi ein Kontaktverbot mit seinen Verschwörern von einst befolgen. Verstöße sind ihm nur schwer nachzuweisen - zumindest laufen weder bei der Staatsanwaltschaft München I noch bei den Kollegen in Landshut, in deren Bereich Wiese inzwischen wohnt, Ermittlungsverfahren.

Im Netz ist Wiese ziemlich aktiv. Auf der Homepage der „Kameradschaft München Nord“ tritt er ganz offen als Urheber im Impressum auf - mit voller Adresse. Mitstreiter und Sympathisanten finden auf der Seite allerhand verqueres Gedankengut, wonach keine „wild zusammengewürfelte Gesellschaft von artfremden Menschen“ (...), sondern die Gemeinschaft höchstes Ziel des gesamtvölkischen Lebens sein muss“.

Auch praktische Lebenshilfe für Neonazis im Kampf gegen den Staat wird gewährt: Masken, so heißt es, „kann sich jeder über das Internet oder in Kaufhäusern besorgen. Dazu kann man - je nach Aktion - weiße Baumwollhandschuhe tragen, wie es sie günstig in Apotheken zu kaufen gibt.“ Beides erschwere die Ermittlungen der Polizei.

Derzeit prüfen die Staatsschützer, ob die thüringische Terrorzelle Kontakte nach Bayern hatte. „Zumindest bei Martin Wiese können wir das ziemlich sicher ausschließen“, sagt einer. Ohnehin scheint sich die Begeisterung über die Mordserie in der rechtsextremen Szene in Grenzen zu halten - zumindest in den einschlägigen Online-Foren gibt es kritische Beiträge - vor allem, weil der Staat die eigenen Aktivitäten nun noch aufmerksamer überwachen werde. Bei einer Neustrukturierung wird das als lästig empfunden.

Mike Schier

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