Nur ein brauner Erdfleck bleibt

Wunsiedel - Das Grab von Rudolf Heß in Wunsiedel war das Mekka der „Braunen". Jetzt ist nur noch frisch aufgeschüttete Erde zu sehen - das Grab von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß ist aufgelassen.

Seit 1988, als Hitlers Stellvertreter auf dem evangelischen Friedhof bestattet worden war, hatte die Stadt Wunsiedel regelmäßig ungebetene Besucher: Neonazis, die das Grab von Hitlers engem, 1941 aber nach Großbritannien geflogenen und dort inhaftierten Gefährten Rudolf Heß aufsuchten. Wunsiedel - das Mekka der extremen Rechten. Wenn nicht alles täuscht, ist dieser Spuk vorbei.

Der Kirchenvorstand in Wunsiedel hat die Rechte für das Grab von Heß nicht mehr verlängert. Das Grab wurde aufgelöst, ob nun auf Druck der evangelischen Gemeinde oder nicht, sei dahin gestellt. Sicher ist, dass die Enkel zugestimmt haben - Heß’ einziger, selbst in rechten Gewässern geisternder und 2001 verstorbener Sohn Wolf-Rüdiger Heß hatte drei Kinder. Am Mittwoch um vier Uhr morgens rückten die Arbeiter auf dem Friedhof an, um sechs Uhr war das Grab aufgelöst, die sterblichen Überreste ausgegraben. Sie sollen verbrannt und die Asche auf hoher See verstreut werden. „Damit soll verhindert werden, dass nach Wunsiedel ein neuer Wallfahrtsort für die Ewiggestrigen entsteht“, so der ehemalige Landrat und Kirchenvorstand Peter Seißer.

Heß, der am 19. August 1987 als letzter Insasse des Kriegsverbrechergefängnisses der Alliierten in Berlin-Spandau im Alter von 93 Jahren Selbstmord beging, war für die Neonazis Idol und Märtyrer zugleich. „Heß hatte noch zu Lebzeiten den Wunsch geäußert, dass er im Grab seiner Eltern in Wunsiedel beigesetzt wird“, erinnert sich Peter Seißer. „Diesen Wunsch haben wir akzeptiert.“

Zunächst war Heß nach seinem Tod an einem anderen Ort beigesetzt worden. Erst sieben Monate später wurden seine sterblichen Überreste in einer Nacht- und Nebelaktion doch noch nach Wunsiedel umgebettet. Dies gelangte an die Öffentlichkeit, in der Folge wurde Wunsiedel zum Wallfahrtsort von Neonazis und zog auch linksautonome Gegendemonstranten in die 10 000-Einwohner-Stadt.

Nach gewalttätigen Ausschreitungen 1990 wurden die Demos verboten. Zehn Jahre herrschte Ruhe in der Stadt der bundesweit bekannten Luisenburg-Festspiele.

Doch im Jahr 2001 änderte das Bundesverfassungsgericht seine Rechtsprechung zum Versammlungsrecht. Da die Behörden nicht nachweisen konnten, welche konkreten Gefahren von den Neonazis ausgehen könnten, kippten die Gerichte die Demonstrationsverbote. Erneut zogen die Rechtsradikalen im August zum Todestag von Heß durch die Straßen der beschaulichen Stadt. Doch Jurist Seißer ließ nicht locker. Er unterbreitete dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily und Justizministerin Herta Däubler-Gmelin den Vorschlag, nicht das Versammlungsrecht anzupassen, sondern den Volksverhetzungsparagrafen 130 im Strafgesetzbuch zu verschärfen. Mit Erfolg: Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes 2005 beschloss der Bundestag die Neufassung. Danach wurden die Demos seltener, zumal die Wunsiedler unter dem Motto „Wunsiedel ist bunt - nicht braun“ regelmäßig zu Gegendemos aufriefen.

Manfred Präcklein

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