Der Brenner-Basistunnel hat zwei Hauptröhren und einen Erkundungsstollen.

Donnerstag offizieller Tunnelanschlag

Brenner-Basistunnel: „Wir brauchen die Zulaufstrecke“

Innsbruck - Beim Brenner-Basistunnel Innsbruck-Franzensfeste beginnen nun die Arbeiten an der Hauptschlagader: den beiden Röhren, in denen später die Züge fahren werden. Am Donnerstag erfolgt der offizielle Tunnelanschlag.

Zum Tunnelanschlag, wie die Igenieure das nennen, kommt am Donnerstag viel Prominenz ins Ahrental südlich von Innsbruck – unter anderem die EU-Verkehrskommissarin und der Bundesverkehrsminister. Vorab ein Gespräch mit dem Chef der Brenner Basistunnel-Gesellschaft, Prof. Konrad Bergmeister.

Herr Bergmeister, ist der Bau des Brenner-Basistunnels noch zu stoppen?

Sicher nicht. Am 19. März beginnen wir offiziell mit dem Haupttunnel in Österreich. Das sind zehn Kilometer, die jetzt gebaut werden. Wir haben mehrere Botschaften. Die erste lautet: Der Brenner-Basistunnel kommt, er ist nicht mehr aufzuhalten, er ist nicht mehr nur eine Idee. Sondern er ist Realität.

Botschaft angekommen. Und die zweite?

Die zweite Botschaft: Die Finanzierung für die Jahre 2016/2020 muss nun abgesichert werden. Wir erwarten uns neue Mittel aus der EU, es geht um 1,6 Milliarden Euro. Insgesamt wird der Brenner-Basistunnel 8,5 Milliarden Euro kosten, hochgerechnet auf das auf Projektende circa zehn Milliarden. Die dritte Botschaft: Wir brauchen notwendige Rahmenbedingungen und Zulaufstrecken. Heute kommen die neue EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc sowie sieben Verkehrsminister der Alpenanrainer. Wir wollen das nutzen, um daraufhin hinzuweisen, dass für den Bau der Zulaufstrecken aktiv Druck gemacht werden muss.

In Bayern wird weder gebohrt noch gebaut. Wie wichtig ist die bayerische Zulaufstrecke?

Wir brauchen den Ausbau der Strecke Rosenheim-Kiefersfelden. Das ist ein Engpass. Der Regionalverkehr nimmt weiter zu, dadurch sinkt die Kapazität für Güterzüge. Diese neue Strecke sollte sehr schnell geplant und, soweit das geht, auch mit europäischen Geldern gebaut werden.

Sehr schnell – das klingt anspruchsvoll. Bisher passiert ja nichts.

Fakt ist: Im Jahr 2026 wird der Brenner-Basistunnel, so hoffen wir, fertig sein. Dann müssen auch die Zulaufstrecken ertüchtigt sein.

Glauben Sie das?

Meine Hoffnung ist, dass man in den nächsten Jahren eine vernünftige Streckenführung plant, auch weiter Richtung Norden. Das Trassenfindungsverfahren für den grenzüberschreitenden Abschnitt Deutschland/Österreich muss beginnen. Man muss ja sehen: Bis der Brenner-Basistunnel nach der Fertigstellung 2026 unter Volllast fahren wird, können bis zu fünf Jahre vergehen. Man hat also in Bayern bis 2030 Zeit. Aber diese Zeit sollte man gut nutzen.

Was ist die Herausforderung beim Bau des Tunnels?

Tunnelbau ist immer mit Risiken und Geheimnissen verbunden. Wir haben über 35 Kilometer vertikale Bohrungen durchgeführt, aber das sind immer nur Nadelstiche ins Gebirge. Durch den Bau des Erkundungsstollens erfahren wir nun viel über den Berg, und können diese Erkenntnisse nutzen.

Wie schnell ist der Vortrieb?

Das hängt von den geologischen Verhältnissen ab. Beim Sprengvortrieb geht es am Tag fünf bis zehn Metern vorwärts, beim maschinellen Vortrieb geht es um einiges schneller. Die beiden Haupttunnel vom Ahrental Richtung Innsbruck werden im Sprengvortrieb ausgebrochen, weil sie in einer Kurve liegen und durch schwieriges Gebirge führen – Innsbrucker Quarzphyllit.

Phyllit was?

Quarzphyllit. Das ist ein plattiges, tektonisch schwieriges Gestein. Blättrig, sehr bröselig. Das erschwert den Einsatz schwerer Tunnelbohrmaschinen.

Wird für die Hauptröhre ausschließlich gesprengt?

Ganz im Gegenteil. Der Großteil der Haupttunnelröhren wird mittels Tunnelbohrmaschinen, kurz TBM, ausgebrochen. Insgesamt kann man sagen, dass beim Brenner-Basistunnel 20 Prozent im Sprengvortrieb und 80 Prozent maschinell ausgebrochen werden. Im Herbst wird die erste TBM den Erkundungsstollenabschnitt von Innsbruck und dem Ahrental Richtung Brenner in Angriff nehmen.

Wie weit sind Sie?

Wir haben 36 Kilometer Tunnel ausgebrochen. Wenn wir alles zusammenzählen, alle Hauptröhren und Verbindungsstollen, müssen wir insgesamt 230 Kilometer bauen.

Wie viele Züge können durch den Tunnel fahren?

Geplant ist ein Mischverkehr, also Güter- und Personenzüge. 400 Züge pro Tag am Brenner sind angedacht, davon können mindestens 250 durch den Tunnel, 150 auf der oberirdischen Bestandsstrecke. Es würden aber noch viel mehr Züge durch den Tunnel passen.

Wie das?

Die Kapazität ist effektiv wesentlich höher. Man kann die Züge durch das neue europäische Leitsystem ETCS viel enger takten.

Sie waren früher Chefingenieur der Brennerautobahn. Wie bringt man die Lkw auf die Schiene?

Wir haben bei der Brennerautobahn im Jahr 2000 die Rail Traction Company gegründet, deren Aufgabe genau das ist: Lkw mit Güterzügen über den Brenner zu bringen. Die Rail Traction transportiert über 50 Prozent des unbegleiteten Güterverkehrs über den Brenner. Es funktioniert, wenn die Strukturen vorhanden sind, zum Beispiel die Terminals.

Und wenn der Preis stimmt.

Geld ist gar nicht mal ausschlaggebend. Den Spediteuren ist Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit am wichtigsten. Bei diesen Faktoren punktet die Bahn. Was wir brauchen, und am Freitag auch ansprechen werden, ist eine länderübergreifende Lösung, damit kein Umwegverkehr entsteht, die Lkw also zum Beispiel nicht über die Tauernautobahn ausweichen. Dieser Umwegverkehr ist das Problem. Blicken Sie in die Schweiz: Dort wurde durch Volksabstimmung festgelegt, dass es nach Bau des Gotthardtunnels noch 650.000 Lkw-Fahrten jährlich durch die Schweiz geben darf. Heute sind es 1,3 Millionen, ein Rückgang ist nicht zu erwarten. Ohne Alpentransitbörse wird das nicht gehen.

Was meinen Sie?

Die Alpentransitbörse ist ein Instrument zur gezielten Dosierung des alpenquerenden Lkw-Verkehrs durch die Versteigerung und den Handel von Durchfahrtsrechten. Es gibt hier mehrere Vorschläge, etwa ein Handel mit Emissionsrechten, oder aber begrenzt nach Tag- und Nachtzeiten. Hier müssen wir vorankommen.

Herr Bergmeister, Sie sind Südtiroler, stammen von einem Bergbauernhof im Pfunderertal. Tut es Ihnen nicht manchmal weh, dass Sie ihre Berge durchbohren müssen?

Eine interessante Frage. (überlegt) Ich habe immer das Gefühl, dass ich etwas Positives gestalte. Wir versuchen täglich unsere Arbeit möglichst verantwortungsvoll und schonend für die Landschaft und dessen Bevölkerung durchzuführen. Aber mit dem Bohren von Tunneln hab ich prinzipiell kein Problem.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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