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Licht im Tunnel: Am Ende der Röhre bohren Mineure mit einer speziellen Maschine (Bohr-Jumbo“) neue Sprenglöcher in den mit einer Spritzbetondecke verklebten Fels.

Brenner-Basistunnel

Tirol verärgert über bayerische Langsamkeit

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München - Der Brenner-Basistunnel soll den Güterverkehr von der Autobahn auf die Schiene verlagern. Doch die bayerische Zufahrtsroute zu dem Tunnel ist unklar. Eine Möglichkeit zeichnete sich Freitag ab: neue Gleise neben der Inntal-Autobahn.

Es riecht scharf nach Ammoniak, von der Decke tropft es. „Ohren zu, Mund auf“ – Sprengung. Ein Schlag, es wummert, ein starker Luftstoß. Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann und der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter haben soeben eine Fuhre Bündner Schiefer aus dem Alpenhauptkamm am Brenner weggesprengt.

Eigentlich ist das nichts Besonderes. Hier, im Zufahrtsstollen Wolf bei Steinach in Tirol, wird täglich drei Mal gesprengt. Bis zu 15 Meter täglich bohren sich die Mineure der „Brenner-Basistunnel SE“ (BBT) vorwärts. Vier Kilometer soll der Zufahrtsstollen einmal lang werden, 750 Meter schon geschafft. Alles dient dem großen Gesamtprojekt: dem Brenner-Basistunnel zwischen Innsbruck und Franzensfeste in Südtirol. 63 Kilometer lang, geschätzte Kosten 8,5 Milliarden Euro bis jetzt. Wird der Tunnel wohl 2026 fertig, werden es zehn Milliarden sein.

Viele in Deutschland bezweifeln immer noch, dass die Mega-Röhre jemals kommt. Das ist wohl ein Grund, warum die Planung der Zufahrtsrouten zwischen Grafing, Rosenheim und Kiefersfelden kaum voran kommt. Man hat ja Zeit, unendlich viel Zeit. Tief im Tunnel besichtigt eine 40-köpfige Delegation aus Bayern indes den Fortschritt. Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann hat sich in die neongelbe Schutzjacke gezwängt. Noch im Tunnel muss er österreichischen Medien Auskunft geben, warum es in Bayern denn so langsam gehe. Erst mal redet er sich raus. Er sei ja erst seit ein paar Monaten für die Bahn zuständig. Dann aber bestätigt er: „Es ist jetzt höchste Eisenbahn, dass wir auch in Bayern mal anfangen.“ Vom Tunnelbau in Tirol ist der Minister fasziniert. „Das ist schon beeindruckend, das mal hautnah mitzuerleben“, staunt er und guckt in die Röhre. Minister mit Tunnelblick, sozusagen. Den BBT-Geschäftsführer mit dem sinnigen Nachnamen Bergmeister löchert er mit Fragen: Warum muss denn der Zufahrtstunnel so groß sein? Wie viele Leute arbeiten hier eigentlich? Und was passiert mit den weggesprengten Steinen?

Die Österreicher antworten geduldig, wie sie sich auch alle Mühe geben, die bayerische Entourage vom Sinn des Projekts zu überzeugen. Kaum am Bahnhof Innsbruck angekommen, jagen sie den Minister mit Begleitmannschaft per Blaulicht und Tempo 80 durch die Innsbrucker Innenstadt. Gendarmerie sperrt die Zufahrtsstraßen, nur damit Herrmann schnellstmöglich in den Zufahrtstunnel Wolf gelangt. Bayerisch-Tiroler Blaulicht-Freundschaft.

Vom Tiroler Landeshauptmann Platter muss sich Herrmann aber Kritik anhören. Tirol, sagt Platter, sei bei den Zufahrtsröhren für den BBT durch das Inntal „genau im Plan“. Nur: Was ist mit Bayern? 2026 sollen doch die Züge fahren. Und es könne nicht sein, dass das bayerische Inntal dann noch ein „Nadelöhr“ sei. „Lieber Jooo-Achim“, sagt Platter mit seinem unverkennbaren Tiroler Dialekt, „da würde ich Dich schon sehr um Unterstützung bitten.“ Herrmann müsse „Einfluss“ nehmen, damit die Bedeutung des Gleisausbaus auch in Berlin erkannt werde. Denn der Bund, das weiß Platter, gibt das Geld.

Mit im Tunnel ist auch Bayerns Bahn-Chef Klaus-Dieter Josel, der erst mal Spott hört. Eine Delegation von DB-Mitarbeitern kommt zu spät – „typisch Deutsche Bahn“, witzelt einer. Und Herrmann haut Josel lachend auf die Schultern. Schon 2012 unterzeichneten Österreich und Deutschland eine Vereinbarung, für die Ertüchtigung der Schienenstrecke durch das bayerische Inntal einen „Planungsdialog“ zu starten. Es läuft zäh. Josel redet dann viel über „verkehrliche Aufgabenstellungen“ und eine „Ermittlung des Ausbaubedarfs“. Noch im Mai, vielleicht aber erst im Juni oder Juli, sollen erste Ergebnisse einem Lenkungsausschuss übergeben werden. Kollege Stefan Kühn von DB Netz räumt aber ein: „Wir haben noch keine belastbaren Pläne.“ Es gebe nur zwei vage „Filzstiftstriche auf dem Papier“. Auch Herrmann will sich nicht festlegen, sagt aber, eine denkbare Variante wäre, neue Gleise entlang der Inntal-Autobahn zu bauen – dann hätte man mit Anrainer-Gemeinden wie Oberaudorf, wo sich die heutigen zwei Gleisstränge mitten durch den Ort zwängen, weniger Probleme. Eine andere Möglichkeit wäre eine großzügige Untertunnelung – aber das würde das ohnehin auf 2,6 Milliarden Euro veranschlagte Projekt weiter verteuern. Er hoffe, sagt BBT-Vorstand Konrad Bergmeister, dass alles am 27. September 2025 fertig sei. An diesem Tag vor 200 Jahren fuhr in England die erste Dampflok. 200 Jahre später den ersten Zug durch den Tunnel zu schicken, wäre doch ein schönes Symbol.

Dirk Walter

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