Kompetenzüberschreitung?

Weil er geholfen hat: BRK kündigt Rettungsassistenten

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Neustadt/Aisch – Werner Zurwesten verabreichte einem Patienten ein Epilepsie-Medikament – und wurde entlassen. Begründung des BRK: Der Rettungsassistent habe seine Kompetenzen überschritten. Sind Regeln also wichtiger als der Patient?

Er wusste, dass er mal in diese Situation kommen könnte. Nur hatte Werner Zurwesten (53) eines früh genug für sich entschieden: „Mir kann niemand verbieten, Menschen zu helfen.“ Oder doch?

Am 21. Juli dieses Jahres wird der hauptberufliche Rettungsassistent aus Mittelfranken am frühen Abend zu einem Notfall gerufen. Eine Epilepsie-Patientin liegt krampfend auf dem Boden. Eigentlich müsste Zurwesten auf den Notarzt warten, bevor er der Frau ein Medikament spritzt. Aber bei Epilepsie-Anfällen zählt jede Sekunde, es drohen dauerhafte Hirnschäden. „Ich hab’ gar nicht lang drüber nachgedacht“, sagt der Familienvater. Er verabreicht das Medikament und verhindert so Schlimmeres.

Die Quittung folgt einige Wochen später: Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) kündigte Zurwesten fristlos. Der zuständige Notarzt hatte ihn beim Kreisverband Neustadt an der Aisch angezeigt. Damals hieß es, der Rettungsassistent habe seine Kompetenzen überschritten. Tatsächlich hätte er das Medikament nach den Regeln des Kreisverbands nicht eigenständig verabreichen dürfen – obwohl ein Gutachten Zurwesten bescheinigt, dass er medizinisch richtig gehandelt hat. Wolfgang Braungardt (48), einem Kollegen Zurwestens aus dem selben Kreisverband, erging es ähnlich. Auch er schritt bei einem Epilepsie-Patienten ein und verlor seinen Job.

Medizinisch richtiges Handeln steht gegen eine Regelüberschreitung. Zurwesten und sein Kollege standen vor einer echten Gewissensentscheidung. Aber warum?

Im Kern geht es um die so genannte Notfallkompetenz von Rettungsassistenten. Sie greift etwa dann, wenn ein Arzt nicht rechtzeitig zur Stelle sein kann oder das Leben eines Patienten gefährdet ist. Allerdings gehen die 26 Rettungsdienstbereiche im Freistaat sehr unterschiedlich damit um, vielerorts auch so restriktiv wie im Kreisverband Neustadt an der Aisch. Doch selbst hier, sagt Zurwesten, wäre es in vielen Notfällen anders gelaufen. Jeder andere Notarzt, das weiß er aus Erfahrung, hätte ihn gefragt: „Warum hast Du nix gemacht?“ Zu recht, findet Zurwesten. „Das wäre unterlassene Hilfeleistung gewesen.“

Beim BRK ist man naturgemäß anderer Ansicht. „Ich sehe die beiden Herren nicht als Opfer“, sagt Dieter Deinert, Landesgeschäftsführer für den Rettungsdienst. Schließlich sei nur der Arzt dafür ausgebildet, auch mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments abzuschätzen. „Die beiden haben Glück gehabt, dass es gewirkt hat.“ Die restriktive Handhabung der Notfallkompetenz sei letztendlich auch „zum Schutz des Patienten“ da.

Bei den aktuellen Fällen könnte man Zweifel an dieser Auslegung bekommen. Die Dimension des Problems sei im Übrigen viel größer, sagt Werner Zurwesten. „Es gibt viele Maßnahmen, wo wir in der Bredouille stecken.“ Intubieren, einen Defibrillator einsetzen – in vielen Verbänden ist das alles unklar. Kern des Problems ist die Notfallkompetenz. Denn die ist eine dicke Grauzone.

Sie ist keine rechtliche Regelung, sondern eher eine praktische Übereinkunft in den verschiedenen Rettungsdienstbereichen. Die Diskussion über eine klare und bundesweite Regelung werde seit Jahren verbummelt, sagt Zurwesten. Das sei frustrierend und führe immer wieder dazu, dass der Rettungsassistent vor einer Gewissensentscheidung stehe. „Da hilft mir keiner, außer der Herrgott.“

Selbst Laien sind in diesem Punkt besser gestellt. Sie dürfen im Notfall eingreifen, ohne gleich rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Sogar BRK-Mann Deinert sieht Änderungsbedarf.

Im nächsten Jahr könnte sich was tun, denn am 1. Januar tritt bundesweit das neue Notfallsanitätergesetz in Kraft. Die neuen Rettungsassistenten heißen dann Notfallsanitäter, werden drei statt zwei Jahre ausgebildet. Langfristig, sagt ein Sprecher des Bayerischen Innenministeriums, könnten dann auch die Kompetenzen der Rettungsassistenten geklärt und vereinheitlicht werden. Allerdings frühestens Mitte 2014.

Zurwesten hofft auf eine Regelung, vor allem wegen seiner Kollegen. Viele seien durch seinen Fall aufgewühlt und unsicher. „Wie soll ein Rettungsassistent arbeiten, wenn er so eine Angst im Rücken hat?“ Er selbst möchte seinen alten Job deshalb nicht wieder. Er und das BRK haben sich vor Gericht auf eine Abfindung geeinigt.

Anders sein Kollege Braungardt. Er wolle die Sache vor Gericht durchziehen, sagt er, und wieder arbeiten. Aber unter besseren Bedingungen.

Marcus Mäckler

Rubriklistenbild: © Sigi Jantz

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