News-Ticker: 13 Deutsche teils lebensgefährlich verletzt - Tote möglich

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Wasser aus der Leitung: In Klinglbach kommt es aus einer nahen Quelle im Wald. Das soll sich bald ändern. panthermedia

Erbitterter Streit um eine Quelle

Die Wasser-Posse von Klinglbach

Klinglbach - In einem Dorf im Bayerischen Wald fließt aus den Wasserhähnen bestes Quellwasser. Die Behörden wollen das verbieten. Doch die Bewohner sind fest entschlossen, um ihr Wasser zu kämpfen – seit 12 Jahren wird gestritten. Eine kuriose Geschichte aus der Provinz.

Anton Ziesler hat neulich eine Kamera an der Quelle installiert. Theresia Pany hat schon einen ganzen Ordner, voll mit Dokumenten. Und Karl Meier, der Senior, der damals noch eigenhändig mitgegraben hat, als die Klinglbacher endlich eine eigene Quelle bekamen, der setzt sich manchmal auf seinen Bulldog und fährt die paar hundert Meter hinaus ins Holz zur Quelle – um zu schauen, ob sie überhaupt noch da ist. Man weiß ja nie.

Kleines Dorf, großer Streit: Im hübschen Klinglbach bei Sankt Englmar wohnen etwa 50 Menschen.

Das Dorf Klinglbach hat etwa 50 Einwohner, liegt zwischen den grünen Hügelketten des Bayerischen Waldes, und die Bewohner fürchten um ihr Trinkwasser. Um ihre Quelle. Um ihr wunderbares, wohlschmeckendes, fast schon heiliges Wasser. Viele Haushalte in dem Ortsteil von Sankt Englmar im Landkreis Straubing-Bogen kriegen ihr Trinkwasser von dort. Doch wenn es nach Gemeinde und Landratsamt geht, ist damit bald Schluss. Die Quelle liege gefährlich, heißt es. Eine Straße führt oberhalb vorbei, ein Haus steht 200 Meter entfernt, dazu der Skilift samt Beschneiungsanlagen und Parkplatz. Das alles könnte die Quelle verunreinigen. „Die bestehende Trinkwasserversorgung ist damit nicht gesichert“, teilte das Landratsamt auch auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Schon seit zwölf Jahren hängt deshalb der Haussegen in dem Dorf schief. Seit sie um die Quelle streiten, ist nichts mehr wie davor in Klinglbach. Die Gemeinde soll tatsächlich ans Fernwasser angeschlossen werden. Die Einwohner sind geschockt. „Das ist doch Wahnsinn“, sagt Anton Ziesler, und Karl Meier fragt: „Eine Quelle mitten im Wald, wo soll die gefährdet sein?“

Die Hüter der Quelle: Karl Meier (links) und Anton Ziesler schauen, ob an der Zugangsklappe alles in Ordnung ist.

Genau dort steht Anton Ziesler, 58, ein kerniges Mannsbild, jetzt. Im Waldboden ist der Zugang zur Quelle, er bückt sich zur Klappe und öffnet sie mit einem großen, rostigen Schlüssel. Mit Stoppuhr und Eimer überprüft er die Förderleistung, das meiste geht daneben – aber das zeigt ja nur, wie kräftig die Quelle sprudelt. Seine Kamera hängt gleich daneben am Baumstamm und sendet alle paar Minuten ein Standbild auf Zieslers Smartphone. Es ist ein bisschen wie bei James Bond – wenn es um ihre Quelle geht, da greifen die Klinglbachern in die Trickkiste. Ziesler schaut sich jedes einzelne Standbild an, damit will er erstens überwachen, ob die Quelle läuft, und zweitens, ob sich jemand Verdächtiges herumtreibt. Es gab nämlich schon Vandalismus. Gerade ist Ziesler selber auf einem Handybild zu sehen.

Für die Menschen hier ist das Quellwasser nicht einfach nur Wasser. Bis 1959 haben die Klinglbacher ihr Wasser aus Bächen geschöpft oder vom Brunnen geholt. Dann haben sie die Quelle hier im Wald oberhalb des Dorfes erschlossen, Leitungen verlegt, alles mit Schaufeln per Hand. Karl Meier, heute 80 Jahre alt, war damals dabei – er ist der einzige Klinglbacher, der davon noch erzählen kann. Gerade steht er mit Ziesler neben der Quelle. Mindestens 120 Meter musste jeder mitgraben, erinnert sich Meier. Dann durfte er das Wasser abzapfen.

Prosit auf das gute Wasser: Theresia Pany und Anton Ziesler sind von der Qualität der Quelle überzeugt. 

Theresia Pany sagt: „Es kommt direkt aus dem Schoß von Mutter Erde.“ Auch ihr Haushalt ist an das weiche, eisenhaltige Wasser angeschlossen, das jahrelang im Boden gefiltert wird, bevor es aus ihrem Wasserhahn fließt. „Etwas Besseres gibt es nicht“, sagt sie. Die Panys kamen 2007 in die Gegend. Das Quellwasser war für sie ausschlaggebend, nach Klinglbach zu ziehen. „Und jetzt sollen wir Wasser aus der Talsperre in Frauenau kriegen“, sagt Theresia Pany. Das ist eine knappe Autostunde weit weg. Freilich weiß Theresia Pany, dass das Wasser von dort einwandfrei trinkbar ist. Kein Lebensmittel wird in Deutschland so streng kontrolliert wie Wasser. Aber so frisch und gesund wie das Quellwasser kann es nicht sein, findet Theresia Pany. Sie stört, dass sie aus der Talsperre Oberflächenwasser bekommen würde. Und außerdem gibt es dort ein Kraftwerk.

Noch so ein Streitpunkt: Ein Teil der Kosten des Anschlusses, den die Klinglbacher ja gar nicht wollen, würde auf alle Haushalte umgelegt. Das könnten einige tausend Euro für jede Familie werden. „Wir sind gerne bereit zu zahlen“, sagt Theresia Pany. Zum Beispiel, wenn die Gemeinde die Quelle selbst betreiben würde. „Aber wir zahlen doch nicht für schlechteres Wasser!“ Bislang betreiben alle angeschlossenen Haushalte zusammen die Quelle.

Wie lange sich der Streit schon hinzieht, erkennt man an dem dicken Ordner, in dem Theresia Pany alle Unterlagen sammelt: Aufschlüsselungen über Bodenverhältnisse, Informationen über Schutzgebiete, Laborergebnisse und unzählige Briefe von der Gemeinde Sankt Englmar, dem Landratsamt und dem Wasserwirtschaftsamt Deggendorf. Sie ist mit Hydrogeologen in Kontakt, ein Labor hat das Wasser chemisch analysiert. In dem Bericht heißt es: „Das untersuchte Wasser entspricht zum Zeitpunkt der Probenahme bzgl. der untersuchten Parameter den Anforderungen der Trinkwasserverordnung.“

Doch das interessiert den Landkreis nicht. Denn dem geht es um die Schützbarkeit der Quelle. Offiziell ist ein Wasserschutzgebiet nötig. 1960 wurde an der Stelle eines ausgewiesen – irgendjemand hat einfach auf der Karte mit dem Zirkel einen Kreis um die Quelle gezogen. So war das damals eben üblich. Heute noch führt das Landesamt für Umwelt das Gebiet als eingetragenes Wasserschutzgebiet. Nach heutigem Stand wäre eine solche Schutzzone aber wohl nicht mehr durchsetzbar, meinen die Behörden. Und das bestehende Schutzgebiet sei nicht haltbar. Deshalb soll die Quelle geschlossen werden.

Theresia Pany sieht das ganz anders. Ihre Quelle sei nicht gefährdet, schon allein, weil sie höher liege als der Parkplatz. „Es wird immer so getan, als läge die Quelle direkt an der Straße“, sagt Pany. Dabei trennen sie 100 Meter. Und sogar das Bundesamt für Straßenwesen findet, dass die „kaum befahrene Gemeindestraße am alleruntersten Ende der Gefährdungsstufe“ liegt. Eine Ausnahme für ein Wasserschutzgebiet wäre laut Amt möglich. Für Theresia Pany ist der größere Skandal, dass die Schneekanonen am Pröllerlift seinerzeit in das gültige Wasserschutzgebiet gebaut wurden – eigentlich sei das verboten.

Sogar der Landtag hat sich voriges Jahr kurz mit Klinglbach beschäftigt. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Rosi Steinberger hat sich die Situation vor Ort angeschaut. Auch sie kam zu dem Schluss, dass die Quelle schützbar ist. „Anderswo verlaufen auch Autobahnen durch Wasserschutzgebiete“, sagt sie. Man müsse halt Abwasserrohre und Straßen geeignet ausrüsten. Im Landtag stellte sie eine Anfrage, die über Umweltministerium und Landkreis wieder bei der Gemeinde landete. In der Antwort steht: Man habe alles versucht, um eine alternative Lösung zum Fernwasser zu finden. „In den vergangenen nunmehr ca. 12 Jahren hat sich aber keine ergeben.“

Gerade erst ist der Streit eskaliert. Anton Ziesler hatte bemerkt, dass der Quelle Wasser fehlt, mehrere Kubikmeter. Er und seine Mitstreiter hatten die Gemeinde im Verdacht. Tatsächlich zapft die Gemeinde Wasser ab, um damit die Kläranlage zu spülen – angeblich im Einvernehmen seit Jahrzehnten. Aber damit ist nun Schluss, Anton Ziesler blockierte die Leitungen zwischen Quelle und Kläranlage – denn die verlaufen über sein Grundstück. Die Leitungen seien ohne seine Zustimmung verlegt worden, sagt Ziesler.

So hitzig die Stimmung auch ist: Die Rohre für die Fernwasserleitung werden kommen. Die Gemeinde hat den Auftrag inzwischen an eine Tiefbaufirma vergeben. Bald schon soll es losgehen. Die Gemeinde kann darauf verzichten, Haushalte zum Anschluss zu zwingen. Ob das passiert, ist fraglich. Für den harten Kern der Quellennutzer steht jedenfalls fest: Wenn der offizielle Anschlussbescheid für ihre Haushalte kommt, werden sie dagegen vorgehen. Notfalls wollen sie vor Gericht ziehen oder das Landratsamt anzeigen.

„Wir sind alle ganz schön geschlaucht von der Auseinandersetzung“, sagt Theresia Pany. Es ist zu spät, jetzt hinzuschmeißen, sagt sie. Dafür kämpfen sie schon zu lange um ihr wunderbares Quellwasser.

von Bernhard Hiergeist

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