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Kontrolle am Rangierbahnhof: Peter Schmeller und seine Kollegen leuchten mit Taschenlampen alle möglichen Verstecke auf den Güterzügen ab. Täglich kommen auf diesem gefährlichen Weg Flüchtlinge nach Bayern.

Immer mehr Flüchtlinge verstecken sich auf Güterzügen

Die riskante Reise der Verzweifelten

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München/Rosenheim - Seit einigen Wochen greift die Bundespolizei in Bayern täglich Flüchtlinge auf, die sich auf Güterzügen verstecken, um über die Grenze zu kommen. Eine lebensgefährliche Reise – trotzdem gehen immer mehr Menschen das Risiko ein. 

Der Wind pfeift eisigkalt über den Rangierbahnhof im Münchner Osten. Peter Schmeller hat den Kragen seiner Polizeijacke aufgestellt. Aber gegen den kalten Winterwind hilft kein noch so dicker Jackenkragen. Schmeller und seine Kollegen von der Bundespolizei stehen zwischen den Gleisen und beobachten den Güterzug aus Verona, der gerade an ihnen vorbeirauscht. 700 Meter lang ist er, seit etwa zehn Stunden auf den Schienen. In München hält er kurz und nur aus einem Grund: Damit die Polizei kontrollieren kann, ob sich Flüchtlinge an Bord versteckt haben. Es ist ein lebensgefährlicher Versuch, über die Grenze nach Deutschland zu kommen. Doch immer mehr Flüchtlinge gehen das Risiko ein, zu erfrieren, einen tödlichen Stromschlag zu bekommen oder vom fahrenden Zug zu fallen. Die Menschen auf den Zügen haben mehr Angst davor zu bleiben als zu sterben.

Es dauert einige Minuten, bis das Dröhnen des Zuges verstummt und alle Räder still stehen. Schmeller und seine drei Kollegen teilen sich auf. Sie laufen links und rechts des Zuges entlang, leuchten mit ihren Taschenlampen unter die Lkw-Auflieger, kontrollieren die Planen und die Schlösser der Container. Immer wieder klopfen sie gegen die dicken Containerwände. „Viele Flüchtlinge wollen entdeckt werden“, sagt Schmeller. „Für sie ist das ein Zeichen, sich bemerkbar zu machen.“

Erst vor wenigen Tagen haben Bundespolizisten hier auf dem Rangierbahnhof fünf Männer aus Afghanistan und Pakistan aus einem verschlossenen Container befreit. Der Zug kam aus der Türkei, die Flüchtlinge hatten in München um Hilfe gerufen und gegen die Wände geklopft. „Bisher ist das der einzige Fall, bei dem Schleuser geholfen haben müssen“, sagt Wolfgang Hauner, Sprecher der Bundespolizeiinspektion München. Der Container war von außen verschlossen und verplompt. In den allermeisten Fällen finden die Flüchtlinge andere Verstecke – und die sind gefährlicher.

Peter Schmeller leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe unter jeden Lkw-Auflieger. „Hier verstecken sich die meisten Migranten“, sagt er. Sie liegen stundenlang in einer eiskalten Wanne unter den Containern. Im Boden befinden sich große Öffnungen des Eisengestells. „Durch sie können die Menschen unter die Container klettern“, erklärt Schmeller. Durch sie könnten sie aber während der Fahrt auch auf die Gleise stürzen. Zum Beispiel, wenn sie einschlafen. Oder wenn der Zug eine Vollbremsung macht.

Fünf Jugendliche hat die Polizei vor einigen Tagen aus einem Container befreit. Sie hatten um Hilfe gerufen

Aus diesen Wannen befreien die Bundespolizisten jeden Tag Flüchtlinge – rund 180 Menschen waren es seit Ende Oktober. Wolfgang Hauner nennt es ein neues Phänomen. Unter den Migranten spricht sich schnell rum, wenn die Einreise per Zug geglückt ist. Manchmal sind es sogar Familien mit kleinen Kindern, die die Bundespolizisten aufgreifen. In den meisten Fällen sind es junge Eritreer. Alle sind stark unterkühlt, wenn sie in München ankommen. „Sie haben nur das bei sich, was sie am Körper tragen“, erklärt Hauner. Dazu gehört in vielen Fällen nicht mal eine Jacke. So liegen sie bewegungslos stundenlang in der Kälte, während der Güterzug mit etwa 120 km/h nach Deutschland rattert.

Acht bis zehn Züge kommen pro Tag auf den beiden Münchner Rangierbahnhöfen an. Wie viele es heute sein werden, wissen Schmeller und seine Kollegen noch nicht, als sie um 7 Uhr morgens mit ihrer Kontrolle beginnen. Es dauert eine Viertelstunde, bis sie den Zug entlang gelaufen sind. Kein Flüchtling an Bord. Der Zug darf weiterfahren. Für die Kontrollen arbeitet die Bundespolizei eng mit der Deutschen Bahn und der Gütertransportfirma Locomotive zusammen.

Von ihr bekommen sie nach der Kontrolle auch die Meldung: Der Lokführer des nächsten Güterzuges hat zwischen Kufstein und Rosenheim einen Afrikaner auf den Gleisen gesehen. Wie sich später herausstellt, hatte der Flüchtling einen kurzen Stopp am Bahnhof Oberaudorf genutzt, um vom Zug zu springen und in einen Regionalzug zu steigen. Der Güterzug wird danach sofort von der Bundespolizei in Kiefersfelden kontrolliert. Eine Stunde später der nächste Alarm, wieder in Kiefersfelden. Drei Flüchtlinge aus Nigeria werden auf einem Güterzug entdeckt, zwei Männer und eine Frau, alle unverletzt. Mit Hilfe eines Polizeihubschraubers sucht die Bundespolizei den Gleisbereich nach weiteren Flüchtlingen ab. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Stunden muss die Zugstrecke zwischen Kufstein und Rosenheim gesperrt werden.

Eiskaltes Versteck: Die Flüchtlinge liegen meist in den Wannen unter den Lkw-Aufliegern. Stundenlang.

Situationen wie diese gibt es seit einigen Wochen fast täglich in Bayern. „Auf den Zügen sind auch Migranten, die nicht entdeckt werden wollen“, erklärt Hauner. Zum Beispiel, weil sie Verwandte in Deutschland haben und bis zu ihnen reisen wollen. Oder weil sie in Italien bereits registriert worden sind und nach der Dublin-Verordnung dahin zurückreisen müssten, wenn sie hier aufgegriffen werden. Wenn sie von der Bundespolizei entdeckt werden, versuchen sie meistens zu flüchten – und bringen sich dadurch in noch größere Gefahr. Am Rangierbahnhof München-Ost verläuft ein Gleis neben dem anderen. Alle sind spiegelglatt wegen der Kälte. Regionalzüge und S-Bahnen rattern vorbei. Die Polizei muss die Gleise in so einem Fall sofort großräumig absperren – und eigentlich gleichzeitig hinterher rennen. Die Verständigung ist schwierig, die Angst vor der Polizei bei vielen Flüchtlingen groß.

Seit zwei Tagen kontrollieren die Bundespolizisten verstärkt Güterzüge in Raubling. Die Bundespolizei hofft, dass sich unter den Flüchtlingen herumspricht, wie riskant dieser neuer Fluchtweg ist. „Viele unterschätzen, wie gefährlich die Oberleitungen sind“, sagt Hauner. 15 000 Volt fließen dadurch, jeder Funkenüberschlag kann tödlich sein. Und auch die Minustemperaturen können Afrikaner nicht einschätzen, wenn sie sich in Italien auf den Zügen verstecken, betont er. Die Menschen, die die Bundespolizisten jeden Tag aufgreifen, versorgen und später an die Landespolizei übergeben, sind immer unterkühlt und in furchtbarer Verfassung. An diesen Anblick können sich Peter Schmeller und seine Kollegen nicht gewöhnt. Bei jeder Kontrolle stellen sie sich im Stillen die gleiche Frage: Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass er sich so etwas antut?

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