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Hunderte Kilometer im Kofferraum: Immer häufiger müssen Kinder die illegale Einreise nach Deutschland versteckt zwischen Gepäckstücken durchstehen. Die Bundespolizei hat doppelt so viele Schleuser wie im Vorjahr aufgegriffen.

Bundespolizei Rosenheim zieht Bilanz

Das Geschäft mit den Verzweifelten

Rosenheim - Es sind skrupellose Banden, gegen die die Bundespolizei Tag für Tag auf Bayerns Autobahnen und Schienen ankämpft. Trotzdem haben sich die Zahlen der illegalen Einreisen 2014 verdoppelt.  Die Polizeibeamten sind schon vor Monaten an ihrer Belastungsgrenze angekommen.

Wenn es nach Zahlen geht, müssten Reinhard Tomm und seine Kollegen sich längst an das Elend gewöhnt haben. Haben sie aber nicht. Werden sie wohl nie. Obwohl sie tagtäglich im Rosenheimer Raum Fahrzeuge aufhalten, in denen Flüchtlinge illegal und unter menschenunwürdigen Bedingungen über die deutsch-österreichische Grenze geschleust werden. Vergangenes Jahr waren es mehr als doppelt so viele wie 2013. Und mehr als viermal so viele wie im Jahr 2012.

Reinhard Tomm ist auch nach fünf Jahren als Leiter der Bundespolizeiinspektion Rosenheim noch manchmal schlichtweg sprachlos. Mitte Dezember zum Beispiel. Als seine Kollegen am Irschenberg ein Fahrzeug anhielten, in das 16 Kosovaren gepfercht waren. Kleine Kinder kauerten seit hunderten Kilometern zwischen den Sitzbänken, sogar ein Säugling war ungesichert im Fußraum versteckt.

Aber es gab noch einen anderen Schleuser vergangenes Jahr, der es geschafft hat, selbst diese Skrupellosigkeit zu überbieten. Er hatte sich für das Geschäft mit den Verzweifelten ein Auto vom Schrottplatz besorgt. Von Italien bis München war er mit einem Reserverad unterwegs. „Weil er keine Radmuttern dafür hatte, hat er von jedem anderen Rad am Auto eine Mutter entfernt und so das Reserverad notdürftig angeschraubt“, berichtet Polizeisprecher Rainer Scharf. Manchmal, sagt er, grenzt es wirklich an ein Wunder, dass die Flüchtlinge gesund in Deutschland ankommen.

Die Haupt-Schleuserwege sind die Balkan- und die Brennerroute. Beide laufen sowohl auf Autobahn, als auch auf Schiene im 645 Kilometer langen Grenzgebiet zwischen Lindau und Freilassing zusammen, für das die Bundespolizei Rosenheim zuständig ist. 13 000 Straftaten, davon 9400 unerlaubte Einreisen – das ist die Bilanz, die Reinhard Tomm und sein Team für das vergangene Jahr ziehen. Kein Tag ist vergangen, an dem sie nicht Menschen in die Dienststelle gebracht haben, die alles, was sie besitzen, an Schleuserbanden gezahlt haben. Nur für die Hoffnung auf ein neues Leben.

An jedem einzelnen Fall hängt stundenlange bürokratische Arbeit. Alle illegal eingereisten Flüchtlinge müssen vernommen, registriert und medizinisch versorgt werden. Manchmal dauert es stundenlang, bis ein Dolmetscher für eine seltene Sprache gefunden ist. Manchmal müssen sie sogar erst aus anderen Bundesländern angefordert werden. Schon vor Monaten haben die Rosenheimer Polizisten von zu Hause Stofftiere mitgebracht in die Arbeit. Für die vielen verängstigten Kinder, die jeden Tag bei ihnen auf der Dienststelle warten, bis ihre Familien erfasst sind und sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung fahren dürfen.

Der Kampf gegen die Schleuserbanden dominiert den Alltag der Bundespolizei schon lange. Aber die Zahlen der illegalen Einreisen steigen weiter von Monat zu Monat. „Wir sind an der Belastungsgrenze angekommen“, sagt Inspektionsleiter Tomm. Ohne zusätzliche Räume, neue Ausstattung und vor allem ohne personelle Unterstützung könne es mittelfristig so nicht mehr weitergehen. Trotz der engen Zusammenarbeit mit der Landespolizei. „Auch gemeinsam können wir der Lage gerade nur noch so Herr werden.“

Zum 1. März wird die Bundespolizei Rosenheim mit 50 Beamten aufgestockt. Verteilt auf alle fünf Dienststellen. Das ist eine kleine Entlasung. Langfristig aber keine Lösung. Reinhard Tomm und seine Kollegen kämpfen nun schon lange genug gegen die Schleuserbanden, um schon jetzt zu prophezeihen: „Die Fälle werden 2015 nicht weniger werden. Eher noch mehr.“

Katrin Woitsch

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