Bundestagswahl in Wolfratshausen: Wählen, bitte! Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer in seinem Wahlhelfer-Gwand vor den Plakaten der verschiedenen Parteien.
+
Bundestagswahl in Wolfratshausen: Wählen, bitte! Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer in seinem Wahlhelfer-Gwand vor den Plakaten der verschiedenen Parteien.

„Beim Auszählen darf man nicht nervös werden“

Stoiber oder sabbernde Hunde: Wahlhelfer aus Oberbayern über Kuriositäten im Wahllokal

  • Stefan Sessler
    VonStefan Sessler
    schließen

Seit 45 Jahren ist Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer Wahlhelfer in Wolfratshausen. Erlebt hat er hier einiges. Auch bei der Bundestagswahl ist er wieder dabei.

Wolfratshausen - Ludwig „Wiggerl“ Gollwitzer ist seit 1976 Wahlhelfer in Wolfratshausen. Er hat damals eine Lehre bei der Stadt Wolfratshausen gemacht. „Ich wurde zwangsverpflichtet“, sagt er. Inzwischen macht er es freiwillig. Gollwitzer, 61, hat seitdem fast keine Wahl verpasst. Auch am Sonntag ist er bei der Bundestagswahl im Einsatz. Ehrensache. Wie immer wird der Gründer der Loisachtaler Bauernbühne und ehemalige Stadtrat der Freien Wähler seine Lederhose anziehen und im Wahllokal auf die Einheimischen warten. Arbeitsbeginn im Dienste der Demokratie: 7.30 Uhr.

Herr Gollwitzer, was verdient ein Wahlhelfer?
Das hat sich im Laufe der Jahre gesteigert. Ganz am Anfang hat es zehn Mark gegeben. Heuer bekommen wir für die Bundestagswahl 50 Euro plus zwei Semmeln. Dabei muss man vorher angeben, ob man eine Kassemmel, eine Salamisemmel oder eine Schinkensemmel haben will.
Haben Sie ihre Wahl schon getroffen?
Ja, ich nehme Kas und Salami. Damit ich ein bisschen Abwechslung habe. (lacht).

Bundestagswahl: „Keine Spassetteln da drin!“ - Wahlhelfer erzählt von Stoiber im Wahllokal

Herr Stoiber, keine Spassetteln da drin, jeder hat seine eigene Kabine.

Auch Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber musste Gollwitzer schon bei der Wahl ermahnen
Ich meine, die echte Wahl.
Ich bin seit 20 Jahren Briefwähler. Als Wahlhelfer arbeitet man nie im eigenen Wahlbezirk, deswegen mache ich meine Kreuze immer vorher.
Der Ex-Kanzlerkandidat und Ministerpräsident Edmund Stoiber lebt in Wolfratshausen. Wählt der bei Ihnen im Wahllokal?
Seit 45 Jahren bin ich jetzt Wahlhelfer, ich war in allen Stadtteilen im Einsatz. Den Stoiber habe ich zwei oder dreimal gehabt. Auch heuer wählt er bei mir. Er grüßt immer freundlich und wir empfangen ihn mit dem Stimmzettel, damit er gleich in die Wahlkabine kann. Bei einer Landtagswahl musste ich ihn allerdings mal ermahnen.
Erzählen Sie.
Ich schau’ mich damals im Wahllokal um und seh’, wie Herr und Frau Stoiber nebeneinander in getrennten Wahlkabinen stehen. Plötzlich geht er zu ihr in die Kabine – und fragt sie irgendwas. Vielleicht ist auch sein Stift abgebrochen, ich weiß es nicht. Das ist natürlich verboten, die Wahl ist geheim.
In dem Jahr war ich Wahlvorsteher. Oh Gott, oh Gott, habe ich mir gedacht, jetzt muss ich hingehen und sagen, dass das auch für Ehepaare und bayerische Ministerpräsidenten gilt. Das habe ich dann auch gemacht und gesagt: „Herr Stoiber, keine Spassetteln da drin, jeder hat seine eigene Kabine.“ Da hat er gelacht und ist gleich wieder rüber in seine Kabine.

Bundestagswahl: Stimmzettel oder Kunst? - Wahlhelfer über schräge Wähler-Geschichten

Es gibt Wähler, die streichen aus Wut sämtliche Parteien auf dem Wahlzettel durch.

Wiggerl Gollwitzer über kuriose Stimmzettel
Was erlebt man außer den Stoibers sonst noch?
Es kommen immer wieder Einheimische zu mir und fragen im Wahllokal: „Herr Gollwitzer, soll ich den Kandidaten jetzt wirklich wählen? Oder doch lieber den anderen?“ Vor allem bei Kommunalwahlen passiert das. Ich sag’ dann immer nur: „Hier drinnen wird nicht diskutiert. Mach dein Kreuzl, wo du meinst.“
Manche Wähler sind sehr kreativ. Was haben Sie auf Wahlzetteln schon alles gesehen?
Bei Bundestagswahlen werden sämtliche Parteien manchmal aus Wut wild durchgestrichen, bis der ganze Stimmzettel ungültig ist. Unbeliebte Stadtratskandidaten bekommen es bei Kommunalwahlen ab. „Blöde Sau“ steht dann neben dem Namen. Oder Schlimmeres. Das ist schon heftig. Aber es gibt auch Lob: „super Frau“ oder „super Mann“. Aber egal, was die Menschen draufschreiben, der Stimmzettel ist dann ungültig.
Gibt es künstlerisch wertvolle Stimmzettel?
Manche malen den Kreis, in dem sie eigentlich ein Kreuz machen sollen, komplett aus. Andere machen riesige Kreuze über den halben Wahlzettel. Wenn der Wählerwille klar ersichtlich ist, dann kann auch so ein Stimmzettel gültig sein.
Manche Fälle sind aber kompliziert, oder?
Ja, zum Beispiel, wenn jemand die Wörter „Sozialdemokratische Partei Deutschland“ mit einem Kreuz durchstreicht. Man könnte jetzt sagen: SPD ist durchgestrichen, der Wähler mag die Partei am wenigstens von allen, der Wahlzettel ist also ungültig.
Oder man sagt: Der Wähler findet die SPD besonders toll – und will sie unbedingt wählen. Es gibt sowieso die wildesten Methoden, den Wahlschein auszufüllen. Manche machen keine Kreuze, sondern nur kleine Punkte oder Striche. Als Wahlhelfer musst du wie ein Luchs aufpassen. In Zweifelsfällen schauen wir uns den Zettel gemeinsam an und stimmen dann ab, ob er gültig ist. Andere Wähler bringen ihren eigenen Kugelschreiber mit und drücken so fest drauf, dass das Papier fast zerreißt.
Welche Eigenschaften braucht ein guter Wahlhelfer?
Geduld, Konzentration und beim Auszählen darf man nicht nervös werden. Furchtlosigkeit schadet auch nicht. Ich hatte mal einen Wolfratshauser, der drei oder vier Jahre lang bei mir gewählt hat. Er hatte eine riesige Dogge. Das Tier ist jedes Mal zu mir gekommen, während das Herrchen in der Wahlkabine war. Der Hund hat immer auf den Tisch, auf dem die Wahlurne stand, gesabbert. Eine Wahnsinnssauerei. Wir haben schon gesagt: „Ahhh, die Dogge kommt wieder.“ Manche nehmen auch ihre Kinder mit in die Wahlkabine. Da haben wir nichts dagegen. Aber auch da kann es zu kritischen Begebenheiten kommen, wenn der Nachwuchs laut ruft: „Papa, warum hast du dein Kreuzl jetzt doch beim Stoiber gmacht?“

Bundestagswahl: Briefwahl oder Wahllokal? - für Wahlhelfer ein großer Unterschied

CSU-Wähler   kommen um 9.30 Uhr und dann wieder um Viertel nach 11. Also kurz vor der Kirche oder gleich danach.

Gollwitzer über das Wolfratshauser Wahlverhalten
Können Sie den Menschen im Wahllokal ansehen, was Sie wählen?
Ja, teilweise schon. Grünen-Wähler erkennt man bei uns auf dem Land sofort, das ist halt noch immer eine Öko-Partei. (lacht).
Wie schauen Sozialdemokraten aus?
Na ja, sagen wir so: Ich erkenne sie nicht, aber ich kenne sie. Bei uns in Wolfratshausen sind sie ein bisschen am Aussterben. Es sind immer die gleichen. Aber wer weiß, vielleicht bringt der Scholz-Hype den Roten auch bei uns ein paar Stimmen mehr.
CSU-Wähler?
Die kommen um 9.30 Uhr und dann wieder um Viertel nach 11. Also kurz vor der Kirche oder gleich nach dem Kirchgang.
Was ist besser: Die Briefwahl auszählen oder Dienst im Wahllokal?
Toi, toi, toi, ich bin noch nie in einen Briefwahlausschuss reingekommen. Da bin ich gottfroh. Die Briefwahl-Kollegen müssen mittags um 15 Uhr anfangen, dann öffnen sie alle Kuverts und kontrollieren, ob alle Wahlscheine drin sind. Dann kommen die Kuverts mit den Wahlzetteln in eine eigene Urne. Erst ab 18 Uhr darf ausgezählt werden.
Das ist viel komplizierter. Wir hauen abends einfach unsere Urne um und zählen aus. Wenn es gut läuft, dann sind wir um 19 Uhr fertig. Ich schätze, dass es heuer bei uns mindestens 60 Prozent Briefwähler geben wird. Die Kollegen vom Briefwahlausschuss müssen bestimmt zwei Stunden länger arbeiten als wir.
Die letzte Landtagswahl war zu Beginn der Pandemie. Wie haben Sie das im Wahllokal erlebt?
Damals ist uns ganz komisch geworden. Wir hatten keinerlei Masken oder Handschuhe. Ein Wähler kam ganz nahe zur Wahlurne, er stand fast Nase an Nase mit uns Helfern. Ihm ist der Schweiß runtergelaufen und er musste die ganze Zeit husten. Als er draußen war, haben wir gesagt: „Der hat garantiert Corona.“ Ein Glück: Alle Wahlhelfer von damals sind gesund geblieben. Heuer werden wir aber Maske tragen.
Die SPD ist im Höhenflug, die Union in der Krise. Haben Sie einen Tipp für den Ausgang der Wahl?
Ich gebe nichts auf die Prognosen. Ich kenne das Wahlverhalten der Wolfratshausener jetzt seit über vier Jahrzehnten. Als Faustregel gilt: Es ist hier bei uns immer anders ausgegangen als die Prognosen gesagt haben. Prognosen sind ein bisschen für die Katz. Meine Meinung.

(Interview: Stefan Sessler)

Übrigens: Unser Bayern-Newsletter informiert Sie rund um die anstehende Bundestagswahl über alle Entwicklungen und Ergebnisse aus dem Freistaat – und natürlich auch über alle anderen wichtigen Geschichten aus Bayern.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare