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Luftbild des Schreckens auf der A 9: der ausgebrannte Bus, der aus Sachsen kam.

18 Menschen kommen ums Leben

Bus-Tragödie auf der A 9 - Hintergründe und Stimmen

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    Simon Nutzinger
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Aus einem an sich alltäglichen Auffahrunfall auf der A 9 wurde innerhalb kürzester Zeit ein Flammeninferno. 18 Menschen verloren dabei ihr Leben. Wie konnte das passieren?

Münchberg – Am Montagmorgen gibt es noch Hoffnung, ein Fünkchen zumindest. „Vielleicht ist jemand im Schockzustand weggerannt“, sagt ein Sprecher der Polizei. Vielleicht ist jemand verletzt und in Panik aus dem brennenden Bus in den angrenzenden Wald gelaufen. 46 Menschen waren in dem Bus, der in aller Früh in Sachsen losgefahren war, alles Rentner aus der Oberlausitz und dem Großraum Dresden auf dem Weg zum Gardasee, außerdem zwei Fahrer. Aber nur 30 können sich aus dem Fahrzeug retten, zum Teil schwer verletzt, mit schlimmsten Verbrennungen.

18 Menschen verbrennen in den Flammen

Was ist mit den 18 anderen? „Als wir eingetroffen sind, kam niemand mehr aus dem Bus“, sagt Andreas Hentschel von der Feuerwehr Münchberg, die sofort am Unfallort ist. Suchhubschrauber kreisen schon bald über dem Wald neben der A 9, der Reisebus brennt komplett aus, übrig bleibt ein verkohltes Bus-Gerippe. Und auch die Hoffnung schwindet von Minute zu Minute. Von Überlebenden im Wald – keine Spur. Die Suchhubschrauber landen wieder. Ein Polizist sagt: „Die verbleibenden Personen dürften wohl in dem brennenden Reisebus ums Leben gekommen sein.“ Damit herrscht Gewissheit: 18 Menschen, alles deutsche Staatsangehörige, sind tot.

Der Bürgermeister des Marktes Stammbach, Karl Philipp Ehrler, sagt: „Das ist der schlimmste Unfall, den wir je auf unserem Gemeindegebiet hatten. Das ist der Wahnsinn. Das ist einfach katastrophal.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt am Mittag, es sei ein „schrecklicher Busunfall“. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagt: „Ich bete für die Opfer und die vielen Verletzten und wünsche ihnen eine rasche und vollständige Genesung.“

Auffahrunfall wird zur nationalen Tragödie

Aus einem Autobahnunfall, einem auf den ersten Blick alltäglichen Auffahrunfall, wird schnell eine nationale Tragödie. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann fliegen mit dem Hubschrauber zur Unglücksstelle. Dobrindt sagt: „Es sind nur noch Stahlteile erkennbar, von daher kann man nachvollziehen, was das für die Menschen in diesem Bus bedeutet hat.“ Wie konnte das alles passieren?

So nahm das Drama seinen Lauf

Es ist kurz nach 7 Uhr, als der Notruf bei der Feuerwehr eingeht: Busbrand auf der A 9 in Oberfranken zwischen Münchberg und Gefrees. Als die Rettungskräfte eintreffen, sehen sie ein Flammeninferno. Augenzeugen sprechen von extremer Hitze. „Der Bus stand lichterloh in Flammen“, sagt ein Feuerwehrmann. Der Reisebus des niederländischen Herstellers VDL, Typ FHD2, ist zuvor auf einen Sattelzug aufgefahren, der mit Betten beladen gewesen sein soll. Der Busfahrer fuhr schräg von hinten auf den Lastwagen auf. In dem Bereich gilt Tempo 120, aber als der Unfall am Montag passiert, ist Stau. Das heißt: Der Bus muss eigentlich langsamer unterwegs gewesen sein.

Der Fahrer des Sattelschleppers übersteht den Unfall unverletzt. Er berichtet später, dass der Bus aufgefahren und unmittelbar in Brand geraten ist. Erst das Feuer habe die beiden Fahrzeuge so stark beschädigt. Bundesverkehrsminister Dobrindt sagt am Mittag: „Es ist noch völlig unklar, wieso der Bus so schnell völlig ausbrennen konnte.“ Unfallfahnder übernehmen die Ermittlungen. Selbst Experten rätseln, was hier auf der A 9 passiert ist.

Nicht der erste schwere Busunfall in Bayern

Ein ähnlich verheerender Unfall mit einem völlig ausgebrannten Bus ereignete sich bereits vor rund anderthalb Jahren auf der B 15 zwischen Dorfen und St. Wolfgang im Kreis Erding. Damals kam ein BMW auf die falsche Fahrbahn und rammte einen Bus, in dem nur Fahrer und ein Begleiter saßen. Der Bus, der kurz zuvor mehrere hundert Liter Diesel getankt hatte, stand sofort in Vollbrand. Beim Zusammenstoß muss der Tank aufgerissen worden sein. Der BMW-Fahrer starb bei dem Unglück.

Auch der Teilabschnitt der A 9 in der Nähe von Hof ist vielen in der Region in schlechter Erinnerung. In der Münchberger Senke, unweit der gestrigen Unfallstelle, ereignete sich am 19. Oktober 1990 eine der schlimmsten Massenkarambolagen in der deutschen Verkehrsgeschichte: Durch plötzlich aufziehenden Nebel war den meisten Fahrern die Sicht genommen. Rund 100 Fahrzeuge prallten aufeinander. Ein zu schnell fahrender Milchlaster verwandelte den Großunfall in eine Katastrophe: Der 40-Tonner schob sich die Fahrbahn entlang und zerquetschte mehrere Autos. Es starben zehn Menschen, 122 wurden verletzt. 13 Jahre später, im April 2003, krachte es erneut in der Münchberger Senke. Bei Schneetreiben stießen 182 Fahrzeuge ineinander. 56 Menschen wurden verletzt.

Die Strecke ist ein Unfallschwerpunkt, trotzdem muss es gestern eine Verkettung von Unglücksfällen gewesen sein. Johannes Hübner vom Internationalen Bustouristik Verband RDA sagt, dass im Armaturenbrett eines Busses die Elektrik des Fahrzeugs zusammengefasst sei, dort könnte es zu einem Kurzschluss gekommen sein.

Der Busfahrer besaß eine Auszeichnung für unfallfreies Fahren

Am Abend verschicken der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer und der Landesverband des Sächsischen Verkehrsgewerbes eine gemeinsame Pressemitteilung: „Im April 2017 war der Omnibus zuletzt einer Sicherheitsprüfung vom TÜV ohne Beanstandung unterzogen worden“, heißt es dort. Der Fahrer, der den Bus zum Unfallzeitpunkt lenkte, kam bei dem Unglück ebenfalls ums Leben. Er war seit zehn Jahren bei dem Busunternehmen beschäftigt. 2013 hat er vom sächsischen Innenministerium sogar eine Auszeichnung erhalten – für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren.

Als besonders schwierig stellt sich gestern für die Einsatzkräfte vor Ort die Identifizierung der 18 Todesopfer dar. Bei den Überresten des Busses ist es für die Spezialisten der Rechtsmedizin und des Bundeskriminalamtes nicht einmal ersichtlich, ob es sich dabei um ein menschliches Körperteil oder verschmortes Plastik handelt.

Ärger über Autofahrer, die Rettung behindern

Das ist die Tragödie neben der Tragödie. Aber es gibt noch eine: Während über 250 Einsatz- und 70 Rettungskräfte die Unfallstellen absichern und die Verletzten in Krankenhäuser ausfliegen, kommt es auf der Gegenspur fast zu weiteren Unfällen. Grund: Gaffer, die extra langsam fahren. Innenminister Herrmann bezeichnet das Verhalten einiger Autofahrer als „höchst unverantwortlich und beschämend“. Die Autofahrer haben auch keine ordentliche Rettungsgasse gebildet. Viele, so der Innenminister, „haben es leider immer noch nicht kapiert: Wer Rettungskräften im Weg steht, verhindert Hilfe. Das kann Menschenleben kosten, denn jede Sekunde zählt“. Wütende Worte an einem schlimmen Tag.

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