Franz Wolf. Foto: mmä

Kiffen als Medizin

„Cannabis hält mich am Leben“

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München – Bayerns Verfassungsrichter entscheiden am Donnerstag, ob ein Volksbegehren zur Legalisierung von Cannabis zulässig ist. Einer, der besonders auf ein Ja hofft, ist Franz Wolf. Denn der 49-Jährige behandelt mit dem Stoff seine Schmerzen: die körperlichen – und die der Seele.

Der Winter, sagt Franz Wolf, der Winter ist die Hölle. Um ihn ein bisschen erträglicher zu machen, trägt er einen schwarzen Fleece-Schal und einen Nierenschutz, wie ihn sonst nur Motorradfahrer haben. Das hilft gegen die Minusgrade – und gegen die Schmerzen. Denn „wenn es draußen kalt wird, tut der ganze Körper weh“.

Dann steckt sich Wolf eine Zigarette an, selbst gedreht. Und bald riecht es nach Gras, dem Stoff, der die Hölle fast vergessen macht.

Franz Wolf ist erst 49, aber seit 2005 Rentner. Grund sind chronische Schmerzen, mit denen er sich seit mehr als 20 Jahren herumschlägt; hinzu kommen psychische Probleme. Früher nahm er jede Menge Schmerzmittel, darunter richtige Hämmer. Die machten ihn aber nur träge und müde. Seit anderthalb Jahren verzichtet er darauf. Stattdessen raucht er Cannabis, zwei bis drei Gramm pro Tag, also ein paar Joints. Außerdem nimmt er ein Extrakt, das den Cannabis-Wirkstoff CBD beinhaltet. Er sagt: „Seitdem geht es mir sehr viel besser.“

Unter Medizinern ist die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis im Grunde unumstritten. Trotzdem darf es in Deutschland nur unter bestimmten Voraussetzungen genutzt werden: dann, wenn der Patient anders nicht mehr therapierbar ist. Um sich den Stoff in der Apotheke besorgen zu können, braucht es eine Genehmigung der Bundesopiumstelle. Im Moment haben nur 581 Deutsche so eine Erlaubnis, auch Wolf.

Seine Schmerzen sind das Resultat einer langen Krankengeschichte. Vergangenes Jahr, als er die Genehmigung beantragte, musste er alles auf den Tisch legen. Also erzählte er von dem schweren Bandscheibenvorfall. Von den elf Verkehrs-Unfällen, die ihm den Rücken ruinierten. Von der inoperablen Darmerkrankung. Und von der Person, die ihn im Alter von neun Jahren sexuell missbrauchte. Noch heute hat er deshalb heftige Wutausbrüche und Depressionen. Auch dabei hilft ihm das Cannabis: „Habe ich keines, werde ich suizidal“, sagt er. „Es hält mich am Leben.“

Wolf zieht ein weißes Döschen mit gelbem Deckel aus seiner Tasche. Es ist die Apothekenportion Cannabis, fünf Gramm für 77,50 Euro. Früher besorgte er sich den Stoff auf dem Schwarzmarkt. Der war zwar viel billiger, hatte aber oft auch eine schlechte Qualität. „Man spürt das körperlich“, sagt Wolf. Insofern ist er dankbar, Cannabis über die Apotheke zu bekommen. Das Problem heute ist das Geld.

Die Sondergenehmigung erlaubt ihm, bis zu 60 Gramm im Monat zu konsumieren. So ein Fünf-Gramm-Döschen ist also nach maximal drei Tagen leer, dann muss Wolf ein neues besorgen – und selbst bezahlen. Im Dezember investierte er 930 Euro gegen die Schmerzen und die Wut. Viel Geld für einen Rentner. Seine Krankenkasse will ihn nicht unterstützen, weil sie es laut Gesetz nicht muss. Zwar plant die Bundesregierung, das zu ändern, aber erst ab 2019.

Das Geld geht, der Schmerz bleibt. Um das zu verändern, sagt Wolf, müsste es Schmerz-Patienten erlaubt sein, Cannabis selbst anzubauen. Für eine komplette Legalisierung setzt sich eine Initiative um den Wirt Vaclav Wenzel Cerveny ein. Sie hatte im vergangenen Jahr ausreichend Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt – ob es aber auch rechtlich zulässig ist, darüber entscheiden heute Bayerns Verfassungsrichter. Wolf wird sich das Urteil anhören – auch wenn er nur wenig Hoffnung auf ein Ja hat.

Kurzfristig lässt sich seine Situation so oder so kaum verbessern. Im Januar, sagt Wolf, kann er sich sein Cannabis noch leisten. Aber dann wird er wieder auf den Schwarzmarkt gehen müssen. „Obwohl ich das nicht will.“

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