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„Ich mache Blödsinn – und das mögen die Leute.“ Hüttenwirt, Punkrocker und Käsemacher Karl Gehring alias „El Carlos“ auf 1350 Metern. Im Hintergrund seine Heimat – das Allgäu.

El Carlos - der Freiheitskämpfer von der Alp

Hüttenwirt wird Punkrock-Star

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Nesselwang - Im Allgäu ist der Teufel los: Karl Gehring, 55, ist Almhirte, Hüttenwirt – und Punkrocker. Die Musik kann ihm nicht laut genug sein, wenn er als „El Carlos“ auf der Bühne steht.

Der Mann, den sie seit neuestem El Carlos nennen, geht die Treppe seiner Hütte hinauf. Tiefstes Allgäu, 1350 Meter Höhe, Panoramablick, Fernsicht bis zur Zugspitze und ein Matratzenlager für 16 Wanderer. Bei jedem Tritt über die Holzstufen klackert es. El Carlos trägt Cowboystiefel aus Schlangenleder. Und am Mittelfinger der rechten Hand einen Ring mit Totenköpfen. Aber jetzt will er seine Erfindung zeigen – damit man auf einen Blick versteht, wie die Welt von El Carlos, dem Hüttenwirt von der Kappeler Alp, tickt. Nämlich anders.

El Carlos mit seiner neuesten Platte.

Der Mann, der im ganzen Allgäu bekannt ist wie, sagen wir, ein quergestreiftes Zebra mit Schnauzbart, deutet auf das Ding, das ausschaut wie ein Stuhl, auf dem ein Propeller samt Benzinmotor klebt. Es liegt auf dem Dachboden neben den Kuhglocken. El Carlos, der mit richtigem Namen Karl Gehring heißt und heftiges Allgäuerisch spricht, sagt: „Das ist sie, meine Bergrauflauf-Maschine.“ Sie macht höllischen Lärm und man muss sie sich auf den Rücken schnallen. Dann geht die Post ab. Aber er will heute nicht, die Schulter tut wieder weh, chronische Schmerzen. Später hat er noch einen Arzttermin. El Carlos ist lädiert – aber fröhlich. „Ich mache Blödsinn“, sagt er, „und das mögen die Leute.“ Denn seine Erfindung, die funktioniert natürlich nicht, Daniel-Düsentrieb-mäßig kann er mit ihr keinen einzigen Hang hoch sausen. Aber zum Rambazamba machen taugt sie.

Paradiesischer Flecken Erde mit Panoramablick: die „Kappeler Alp“ in der Nähe von Pfronten.

Manchmal zieht sich der Wirt die Apparatur an, wirft den Holz-Propeller an und tut so, als ob es ihn gleich zum Mond schießt. Die Wanderer lachen sich dann bucklig. El Carlos, die Wundertüte, hat wieder zugeschlagen. Dafür lieben sie ihn. Das ist die eine Seite: der gesellige Hüttenwirt mit seinen Lausbubengeschichten. Aber es gibt noch ein paar andere Seiten: Er ist auch noch Hirte. Käsmacher, ein prämierter sogar. Bergführer. 55 Jahre alt. Dreifacher Vater. Volksmusikant, Schwerpunkt Gesang und Gitarre. Ehemaliger Ski-Profi, Spezialgebiete Skiakrobatik, Buckelpiste, Hochgeschwindigkeitsabfahrten.

Durchgeknallte Erfindung: „El Carlos“ zeigt seine benzinbetriebene „Bergrauflauf-Maschine“.

Und seit neuestem, das ist die düstere, die abgefahrene Seite, ist der Wirt auch Punkrocker. Ja, tatsächlich. Das ist der Grund, warum er jetzt „El Carlos“ heißt. Das ist sein Künstlername, sein Kampfname. Mit seiner Band, die praktischerweise auch El Carlos heißt, will er seine Heimat, das kreuzbrave Allgäu, ein bisserl durchschütteln. „Hier sind alle sehr konservativ“, sagt er, „je enger hier das Tal wird, desto mehr ist der Neid und der Argwohn unter den Leuten.“

Der größte Hit seiner Band heißt „Tatütata“, er wurde bei Youtube über 60 000 Mal aufgerufen. Zu seinen Konzerten kommen ein paar hundert Leute. Wenn man es gut mit El Carlos meint, dann könnte man sagen, dass die Band zielgenau einen Nerv getroffen und eine Marktlücke gefunden hat. Knalllauter Almhirten-Hüttenwirt-Punkrock auf Allgäuerisch. Das – das ist jetzt keine Übertreibung – hat die Welt noch nicht gesehen. Nur die Polizei, die kommt in „Tatütata“ nicht allzu gut weg. Karl alias El Carlos hat deswegen schon Post vom Anwalt bekommen. Er solle das Lied, bittschön, aus dem Internet entfernen, stand darin. Aber daran hat der querschädelige, freiheitsliebende El Carlos von der Kappeler Alp keine Sekunde gedacht. Lieber hat der Wirt, der in Gunzesried in einem Tal im Oberallgäu geboren wurde, einen handschriftlichen Brief an die Anwälte verfasst. Er hängt gerahmt in der Stube seiner Hütte, jeder Gast kann ihn nachlesen. Er geht so: „Bedauerlicherweise muß ich ihnen mitteilen, den Wiedeo nicht von der Blattform Jutup nehmen zu können. Ich habe keinen Computor – mir wurde in der Schule sogar der Taschenrechner verboten. Hochachtungsfoll Karl Gehring.“

Spontane Musik-Session mit seinem Spezl Berti.

Die Rechtschreibefehler sind Absicht, Provokation. Noch heute kann man sich den Song im Internet anhören oder gleich die ganze Platte kaufen. El Carlos, die Knalltüte, hat wieder zugeschlagen. El Carlos, der Kauz. El Carlos, der Freiheitskämpfer von der Alm. Viele Gäste kommen nur wegen ihm rauf zur Hütte. Obwohl es natürlich noch ein paar Gründe mehr gibt, zur Kappeler Alp zu stapfen. Die gigantische Aussicht zum Beispiel. „Ich habe“, sagt Karl, „noch nie einen schöneren Flecken gefunden als den hier.“ Manchmal, erzählt er, hört er die Kirchturmglocken aus dem Tal, manchmal das Röhren einer Harley Davidson auf der Landstraße. So läuft das hier oben – man ist nah dran, aber doch weit weg. Ein Paralleluniversum auf 1350 Meter Höhe.

Es gibt nur ein Problem: Der Mensch, um genauer zu sein, der Talmensch, ist manchmal halt ein Rindvieh. Findet Karl. „Es gibt welche, die schimpfen über alles“, sagt er. Sogar dann, wenn sie bei einem Weißbier und bei Sonne auf seiner Terrasse sitzen. Sie haben das Genießen verlernt, das Zufriedensein. Karls Tipp: Bloß nicht mit der Seilbahn zu ihm fahren. Sondern raufgehen, so richtig mit den eigenen Füßen. „Wenn die Leute nur eine Stunde in der Natur unterwegs sind“, sagt er, „dann sind sie viel zufriedener.“ Das lernt man hier oben bei Karl sowieso auf der Stelle: runterschalten, am besten drei Gänge auf einmal.

Strammer Max: Der Wirt bekocht seine Gäste.

Es ist nicht so, dass es hier keine Arbeit gäbe. Im Gegenteil. An manchen Tagen gehen aus seiner Küche 300 Essen am Tag raus. Im Sommer versorgt er 90 Stück Jungvieh. Aber es gibt halt keinen Stress. El Carlos ist Hirt und Wirt, seit zehn Jahren betreibt er die Kappeler Alp schon. „Mein Kopf arbeitet 24 Stunden am Tag“, sagt er. Und irgendwann ist sein Kopf auf die Idee mit dem Punkrock gekommen. Die Texte schreibt er selber. Manchmal nimmt er auch alte Volksmusikstücke her – und macht daraus einen markerschütternden Punk-rocksong. „Es ist alles“, sagt er, „nur anders interpretiert.“ Ein bisschen wilder, lauter. So ist es in seiner Musik. So ist es in seinem Leben. Alles Interpretationssache.

Hier auf der Kappeler Alp herrschen sowieso andere Regeln als im Tal. Grad gut so. Es ist inzwischen Mittag. Karl, der Punkrocker, sitzt auf der Terrasse, trinkt ein Helles und sagt: „Wenn man selber den Krach macht, dann tut’s nicht weh.“ Auch so ein Lebensmotto. Dann geht er rein, vorbei an dem Schild, das er aufgehängt hat. „Das Alter ist unwichtig“, steht darauf, „außer du bist ein Käse.“ El Carlos holt sich noch ein Bier. Man hört noch von Weitem das Klackern der Schlangenstiefel, die wirklich gspinnert ausschauen. Aber auf dieser Alm, da gibt’s eh koa Sünd. Hier gibt’s nur Freiheit.

Stefan Sessler

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