Chaos-Tage für die G 8-Elite

München - Neue Probleme beim G 8: Weil für die Förderung hochbegabter Abiturienten die Mittel nicht reichen, erhielten hunderte Schüler am Wochenende telefonisch Absagen. Gestern die 180-Grad-Wende: Der Kultusminister entschied, sie nun doch zu einer Auswahlprüfung einzuladen.

Das Max Weber-Programm zur Hochbegabtenförderung hat für eine erlesene Schar von Erstsemestern jedes Jahr erfreuliche Auswirkungen. Sie erhalten 480 Euro pro Semester vom Staat und sind Mitglied im bayerischen Elitennetzwerk - mit Vorteilen wie Kontaktmöglichkeit zu Spitzenforschern oder Auslandsaufenthalten.

Um in den Kreis der Abi-Elite aufgenommen zu werden, benötigten G 9-Abiturienten in der Vergangenheit eine Notenschnitt von mindestens 1,3. Beim letzten G 9-Jahrgang schafften das knapp 600 Schüler bayernweit, die dann um 190 Plätze im Max Weber-Programm konkurrierten und dafür eine nervenaufreibende Fünf-Fächer-Kurzprüfung bei den Ministerialbeauftragten der Gymnasien absolvierten.

Bei der Elitenförderung der G 8-Abiturienten aber hat sich das Kultusministerium offensichtlich verkalkuliert. Denn im ersten G 8-Jahrgang gibt es nicht nur besonders viele schlechte Schüler (wir berichteten), sondern auch sehr viele gute. Statt der erwarteten etwa 600 Bewerber schafften über 1000 Abiturienten den erforderlichen Schnitt von 1,3 oder besser. „Wir hatten damit gerechnet, dass es mehr werden - aber dass es so viele werden, das nun auch wieder nicht“, sagt Richard Röhl, Ministerialbeauftragter für die Gymnasien in Oberbayern-Ost. Offenbar schlägt die Regel, dass anders als im G 9 mündliche und schriftliche Leistungen 1:1 gewertet werden, positiv für die Schüler zu Buche. Aufgrund dieser Anzahl entschied das Kultusministerium, den erforderlichen Schnitt einfach hoch zu setzen - von 1,3 auf 1,1. Umgerechnet nach dem in der Oberstufe geltenden Punktesystem, in dem die Leistungen in Kursen, Seminaren und der eigentlichen Prüfung zusammengezählt wurden, heißt das: Der G 8-Schüler musste nicht mehr 800, sondern 812 Punkte erreichen (von maximal 900).

Dann wurde es hektisch. Am Freitagvormittag erhielten die gut 1000 G 8-Schüler nach Darstellung von Röhl zeitgleich mit der Notenbekanntgabe die Information, dass sie zu einer Begabtenprüfung eingeladen werden könnten. Am Freitagnachmittag wurde für die 1000 Schüler bayernweit eine Rangliste erstellt und entschieden, dass von ihnen nur die 570 Besten eingeladen werden, die dann um die 190 Plätze konkurrieren sollten. Die verbleibenden etwa 430 Schüler mussten von den Mitarbeitern der MB-Dienststellen am Wochenende telefonisch ausgeladen werden. Die Eile hat einen Grund: Schon am Montag begannen die Begabtenprüfungen.

Unter Schülern wie Lehrern hat es einigen Unmut über dieses Verfahren gegeben. Entrüstete Lehrer berichten über Fälle, in denen sie mit den potenziellen Kandidaten schon die Prüfungsmodalitäten besprochen hätten - ehe dann die Absage eintraf. Es könne doch nicht sein, sagt auch Heinz-Peter Meidinger vom Philologenverband, „dass eine Belohnung für sehr gute Leistungen von der Kassenlage abhängig gemacht wird“.

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) war in das Verfahren offenbar nicht persönlich involviert. Als er auch aufgrund der Nachfrage unserer Zeitung davon erfuhr, entschied er gestern ad hoc, die 430 Kandidaten doch noch einzuladen: „Jeder, der 1,3 in den Kursen und 1,5 in den Prüfungen erzielte, wird eine Einladung erhalten“, so sein Sprecher Ludwig Unger.

Dirk Walter

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