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Fall Hanna in Aschau: Dringend Tatverdächtiger gefasst – aber noch keine Gewissheit

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Von: Carmen Krippl, Wolfgang Hauskrecht

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Bewegend: Dieses goldgerahmte Bild von Hanna wurde im Aschauer Rathaus aufgestellt. Dort lag auch ein Kondolenzbuch aus.
Bewegend: Dieses goldgerahmte Bild von Hanna wurde im Aschauer Rathaus aufgestellt. Dort lag auch ein Kondolenzbuch aus. © Gemeinde Aschau

Ist der Fall Hanna gelöst? Die Polizei hat einen jungen Mann verhaftet, der dringend des Mordes an der 23-Jährigen verdächtig ist. Noch aber scheinen die Beweise nicht eindeutig.

Aschau im Chiemgau – Die gute Nachricht erreicht Bürgermeister Simon Frank schon am Freitagabend, 18. November. Er erhält einen persönlichen Anruf von Hans-Peter Butz, dem Leiter der Soko „Club“. Es gebe einen Tatverdächtigen. Ein junger Mann aus dem südlichen Landkreis Rosenheim sei am Freitag festgenommen und anschließend sei seine Wohnung durchsucht worden. Soko-Leiter Butz hatte den Bürgermeister zum Stand der Ermittlungen stets auf dem Laufenden gehalten. „Natürlich nur, was ich wissen musste, und keine Details, wofür ich dankbar war“, sagt Frank.

Die Indizien scheinen stark zu sein, denn noch am Freitagabend ergeht gegen den Mann aus dem südlichen Landkreis Rosenheim Haftbefehl. Der Vorwurf lautet auf Mord. Ob er Hanna W. kannte oder sie – sollte er der Täter sein – ein Zufallsopfer war, ist unklar, denn die Polizei hält sich bisher relativ bedeckt.

Mordfall Hanna: Verdächtiger äußert sich bisher nicht

Auch am Sonntag gibt es nur wenige Informationen. Carolin Englert, eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, bestätigt lediglich, dass die Festnahme nicht auf Hinweise aus der Sendung „Aktenzeichen XY ... Ungelöst“ zurückging, sondern sich aus der Vernehmung von Zeugen ergeben habe. Die Soko arbeite vorerst in voller Stärke weiter.

Soko-Leiter Hans-Peter Butz in der Sendung „Aktenzeichen XY ... Ungelöst“. Auf dem Bildschirm ist der Club „Eiskeller“ in Aschau zu sehen.
Soko-Leiter Hans-Peter Butz in der Sendung „Aktenzeichen XY ... Ungelöst“. Auf dem Bildschirm ist der Club „Eiskeller“ in Aschau zu sehen. © Screenshot: Archiv

Zum Verdächtigen, so Englert weiter, gebe es auch deshalb wenig Auskunft, weil es sich um einen Heranwachsenden handele. „Es gibt einen konkreten Tatverdacht, sonst wäre er nicht in Haft gegangen“, sagte Englert zwar. Aber man ermittle auch „zugunsten des Verdächtigen“, weil es immer wieder vorkomme, dass sich Verdachtsmomente zerschlagen. Solange müsse man den jungen Mann schützen. Sein Alter wird deshalb nur mit 18 bis 21 Jahre angegeben.

Ermittler: Fall noch nicht abgeschlossen

Bisher hat sich der Verdächtige nicht geäußert, wie der Rosenheimer Strafverteidiger Harald Baumgärtl, der die Verteidigung übernommen hat, am Sonntag bestätigte. Da sein Mandant ein Heranwachsender sei, müsse, sollte es zu einer Anklage kommen, ein Gericht entscheiden, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet werde. Hierzu könne auch ein Jugendpsychiater zurate gezogen werden. Wie Baumgärtl sagte, habe er noch keine Akteneinsicht gehabt und seinen Mandanten nur 20 bis 30 Minuten bei der Polizei vor der Vorführung beim Richter gesehen. Die Umstände, in denen der junge Mann lebte, bezeichnet der Rosenheimer Verteidiger als geordnet.

Der Fall Hanna W. hat die Region schwer erschüttert. Die 23-Jährige, die in Rumänien Medizin studierte, war bei ihrer Familie zu Besuch und feierte in der Nacht auf den 3. Oktober im beliebten Club „Eiskeller“ in Aschau im Chiemgau. Wie Überwachungsbilder des Clubs zeigen, verließ Hanna W. gegen 2.30 Uhr den „Eiskeller“ – kam aber nie zu Hause an. Ihre Leiche wurde nachmittags dann mit starken Kopfverletzungen neun Kilometer von Aschau entfernt in der Prien gefunden. Der Tatort war aber vermutlich woanders. Hannas Ring und eine auffällige hölzerne Uhr waren nahe des Kampenwandparkplatzes im Bärbach gefunden worden. Möglich ist, dass Hannas Leichnam über den Bärbach in die Prien geschwemmt wurde. Der Bach, der am Parkplatz vorbeiführt und in die Prien mündet, führte am Tatabend sehr viel Wasser.

Hat diese Holzuhr etwas mit dem Fall zu tun? Das ist noch nicht klar.
Hat diese Holzuhr etwas mit dem Fall zu tun? Das ist noch nicht klar. © Polizei

Eine zuletzt 50 Köpfe starke Sonderkommission namens „Club“ nahm die Ermittlungen auf. Sogar in die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... Ungelöst“ schaffte es der Fall. Insgesamt gingen die Ermittler rund 400 Hinweisen nach, hunderte Zeugen wurden befragt. Eine oder mehrere dieser Aussagen führten nun letztlich zum Tatverdächtigen.

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Die Festnahme sei durchaus ein Grund zur Freude, findet Bürgermeister Simon Frank. Aber man müsse nun abwarten. Die Polizei sieht das ähnlich. Die Ermittler betonen, der Fall sei nicht abgeschlossen. Es gelte nach wie vor, die Tatnacht so genau wie möglich zu rekonstruieren. Auf diesem Weg war auch die Festnahme zustande gekommen.

In den vergangenen Tagen hätten sich „aufgrund von Zeugenangaben konkrete Verdachtsmomente gegen den Tatverdächtigen ergeben“, sagte Polizeisprecher Stefan Sonntag. Diese Zeugenbefragungen waren seit Hannas Auffinden in der Prien ständig durchgeführt worden. Hannas Spur hatte sich nach ihrem Besuch im „Eiskeller“ verloren. An diesem Abend waren 600 bis 800 Menschen in dem Club. Sie alle zu finden, ihre Aussagen aufzunehmen und die Info-Teilchen wie ein Puzzle zusammenzufügen – eine Mammutaufgabe für die Polizei.

Mordfall Hanna: Hellseher tippt auf den Falschen

Unklar ist, ob und wie die im Wasser des Bärbachs neben Hannas Ring gefundene Holzuhr der Marke „Holzkern“ ins Tatbild passt. Haben die Uhr und ihr noch unbekannter Besitzer gar nichts oder doch ganz viel mit der Tat zu tun? Die Holzuhr galt lange Zeit als heißeste Spur. Wie PP-Sprecherin Carolin Englert am Sonntag bestätigte, war sie aber kein Auslöser für die jetzige Festnahme. „Die Ermittlungen bezüglich der Uhr dauern an.“

Ist der Fundort von Hannas Ring und der Uhr auch der Tatort? Die Leiche der 23-jährigen Studentin wurde etwa neun Kilometer entfernt in der Prien gefunden
Ist der Fundort von Hannas Ring und der Uhr auch der Tatort? Die Leiche der 23-jährigen Studentin wurde etwa neun Kilometer entfernt in der Prien gefunden. © MM

Der Fall trieb auch skurrile Blüten. Zuletzt hatte sich ein bundesweit bekannter Hellseher eingeschaltet. Michael Schneider (52) aus Siegburg wollte den Mörder bereits ausfindig gemacht und der Kripo den entscheidenden Hinweis geliefert haben. „Wir haben die Angaben überprüft. Diese Hinweise haben uns nicht zum Täter geführt, die Spur hat sich rasch zerschlagen – der Hellseher lag eindeutig falsch“, stellte Polizeisprecher Sonntag gegenüber rosenheim24.de klar.

Schneider erklärte am Samstag in einer Kurznachricht: „Ich weiß es seit 11 Uhr auch, dass es wohl nicht der Herr aus meinem Hinweis ist, auch wenn Alter und grobe Gegend relativ nah dran liegen.“ Vor der Festnahme hatte er noch orakelt, mit „den Gästen der Disco wird die Kripo nicht weiterkommen“.

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