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Corona macht die Armen immer jünger! Tafeln haben auf einmal komplett anderes Publikum

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Von: Katrin Woitsch

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Helfer der Tafel sortieren gespendete Lebensmittel
Die Tafeln geben Lebensmittel an Bedürftige ab. Seit Beginn der Pandemie stehen mehr junge Menschen und Alleinerziehende für Lebensmittel-Spenden an. © Picture-Alliance

Die Essensspenden der Tafeln sind in der Pandemie für viele Menschen noch wichtiger geworden. Der Andrang ist groß – und in den Warteschlangen stehen immer häufiger auch jüngere Menschen, darunter viele Alleinerziehende. Die Hilfe der Tafeln geht manchmal sogar über Lebensmittel hinaus.

Peter Zilles hat keine Zahlen – nur seinen subjektiven Eindruck. Als Landesvorsitzender der Tafeln in Bayern bekommt er aus vielen Regionen geschildert, wie sich der Alltag bei der Lebensmittelausgabe durch Corona* verändert hat. Etwa die Hälfte der Ehrenamtlichen berichten, dass mehr Menschen um Lebensmittelspenden bitten, sagt er. Doch fast von allen hört er, dass nun oft deutlich jüngere Kunden in den Warteschlangen für die Essensausgabe stehen. „Das sind oft Menschen, die durch die Kurzarbeit oder weggefallene Mini-Jobs in Notlagen geraten sind“, berichtet er. „Aber auch sehr viele Alleinerziehende, die nicht mehr Vollzeit arbeiten können, weil die Betreuung ihrer Kinder in der Pandemie schwieriger geworden ist.“

Bei der Münchner Tafel ist das den Helfern schon ganz zu Beginn der Pandemie* aufgefallen, berichtet Steffen Horak. Plötzlich standen auch Studenten für Lebensmittel an, weil ihnen die Jobs weggebrochen waren. Allgemein sei die Nachfrage in München während der Pandemie um zehn Prozent gestiegen. Petra Bauernfeind von der Tafel in Erding bemerkt, dass fast jede Woche neue Kunden zur Lebensmittelausgabe kommen. Sie und die anderen Helfer stellen keine Fragen. „Aber es ist auffällig, wie viele junge Menschen plötzlich auf die Hilfe angewiesen sind“, sagt sie.

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Corona hat Kundschaft der Tafeln in Bayern jünger gemacht - „immer häufiger Alleinerziehende“

Ähnlich ist es in Starnberg*, berichtet Erika Ardelt. „Einige Menschen erzählen uns ihre Geschichten“, erzählt sie. „Immer häufiger sind das Alleinerziehende, für die die Situation schon vor Corona schwierig war.“ Gerade die Zeiten des Homeschoolings haben es für viele alleinstehende Mütter oder Väter schwieriger gemacht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. „In den Familien, in denen nicht viel Geld da ist, scheitert es oft schon daran, dass es nur einen Laptop im Haushalt gibt“, erklärt Ardelt. Ihrem Team und ihr ist es damals gelungen, einige gebrauchte Laptops zu organisieren, die sie diesen Familien spenden konnten. „Die Dankbarkeit war riesengroß“, sagt Ardelt. Das ist nicht immer so. Aber gerade die Laptops waren für einige die Rettung in einer echten Notsituation.

Wir sind darauf angewiesen, dass uns Menschen Geld, Lebensmittel oder ihre Zeit spenden.

Peter Zilles, Landesvorsitzender der Tafeln in Bayern

Auch die Preissteigerungen* machen nicht nur den älteren Menschen mit geringer Rente zu schaffen. Eine aktuelle You-Gov-Umfrage hat ermittelt, dass jeder neunte Deutsche kaum noch seine Lebenshaltungskosten bezahlen kann. Das spüren nicht nur die Tafeln. Auch die Caritas München-Freising berichtete, dass immer mehr Menschen zur Essensausgabe kommen würden. Und die Sozialberatungen werden von mehr Eltern und Alleinerziehenden aufgesucht, die nicht mehr weiterwissen, weil ihnen wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit das Geld nicht mehr reicht, sagte Caritas-Direktor Hermann Sollfrank.

VdK-Präsidentin schlägt Alarm! „Viele Menschen drohen in Armut abzurutschen“

Auch die VdK-Präsidentin Verena Bentele ist alarmiert. „Viele Menschen drohen in Armut abzurutschen“, sagt sie und fordert, die Mehrwertsteuer auf frische, gesunde Lebensmittel so weit wie möglich zu senken und die Regelsätze für Hartz IV und Grundsicherung anzuheben, damit für alle Menschen Wohnraum, Strom und Wärme bezahlbar bleibt.

„Die Scham ist bei den meisten Menschen sehr groß“, berichtet Bayerns Tafel-Vorsitzender Zilles. Besonders bei den älteren Menschen, die in ihren Gemeinden verwurzelt sind. „Sie wollen in den Warteschlangen vor der Essensausgabe nicht erkannt werden.“ Aber sie können auf die Lebensmittelspenden auch nicht verzichten.

Corona: Tafel in Bayern kämpft mit großem Andrang und immer weniger Ehrenamtlichen

Die Tafel schafft es bisher, den größeren Andrang und den größeren Aufwand wegen der Hygienemaßnahmen zu meistern. In Fürstenfeldbruck fahren die Helfer Lebensmittel sogar aus, wenn sie wissen, dass ihre Kunden zur Risikogruppe gehören und große Angst vor einer Corona-Infektion* haben. Gleichzeitig müssen die Teams aber auch kompensieren, dass einige Helfer weggefallen sind. Die meisten Ehrenamtlichen sind im Rentenalter – und gehören zu den Risikogruppen.

Dafür haben einige Teams aber auch Ehrenamtliche dazugewonnen. Zum Beispiel die Tafel in Erding*. „Uns unterstützen nun drei junge Flugbegleiter“, berichtet Bauernfeind. Erst waren sie in Kurzarbeit und hatten mehr Zeit – inzwischen helfen sie, wenn sie freihaben. Solche Rückmeldungen machen Peter Zilles vorsichtig zuversichtlich. „Wir sind immer auf Menschen angewiesen, die uns Lebensmittel, Geld oder Zeit spenden.“ Er geht nicht davon aus, dass die Zahl der Menschen, deren Einkommen für Lebensmittel nicht reicht, so bald zurückgehen wird. (kw) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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