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Gastro dicht, Feste abgesagt: Brauer bleiben auf ihrem Bier sitzen

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Von: Dominik Göttler

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Alois Unertl IV und Alois Unertl III in ihrer Brauerei in Haag in Oberbayern.
Weißbier als Familiensache: Alois Unertl IV und Alois Unertl III in ihrer Brauerei in Haag in Oberbayern. Aktuell haben sie 5000 Liter Weißbier im Lager, das bald abläuft – mit der Gastronomie ist der Hauptabnehmer weggebrochen. © Stefan Rossmann

Die geschlossene Gastronomie macht Bayerns Brauereien zu schaffen. Im vergangenen Jahr ist der Bierabsatz trotz Flaschenbier-Boom eingebrochen. Besonders die Betreiber der Brauereigasthöfe fürchten um ihre Existenz – und ärgern sich über die Bundesregierung.

München – Weißbier ist das Leben der Familie Unertl aus Haag in Oberbayern. Und das ist keine Übertreibung. In der vierten Generation braut Alois Unertl ausschließlich Weißbier. „Wir machen nur eins, aber des dafür gscheid“, ist das Familienmotto. Und weil Tradition in der Unertl-Brauerei großgeschrieben wird, trägt Alois Unertl natürlich denselben Vornamen wie seine Vorfahren. Alois Unertl der Vierte. Obwohl das klassische Weißbier seit einigen Jahren nicht mehr gar so beliebt ist, wie der Superstar unter den Bieren, das Helle, war die Unertl-Brauerei mit ihren 15 Mitarbeitern und 30 000 Hektolitern Ausstoß pro Jahr gut ausgelastet. Aber dann kam dieses vermaledeite Virus.

Ungefähr die Hälfte des Unertl-Weißbiers geht in die Gastronomie. An 520 Wirte in ganz Deutschland, dazu kommen rund 180 Feste im Jahr. Doch im vergangenen Jahr ist ein Großteil davon einfach weggebrochen. Feste? Fehlanzeige. Gastronomie? Monatelang dicht. Ergab ein Absatzminus von rund 20 Prozent. Und das wäre noch viel größer, wenn die Weißbierfreunde in den Sommermonaten im Biergarten am Glas nicht so fleißig gewesen wären.

Corona-Jahr 2020: Bierabsatz in Deutschland - Ein Minus von 5,5 Prozent

Wie bescheiden das Jahr für Bayerns Brauer war, hat der Brauerbund gestern mit Zahlen belegt. Der deutsche Bierabsatz ist seit Jahrzehnten rückläufig. Aber im Corona-Jahr 2020 ist der Einbruch besonders massiv. Erstmals sank der Absatz unter die Marke von 90 Millionen Hektolitern, ein Minus von 5,5 Prozent zum Vorjahr. „Wir verlieren so viel Volumen wie in den acht Jahren zuvor zusammen“, sagt der Präsident des Bayerischen Brauerbunds, Georg Schneider. Denn nicht nur im Inland wurde weniger Bier verkauft. Auch der Export ist eingebrochen.

In Bayern fällt das Minus mit 4,1 Prozent etwas geringer aus als bundesweit. Doch die Auswirkungen seien dennoch massiv, betont Schneider. Denn der Rückgang trifft vor allem die kleineren, mittelständischen Brauereien. Sie fallen im Gesamtausstoß zwar nicht so stark ins Gewicht. „Doch gerade für den Mittelstand sind Gaststätten und Volksfeste die Domäne.“ Ihnen macht die Pandemie somit noch stärker zu schaffen. Auch profitierten die kleineren Brauereien nicht im selben Maße wie die großen vom deutlichen Absatzplus bei Flaschenbieren. Denn im Einzelhandel herrsche ein großer Verdrängungswettbewerb und ein harter Preiskampf. „Da kann der Mittelstand nur schwer mithalten“, sagt Schneider.

Corona-Krise in Bayern: Keine Staatshilfe für Brauereigasthöfe - „Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit“

Die größte Sorge macht sich der Brauerbund um die Betreiber der Brauereigasthöfe, also um regionale Brauereien mit angeschlossenem Wirtshaus. Denn die sind als Mischbetriebe von den staatlichen Novemberhilfen ausgeschlossen. Eine „himmelschreiende Ungerechtigkeit“, wie Schneider findet. Hier fordert der Brauerbund eine Kurskorrektur in Berlin. Dazu schlägt Schneider Steuererleichtungen für kleinere Brauereien vor, sowie eine langfristige Absenkung der Umsatzsteuer auf Speisen und Getränke auf sieben Prozent. Und sein Hauptanliegen an die Politik: „Wir brauchen eine echte Perspektive, wie es weitergeht, statt Spekulationen und Quakereien.“

Alois Unertl hat seinen Mitarbeitern derweil freigestellt, ob sie in Kurzarbeit gehen möchten. „Wir zwingen niemanden“, sagt er. Aber die Sorge in der Familie um das Lebenswerk wächst mit jedem Tag. Im April hat er 10 000 Liter Weißbier verschenkt. So sammelte er über 10 000 Euro an Spenden für das Bayerische Rote Kreuz ein. Jetzt hat er wieder 5000 Liter Weißbier im Lager, das bald abläuft. „Wir sind schon in Kontakt mit einem Schnapsbrenner, ob wir nicht einen Bierbrand draus machen können.“ Denn sonst bleibt bald nur noch eine Lösung: Wegschütten. Und das bringt ein Traditionsbrauer in der vierten Generation eigentlich nicht übers Herz.

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