Doch kein „Turbo“?

„Unberechenbar“: Neue Impf-Strategie sorgt für Verwirrung in Bayern - Auftakt verzögert sich wohl

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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  • Sebastian Horsch
    Sebastian Horsch
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Die Kapazitäten der Corona-Impfzentren in Bayern schnellstmöglich verdoppeln. Das war eigentlich der „Impf-Turbo“-Plan von Klaus Holetschek. Doch plötzlich sieht alles ganz anders aus.

Update vom 10. März, 20.14 Uhr: In München hatte die kurzfristige Planänderung, die Kapazitäten der Impfzentren nicht weiter auszubauen (siehe Ursprungsmeldung), für Unmut gesorgt. Die Stadt München teilte am Mittwoch mit, sie müsse nun den Aufbau stoppen. „Es ist für uns als Gesundheitsamt ausgesprochen schwierig, Planungen umzusetzen, wenn sich die Impfstrategie von Bund und Land in dieser für uns alle lebenswichtigen Frage so schnell und unberechenbar ändert“, sagte Münchens Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek.

Zurek kritisierte, nach der Ankündigung des Gesundheitsministeriums, dass die Stadt ab April täglich rund 13.000 Impfdosen erhalte, sei mit großer Kraftanstrengung begonnen worden, die Impfkapazität in der Messe auf täglich 6000 Impfungen auszubauen. Zugleich seien Voraussetzungen für weitere Impfzentren mit 7000 Impfungen täglich geschaffen worden. „Das alles gemäß der Aussagen des Freistaats, dass die Impfzentren ein maßgeblicher Bestandteil der bayerischen Impfstrategie sind. Heute dann der für uns alle sehr überraschende Sinneswandel, dass die Kapazitäten in den Impfzentren nicht ausgebaut und stattdessen die Impfungen wesentlich durch Hausärzte erfolgen sollen“, sagte Zurek.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern peilen den Start von Corona-Impfungen in den Arztpraxen spätestens für Mitte April an. Ziel sei frühestmöglich, jedoch spätestens in der Woche vom 19. April damit zu starten, beschlossen die Minister nach Beratungen am Mittwoch. Von einem Auftakt am 1. April (siehe Ursprungsmeldung) hat sich offenbar bereits verabschiedet. (dpa)

Exklusiv: Bayern ändert jetzt plötzlich Corona-Impfstrategie - Schreiben an Bürgermeister sorgt für Verwirrung

Ursprungsmeldung:

München - Seit Wochen kündigt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek an, in den „Impf-Turbo“ schalten zu wollen. Die Kapazitäten der Impfzentren* sollten weiter ausgebaut werden - von derzeit 43.000 Impfungen täglich auf bis zu 110.000 bis April.

Umso irritierender ist für die Betreiber nun ein Schreiben an die Bürgermeister und Landkreise, das gestern nach einer Videokonferenz von Vertretern des Städte- und Landkreistags sowie des Gesundheitsministeriums verschickt wurde und dem Münchner Merkur* vorliegt.

„Der noch vor Kurzem kommunizierte Ausbau der Kapazitäten bei den lokalen Impfzentren solle aller Voraussicht nach nicht mehr weiterverfolgt werden“, steht darin. Es werde empfohlen, keine weiteren Planungen zu einer Kapazitätsausweitung vorzunehmen. Eine endgültige Entscheidung soll erst nach der nächsten Gesundheitsministerkonferenz an diesem Donnerstag fallen.

Corona-Impfzentren sollen nicht mehr wachsen - Ärzte sollen in Bayern impfen

Der Hintergrund: Ab April sollen auch die Arztpraxen flächendeckend gegen Corona* impfen dürfen. Der genaue Termin für den Einstieg der Ärzte ist noch offen. Der Landkreistag geht aber dem Schreiben zufolge von einem Start zum 1. April aus. Für die Lagerung der Impfstoffe in den Praxen und die nötige Impfdokumentation sollen demnach die Ärzte zuständig sein. Wie Business Insider berichtet, will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Lieferung an die Impfzentren dann bundesweit bei 1,25 Millionen Impfstoffdosen pro Woche deckeln. 2,7 Millionen Dosen wöchentlich sollten im Schnitt an Arztpraxen gehen. Ein Ausbau der Impfzentren wäre somit vorerst überflüssig.

Deshalb soll es in den lokalen bayerischen Impfzentren bei der aktuellen Kapazität von täglich bis zu 43.000 Impfungen bleiben – auch wenn, wie das Gesundheitsministerium prognostiziert, ab Mitte April Impfstoff im doppelten Umfang vorhanden sein wird. Oder sogar noch mehr. Bisher war der Plan, dass die Kapazitäten in Bayerns Impfzentren bis April auf 110.000 Impfungen täglich erhöht werden sollten. Etliche Landkreise und Städte treffen dafür seit Wochen Vorbereitungen. Sie wurden von dem Schreiben zu den neuen Planungen gestern überrascht.

Coron-Impfzentren sollen plötzlich klein bleiben in Bayern - BRK irritiert

Genau wie das Bayerische Rote Kreuz, das in Bayern 42 Impfzentren betreibt. Dass die Hausärzte auch impfen, sei sinnvoll, betont Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. „Fakt ist aber, dass die Impfungen in Bayern noch nicht so weit fortgeschritten sind, dass von einem Herunterfahren der Impfzentren die Rede sein darf“, betont er. Vielmehr müssten die Kapazitäten erweitert werden, um den von Holetschek angekündigten „Impf-Turbo“ endlich zünden zu können. Vor Ort sei durch diesen Strategiewechsel viel Verwirrung entstanden, so Stärk. Das BRK hat für den Betrieb der Impfzentren hunderte neue hauptamtliche Mitarbeiter eingestellt. Diese Arbeitsverträge laufen größtenteils bis Ende Juni.

Holetschek nimmt Stellung: „Impfzentren Rückgrat der Impfstrategie“

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte dem Münchner Merkur* zu den Planungen:Die durch den Bund klar geforderte Erhöhung der Impfkapazitäten in den Impfzentren haben wir in Bayern mit den verantwortlichen vor Ort flexibel geplant und werden davon in Bereichen mit einer nicht so hohen Praxisdichte sicherlich weiter profitieren. Klar ist aber auch: Gerade im April werden die avisierten Impfstoffmengen noch nicht dazu führen, dass wir in den beiden Säulen jeden Impfwunsch erfüllen können.“ Die Impfzentren seien „in der momentanen Phase der Impfungen das Rückgrat der Impfstrategie“. Gleichwohl sei es „gut und richtig, jetzt schnellstmöglich die Arztpraxen als zweite Säule in das System zu holen“, sagte Holetschek unserer Redaktion. Die Hausärzte könnten „jetzt schon vor allem für chronisch Erkrankte und immobile Menschen eine wichtige Rolle bei der Impfung einnehmen“. *Münchner Merkur und Merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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