Ein Alltags-Assistent schiebt eine Frau im Rollstuhl
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Assistenz im Alltag: Menschen mit körperlicher Behinderung haben durch die Hilfe, die sie brauchen, ein höheres Infektionsrisiko. Priorisiert bei den Impfungen sind sie nicht.

Hochrisikogruppe nicht berücksichtigt

Isoliert aus Todesangst: Menschen mit Behinderung bei Impfungen nicht priorisiert

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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Für viele Menschen mit körperlicher Behinderung wäre eine Corona-Infektion ein Todesurteil. Doch obwohl sie zu einer Hochrisikogruppe zählen, müssen sie noch auf die Impfung warten. Und fürchten nun, noch weiter nach hinten zu rutschen.

Seit einer Kinderlähmung muss Bruni Bung einen Großteil des Tages künstlich beatmet werden. Sie hat nur noch 20 Prozent Lungenvolumen. Acht Stunden täglich unterstützen sie Assistenten dabei, ihren Alltag trotz aller körperlichen Einschränkungen zu meistern. Dafür müssen sie ihr sehr nahe kommen – und die 65-Jährige kann keine Maske tragen. Weil die Assistenten aber auf 450 Euro-Basis eingestellt und nicht Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes sind, werden sie bei den Impfungen* nicht priorisiert eingestuft. Und Bruni Bung weiß ebenfalls nicht, wie lange sie noch auf einen Impftermin warten muss.

Corona in Bayern: „Eine Infektion würde ich nicht überleben“

„Eine Infektion* würde ich nicht überleben“, sagt sie. Trotzdem zählt sie nicht zu den Menschen, die als erstes eine Impfung angeboten bekommen. Aufgrund ihrer Lungenerkrankung ist Bruni Bung in der Priorisierungsgruppe 2. Als Gruppe tauchen Menschen mit körperlichen Behinderungen, die nicht über 80 sind oder in einem Pflegeheim leben in der Impfverordnung aber überhaupt nicht auf. „Sie sind nicht berücksichtigt worden“, sagt Rudolf Seidl. Er ist Geschäftsführer der Vereinigung Integrationsförderung – und kämpft seit Monaten dafür, dass Menschen mit körperlicher Behinderung, die auf Assistenz angewiesen sind, bei den Impfungen* priorisiert werden. Schnell und unbürokratisch, ohne dafür die bayerische Impfkommission anrufen zu müssen. Bisher kämpft er jedoch vergeblich.

Die Ständige Impfkommission habe Menschen mit körperlichen Behinderungen nicht priorisiert, weil sie als weniger mobil gelten und ihr Ansteckungsrisiko damit als geringer vermutet wird, erklärt Seidl. „Das entspricht aber überhaupt nicht ihrem Alltag.“ So wie Bruni Bung seien sehr viele Menschen auf Pflegehelfer angewiesen. In den meisten Fällen würden sich acht Assistenten pro Woche abwechseln. Jeder einzelne von ihnen hat soziale Kontakte. „Das Risiko für die Menschen mit Behinderung ist dadurch riesengroß.“ Das Risiko zu erkranken – und für viele auch das Risiko, an Covid-19 zu sterben.

Ich lebe mit Todesangst. Für mich zählt jeder Tag.

Bruni Bung

Briefe an Söder, Holetschek und Reiter - Menschen mit Behinderung bei Impfungen nicht priorisiert

Seidl hat in den vergangenen Wochen etliche Briefe geschrieben. An Ministerpräsident Markus Söder, an Gesundheitsminister Klaus Holetschek, an den Münchner OB Dieter Reiter und das Gesundheitsreferat. Nur die Münchner Stadträtin Beatrix Zurek hat ihm geantwortet – wenn auch nur mit einer zweiseitigen Begründung, warum Menschen mit Behinderung in der Impfreihenfolge nicht hochgestuft werden: der Impfstoff ist knapp, die Stadt habe keine Einflussmöglichkeiten. Seidl versteht es nicht. „Die Menschen können die nötigen Abstände nicht einhalten, weil sie körpernahe Hilfe brauchen. Teilweise können sie nicht mal die Schutzmasken tragen.“

Corona-Impfreihenfolge in Bayern: „Ich kann das nicht verstehen“

Nachdem die Impfung mit Astrazeneca vergangene Woche zeitweise ausgesetzt wurde, hatte Söder gefordert, aus den Prioritäten Empfehlungen zu machen, um die verlorene Zeit schneller wieder aufzuholen. Deshalb fürchten viele Menschen mit Behinderung nun, in der Impfreihenfolge noch weiter nach hinten zu rutschen. Die Behindertenbeauftragten von Bund und Ländern verlangten vergangene Woche in einer gemeinsamen Erklärung, weiter strickt nach der Reihenfolge der Impfverordnung vorzugehen. Es dürften keine neuen Gruppen in die Priorisierungsliste aufgenommen werden, sofern nicht ein hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Verlauf bestehe, fordern sie. Innerhalb der Gruppen müssten die Menschen mit solch hohem Risiko zuerst geimpft werden. Außerdem kritisieren sie, dass Einzelfallverfahren zu lange dauern. Viele Menschen lebten zum Teil seit einem Jahr in Selbstisolation. So wie Bruni Bung. „Ich lebe mit Todesangst“, sagt sie. „Für mich zählt jeder Tag.“ Ihr Hausarzt sagte ihr, sie werde wohl frühestens im Mai einen Termin bekommen. „Ich kann das nicht verstehen“, sagt sie. „Mein Leben war nie einfach – aber ich musste nie mit so großen Ängsten leben wie jetzt.“ *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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