Auch in Corona-Zeiten sind die Menschen bereit zu spenden.
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Auch in Corona-Zeiten sind die Menschen bereit zu spenden.

„Katastrophe im eigenen Land“

Corona-Pandemie verschärft Notlage: Spendenbereitschaft in Bayern trotz Krise hoch

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
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Obwohl viele Menschen wegen Corona gar nicht oder nur in Kurzarbeit ihrem Beruf nachkommen konnten, ist die Spendenbereitschaft in Bayern sehr hoch.

  • Bundesweit geht der Deutsche Spendenrat von Einnahmen von 5,3 Milliarden Euro aus.
  • Wie viel in den stärksten Monaten November und Dezember zusammenkommt, stellt sich erst 2021 heraus.
  • Die Hilfsorganisationen sind froh über die Spendenbereitschaft der Menschen.

München - Jedes Jahr um die Weihnachtszeit entdecken die Bayern ihre soziale Seite. Die einen schenken dem Obdachlosen vor dem Nachbarhaus einen Schlafsack für die kalten Nächte, die anderen überweisen einen Teil ihres Weihnachtsgeldes an gemeinnützige Organisationen oder packen einen Schuhkarton voller Buntstifte und Süßigkeiten für ein Kind aus Osteuropa. Allein im Dezember werden 20 Prozent aller Spendeneinnahmen eines Jahres eingenommen, sagt Max Mälzer, Geschäftsführer des Deutschen Spendenrats. Doch dieses Jahr ist alles anders. Viele Mitarbeiter waren im Frühjahr in Kurzarbeit – und sind es noch. Viele Betriebe hatten geschlossen – und sind es wieder. Trotz Corona* ist das diesjährige Spendenaufkommen hoch – und wird es höchstwahrscheinlich auch während der Weihnachtszeit bleiben.

Spendenbereitschaft in Corona-Zeiten größer als in den Vorjahren

„Es ist natürlich ein Blick in die Glaskugel“, sagt Mälzer. Noch könne er nicht genau sagen, wie die Spendenbereitschaft in den verbleibenden Tagen vor Weihnachten ausfallen wird. Die vergangenen Monate zeigen jedoch, dass der Wille, etwas Gutes zu tun, da ist. „Das Gesamtvolumen hat sich etwas erhöht“, sagt Mälzer. Trotz der schwierigen finanziellen Lage wird 2020 voraussichtlich das beste Spendenergebnis seit 2005. Der Geschäftsführer prognostiziert bundesweite Einnahmen von 5,3 Milliarden Euro. Ein Ergebnis, mit dem Mälzer nicht gerechnet hätte. Vor allem der Monat März sticht aus der Statistik heraus – mit einer Erhöhung der Spenden von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Auch Sonja Pejhan vom Verein Lichtblick Seniorenhilfe ist von der Spendenbereitschaft überrascht: „Eigentlich haben wir nicht mit so viel Solidarität gerechnet.“ Das Spendenverhalten habe sich jedoch verändert. „Manche spenden weniger oder aufgrund der Kurzarbeit gar nichts“, sagt Gründerin Lydia Staltner. Dafür bleiben größere Geldsummen erhalten. Im vergangenen Jahr hat der Verein mit der Weihnachtsaktion des Münchner Merkur 1,3 Millionen Euro eingenommen. Ob es wieder so viel wird, weiß Staltner noch nicht. „Wir können gerade aber jeden Cent gebrauchen“, sagt Kollegin Pejhan. Über vier Millionen Euro hat der Verein schon ausgegeben, vieles für Lebensmittelkisten. Durch Corona* brauchten die Senioren dieses Jahr mehr Unterstützung. „Noch mussten wir keinen Rentner abweisen“, sagt Staltner. „Aber die Angst ist da.“

Mehr Menschen kommen wegen Corona zur Bahnhofsmission

Auch die Bahnhofsmission München ist seit der Corona-Pandemie für immer mehr Menschen Anlaufpunkt. „In einem Monat haben wir 20.000 Kontakte, das sind doppelt so viele wie im Vorjahresmonat“, sagt Bettina Spahn, Leiterin der katholischen Bahnhofsmission. An Spenden mangelt es der Organisation aber nicht. „Wir haben ein hohes Aufkommen, sowohl Sachspenden, als auch finanzielle Mittel“, sagt Spahn. Kleiderspenden nimmt die Bahnhofsmission nicht mehr an. „Es geht um Spendenbereitschaft und nicht darum, Dinge loszuwerden, die man selbst nicht mehr braucht“, sagt Spahn. Alles in allem ist sie aber zufrieden: „Wir werden gesehen und gut behandelt – auch zu Weihnachten.“

Zufrieden ist auch der Bayerische Rundfunk mit dem Ergebnis des diesjährigen Sternstundentags. Fast zwölf Millionen Euro wurden eingenommen, zweieinhalb Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Das sei auch wichtig, denn „die Pandemie hat die Situation vieler Kinder in Not noch verschärft“, sagt Ulrich Wilhelm, Intendant des BR.

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Die Malteser hatten in Corona-Zeiten auch mehr Ausgaben

Dass 2020 ein besonderes Jahr ist, kann auch Gabriele Rauecker von den Maltesern in Oberbayern bestätigen. „Die Spendensummen sind deutlich höher“, sagt die Abteilungsleiterin für Social Marketing. Doch auch die Ausgaben der vergangenen Monate sind erheblich. Die Malteser haben sich nicht nur um Einkaufshilfen und Besucherdienste gekümmert, sondern auch um Behelfskrankenhäuser und Abstrichzentren. Aufgaben, die viel Geld kosten.

Rauecker geht jedoch davon aus, dass die Kassen in den kommenden Wochen wieder voller werden. „Spenden gehört bei vielen zum Weihnachtsgefühl dazu.“ Auch wenn das Geld von einige Firmen dieses Jahr wegfällt – die Organisation lebe von der Summe der Kleinspender. „Eine Spende über 80 Euro, das leistet sich auch jemand, der gerade in Kurzarbeit ist.“

Verfolgen Sie das Corona-Geschehen in Bayern in unserem aktuellen News-Ticker.

„Die Corona-Krise war eine Katastrophe im eigenen Land“

Vor allem für Initiativen in Deutschland gaben und geben die Spender Geld aus, mehr als für Projekte im Ausland. Laut Rauecker eine Folge der Pandemie. „Die Corona-Krise war eine Katastrophe im eigenen Land.“

Doch auch der Münchner Verein Orienthelfer kann dieses Jahr nicht klagen. „Man denkt, alle Menschen sind auf Corona* fokussiert. Das stimmt nicht. Uns sind die Spender treu geblieben und es sind viele dazugekommen“, sagt Gründer Christian Springer. Besonders nach der Explosion im Beiruter Hafen Anfang August schossen die Zahlen auf dem Spendenkonto nach oben.

Noch liegen dem Deutschen Spendenrat keine genauen Zahlen für die einnahmestärksten Monate November und Dezember vor. „Das wird noch bis März dauern“, sagt Geschäftsführer Max Mälzer. „Wir sind aber optimistisch.“ *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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