Petition für mehr Präsenz: Nach fast einem Jahr Online-Seminaren fordert die Studentin Anjes Kubiak, dass die Hochschulen endlich wieder öffnen.
+
Petition für mehr Präsenz: Nach fast einem Jahr Online-Seminaren fordert die Studentin Anjes Kubiak, dass die Hochschulen endlich wieder öffnen.

Volle Fußballstadion, leere Hörsäle: „Wir fühlen uns total vergessen“

Corona in Bayern: Studenten starten Petition für Präsenzunterricht - Österreich plant Hybridsemester

  • VonCornelia Schramm
    schließen

Der Alltag der Studenten in Bayern ist trist. Anjes Kubiak ist eine von ihnen. Zum Winter hofft sie auf Präsenzseminare – jetzt, wo dank Schnelltests sogar Fußballstadien wieder öffnen. Mit einer Petition appelliert sie an die Politiker. Österreich ist da schon einen Schritt weiter.

München – Anjes Kubiak ist frustriert. Bei den EM-Spielen durften rund 14 500 Fußballfans in die Allianz Arena. Ein negativer Corona-Test sowie Abstands- und Hygieneregeln machten es möglich. Gleiches gilt für Public Viewing im Biergarten. „Da fühlt man sich als Student total vergessen“, sagt Kubiak, die Fotodesign an der Hochschule München studiert. Ihr zweites Semester hat sie fast geschafft. Die Uni hat sie bisher nicht von Innen gesehen.

Um zugelassen zu werden, hat Kubiak ein aufwendiges Bewerbungsverfahren durchlaufen: Probearbeiten, Auswahlgespräche und Tests liefen online ab. „Bei kreativen Studiengängen zählt ja auch Persönlichkeit – via Zoom ist es aber schwer zu zeigen, wer man ist und wohin man will“, sagt die 21-jährige Landsbergerin. Die Hürde ist geschafft, doch ihr Alltag ist trist. „Täglich nur in den Bildschirm zu schauen und seine Kommilitonen und Dozenten nie richtig kennenzulernen, ist frustrierend. Jetzt ist die Motivation am Tiefpunkt.“

Viele Studenten schalten deshalb weder Kamera noch Mikrofon an. Der Dozent spricht dann in einen schwarzen Bildschirm. Kubiak findet es verständlich, dass im Lockdown nur Naturwissenschaftler Zutritt zu den Universitätslaboren hatten. Jetzt sei es aber an der Zeit, allen Studenten wieder Präsenz-Unterricht zu bieten. „Gerade kreative Studiengänge leben vom Austausch.“

Corona-Semester gehen Studenten an die Psyche: Petition fordert Veränderung

Von 30 Studenten in ihrem Jahrgang haben drei abgebrochen. Auch in anderen Bereichen wollen viele so nicht mehr weitermachen, weiß Kubiak. Die Situation gehe vielen an die Psyche. Gemeinsam mit ihren Mitstudenten Tobias Gaisbauer, Leon Krüger und Michelle Walter hat sie deshalb eine Petition gestartet. „Zooming Out: Zurück in die Präsenz“ heißt sie und fordert das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst auf, ab Herbst wieder Präsenzunterricht zu erlauben – wie an Schulen eben. Unter Vorlage eines Negativ-Tests, mit FFP2-Masken und Abständen.

„Wir könnten uns doch besser als Grundschüler an die Regeln halten“, sagt Kubiak. „Ich finde es unerträglich, dass uns die Regierung so ignoriert.“ Verständnis hat sie für die Dozenten: „Viele von ihnen würden uns gerne live sehen, aber ihnen sind rechtlich die Hände gebunden.“ So fordert die Petition auch explizit, das Kursprozedere für Lehrende zu entbürokratisieren. „Es braucht klare Regeln, nach denen Dozenten Präsenzunterricht anbieten können – die Kurse sind doch von Studiengang zu Studiengang und von Uni zu Uni unterschiedlich“, sagt Kubiak. Da müssten Dozenten pragmatisch handeln dürfen. Ein Drittel der 27 Fotodesign-Studenten in ihrem Jahrgang seien schon vollständig geimpft. Daher ging es vor Kurzem mit dem Kurs in eine Ausstellung. Hier gelten ja die Regeln für Museen – nicht für Universitäten.

Österreich hat Corona-Fahrplan für Hochschulen

Das Nachbarland Österreich hat einen Fahrplan für die Hochschulen: Robert Marksteiner aus Neubiberg (Kreis München) erhielt bereits seine erste Impfung, weil er an der Universität in Innsbruck studiert. „Das war total unkompliziert. Nach der Anmeldung hatte ich eine Woche später den Impftermin. Zum Glück studiere ich hier und nicht in Bayern, sonst hätte ich noch deutlich länger warten müssen“, sagt der 19-jährige Musikwissenschaftsstudent. An diesem Sonntag steht in Tirol eine Aktion an, bei der sich alle ohne Voranmeldung impfen lassen können – freie Wahl beim Impfstoff. Im Zuge dessen gab die Universität in Innsbruck jetzt auch bekannt, dass ab kommendem Semester die Hörsäle wieder öffnen. Geplant ist ein Hybridmodell aus Präsenz- und Onlinelehre.

Geimpft in das Wintersemester: Robert Marksteiner besucht seine Kurse in Innsbruck bald wieder persönlich.

Bayern ist noch nicht so weit: Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) gab am Mittwoch bekannt, die Hochschulen öffnen zu wollen, sofern das Infektionsgeschehen stabil bleibe. „Wir werden ermöglichen, was verantwortbar ist“, sagte er und kündigte gleichzeitig eine Impfaktion für Studenten an. Einen konkreten Zeitraum nannte er aber nicht. Ein Hybridmodell würde auch Kubiak befürworten. „Wir wollen gehört werden und selbst entscheiden, wie wir lernen – bis dahin sind wir in dieser Situation gefangen.“

Auch interessant

Kommentare