Zwei Beamte des Kommunikationsteams der Polizei
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Das Kommunikationsteam ist an den gelben Polizei-Westen zu erkennen.

„Wollen nicht als Spielverderber auftreten“

Spezialeinsatz Corona-Demo: Diese besonderen Beamten setzt Polizei ein - „Bevölkerung ist kritischer geworden“

  • Kathrin Brack
    vonKathrin Brack
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Die vielen Versammlungen in Zeiten von Corona sind für die Polizei eine Herausforderung. Damit Demos friedlich verlaufen, setzen die Beamten auf Kommunikation. Denn der Redebedarf ist bei vielen Leuten groß.

Rosenheim – Früher, sagt Johann Brumbauer, dröhnte bei Demonstrationen aus einem Lautsprecher von irgendwoher die unheilvolle Ansage: „Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei.“ Davon sei man längst abgekommen. Stattdessen setzen die Beamten im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Oberbayern Süd heute auf direkte Ansprache, wenn sie Demonstrationen begleiten. „Wir wollen den Leuten zuhören und mit ihnen auf Augenhöhe reden“, betont Brumbauer. Er ist der Chef der Polizeiinspektion Bad Aibling (Kreis Rosenheim) und der Leiter der Verhandlungsgruppe des Präsidiums.

Corona-Demos in Bayern: Polizei betont - „Wollen den Leuten zuhören und mit ihnen auf Augenhöhe reden“

Diese Gruppe speziell geschulter Beamter tritt immer dann in Erscheinung, wenn die Polizei kommuniziert. Mit Tätern, zum Beispiel bei Entführungen oder Geiselnahmen. Aber auch mit Opfern, wenn ein Unglück geschehen ist und die Betroffenen erfahren sollen, wie die Polizei weiter vorgeht. Aktuell erscheint eine Untergruppe besonders oft: Während Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen begleiten Kommunikationsbeamte das Geschehen.

Diese Beamten gab es schon vor der Pandemie. Das Präsidium will aber künftig bei Versammlungen noch mehr auf ihre Kommunikationsstärke setzen. Das hatte Polizeipräsident Robert Kopp erklärt, als er kürzlich eine Zwischenbilanz der Corona-Einsätze seiner Beamten vorstellte (wir haben berichtet).

Polizeieinsätze bei Corona-Demonstrationen: Zusatzausbildung dauert eine Woche

Die Zusatzausbildung für die Verhandlungsgruppe dauert fünf Wochen. Wer sich als Kommunikationsbeamter ausbilden lässt, wird eine Woche lang geschult. Dabei unterstützen Lehrer, Psychologen und Soziologen die Polizei. Dann geht es um Gesprächsführung, Tonlagen, Mimik, Gestik und die Analyse unterschiedlicher Situationen.

„Wir schauen uns genau an, wer da auf die Straße geht. Sind das Schüler bei Fridays for Future? Oder sind das aggressive Gruppierungen?“, erklärt Johann Brumbauer. „Und wir sprechen über unsere Rolle bei einer Demo. Wir wollen ja nicht als Spielverderber auftreten, sondern das Recht auf Versammlungsfreiheit schützen.“

Neben verschiedenen Kommunikationstechniken lernen die Beamten das wichtigste Werkzeug: aktives Zuhören. „Das kommt an allererster Stelle“, sagt Brumbauer. Viele Menschen hätten Hemmungen, Polizisten anzusprechen. Vor allem bei den geschlossenen Einsatzzügen in schwarzen Overalls sei die Hemmschwelle hoch. „Meine Kollegen stehen zwar auch in Uniform da, sie sind aber mit ihren gelben Westen klar in ihrer Funktion erkennbar.“

Corona-Demos: Unmut der Menschen wächst - „Bevölkerung ist kritischer geworden“

Wir wollen nicht als Spielverderber auftreten.

Johann Brumbauer

Tatsächlich sei das „ein Eisbrecher, man erkennt gleich: okay, mit dem kann ich reden“. Und das Redebedürfnis mancher Bürger sei groß, viele wollen erklären, warum sie auf die Straße gehen. Im Idealfall, so Brumbauer, erkennen sie: „Das ist nicht der böse Polizist, der hört mir zu und versteht mich.“

Brumbauer und seine Kollegen haben Verständnis für die Menschen, die demonstrieren. „Das Thema betrifft jeden, auch uns Beamte, auch im Privaten. Ich würde selbst gern wieder einmal mit Freunden im Biergarten sitzen.“ Man merke nicht nur an den Einsatzzahlen, dass der Unmut wächst. „Die Bevölkerung ist kritischer geworden, die Leute neigen dazu, zu widersprechen.“ Manche suchen auch den Konflikt mit der Polizei. „Die meisten sind aber wegen der Sache da. Die Herausforderung ist, dass wir nicht alle über einen Kamm scheren.“

Corona-Einsätze in Oberbayern: Polizei hat Verständnis für Demonstranten

Aktuell stehen dem Präsidium Oberbayern Süd mehrere Polizisten als Kommunikationsbeamte auf Abruf zur Verfügung. Sie alle sind Freiwillige, „niemand wird zwangsverpflichtet“. Das Anforderungsprofil für diese Aufgabe: „Man muss kommunikativ sein, ein gescheites Auftreten haben und auch ein bisserl was darstellen.“

Außerdem sei es wichtig, dass der- oder diejenige schon über Berufserfahrung verfügt. „Die Aufgabe ist stressig, das muss ich ehrlich sagen. Wenn ich vor 400, 500 Leuten stehen und reden soll, das macht auch was mit einem Polizisten.“ Trotzdem übernehmen er und seine Kollegen die Aufgabe gern, sagt Johann Brumbauer. „Wenn wir nicht mehr reden würden, wenn wir nicht mehr zuhören: Das wäre fatal.“

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(Von Kathrin Brack)

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