Polizeibeamte in Schutzausrüstung kommen aus einer Flüchtlingsunterkunft in Rosenheim
+
Polizeieinsatz nach Corona-Ausbruch: Im Mai mussten 58 Bewohner einer Rosenheimer Flüchtlingsunterkunft in andere Landkreise verlegt werden. Immer wieder kam es zu großen Ausbrüchen in Flüchtlingsheimen

Angst vor Impf-Neid

Corona: Warum Geflüchtete bei Impfungen priorisiert sind

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
    schließen

Viele Menschen warten verzweifelt auf ihren Impftermin. Das kann auch zu Neid führen – auf die, die zu einer priorisierten Gruppe gehören. Zum Beispiel Flüchtlinge in Unterkünften.

München - Aktuell werden in Bayern Über-80-Jährige und Heimbewohner geimpft. Und Personen, die durch ihren Beruf einem hohen Risiko ausgesetzt sind, sich mit Corona* zu infizieren. In der nächsten Priorisierungsgruppe sind neben den Über-70-Jährigen auch Personen mit schweren Erkrankungen oder geistigen Behinderungen eingruppiert, Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten, Polizeibeamte – aber auch Personen, die in großen Einrichtungen untergebracht sind. Dazu zählen Obdachlosenunterkünfte, Frauenhäuser – und Flüchtlingsheime.

Corona: Angst vor Neiddebatte bei Impfungen

Der Impfstoff* ist in Bayern noch immer knapp, die kurzzeitige Aussetzung von Astrazeneca vergangene Woche hatte dazu geführt, dass viele Impftermine gestrichen werden mussten. Immer größer wird dadurch auch die Sorge, dass Neiddebatten entstehen könnten – besonders, weil Geflüchtete früher als die meisten anderen die Chance auf eine Impfung* bekommen sollen. Auch Andrea Betz von der Diakonie München und Oberbayern bereitet das Sorgen – aber noch mehr sorgt sie sich, was passiert, wenn Geflüchtete, die in Unterkünften leben, nicht bald ein Impfangebot bekommen. „In den Flüchtlingsunterkünften ist das Risiko, sich anzustecken, besonders groß“, sagt sie. Mehrere Menschen teilen sich teilweise wenige Quadratmeter große Zimmer, dutzende Personen benutzen dieselben Küchen, Duschen und Toiletten. „In einer so prekären Wohnform gibt es nicht die Schutzmöglichkeiten wie in einem Privathaushalt“, betont Betz.

Die Hürden beim Zugang für die Impfungen sind für geflüchtete Menschen sehr hoch.

Gülseren Demirel, asylpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag

Das haben die vergangenen Monate immer wieder bewiesen. In fast allen Flüchtlingsunterkünften gab es Corona*-Fälle. Das führte jedes Mal dazu, dass die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt wurde. Etliche Menschen durften nicht mehr in die Arbeit, die Kinder nicht mehr in die Schulen. Das sei mit keiner anderen Wohnsituation vergleichbar, betont Betz. Sie fürchtet, dass durch die ständige Quarantäne noch mehr Asylsuchende ihre Jobs verlieren könnten – und Kinder den Anschluss in der Schule noch mehr verlieren. Oder, dass die Bewohner von Unterkünften stigmatisiert werden könnten. „Es wäre furchtbar, wenn Kinder aus Unterkünften in den Schulen gemieden werden würden.“

Corona: Inzidenzwerte würden durch die Impfung von Geflüchteten sinken

Auch Gülseren Demirel, die asylpolitische Sprecherin der Grünen, betont: „Die Menschen in den Unterkünften sind in der Priorisierungsgruppe 2 völlig richtig eingestuft.“ Denn damit würden auch die Infektionszahlen in den Städten mit großen Unterkünften sinken – und damit auch die Inzidenzwerte, betont sie. „Es ist doch im Interesse aller, dass sich möglichst wenig Menschen infizieren.“ Und das Risiko in den Unterkünften sei eben besonders groß.

Demirel ist gedanklich allerdings schon einen Schritt weiter – und damit beim nächsten Problem. „Die Hürden beim Zugang für die Impfungen* sind für geflüchtete Menschen sehr hoch“, sagt sie. Die Online-Anmeldung ist so kompliziert, dass sie schon Muttersprachler vor Probleme stellt, in den Impfzentren und bei den Hotlines gebe es keine Dolmetscher – und auch die Anreise zu den Impfzentren könnte viele Geflüchtete vor Probleme stellen.

Die Grünen haben deshalb im Landtag einen Antrag eingereicht. Sie fordern mobile Impfzentren für alle Flüchtlingsunterkünfte. Nicht nur wie vorgesehen für die Anker-Zentren. „Wir müssen dafür sorgen, dass Sprachbarrieren überwunden werden und die Geflüchteten über die Impfungen informiert werden“, sagt Demirel. Die Ehrenamtlichen dürfen während der Pandemie nicht in die Unterkünfte und könnten diese Aufgabe nicht übernehmen. „Wenn wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich geimpft werden, sind mobile Impfteams für die Unterkünfte unverzichtbar.“ *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion