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Der falsche Impfarzt gesteht – Er fälschte Dokumente und spritzte hunderte Patienten in Bayern

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Auf einen Stock gestützt wurde der 50-jährige Angeklagte ins Gericht geführt.
Auf einen Stock gestützt wurde der 50-jährige Angeklagte ins Gericht geführt. © Monika Kretzmer

Mehr als 300 Menschen wurden durch ihn geimpft und bei über 1000 überwachte er die Impfung: Der falsche Impf-Arzt Stefan H. aus Ottobrunn hat dies vor Gericht nun gestanden.

Traunstein – Er impfte und überwachte Impfungen, ohne ein Arzt zu sein – im Februar und März 2021 in den Impfzentren Rosenheim und Karlsfeld (Kreis Dachau) sowie über mobile Impfteams. Laut Anklage soll der 50-Jährige dabei bei mehr als 306 Menschen ohne ärztliche Zulassung selbst die Spritze gesetzt und in 1144 Fällen Injektionen von medizinischem Fachpersonal überwacht haben. Deswegen muss sich Stefan H. aus Ottobrunn (Kreis München), eigentlich ein Theologe, seit Donnerstag (10. Februar) wegen gefährlicher Körperverletzung, Urkundenfälschung und Titelmissbrauch vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

50-Jähriger räumt Taten über seine Anwälte ein: „Er besitzt keinerlei Doktortitel“

Über seine Verteidiger ließ der 50-Jährige die Taten einräumen. Mit Handschellen war der Mann ins Gericht geführt worden, gestützt auf einen Stock. Seit gut neun Monaten sitzt er in Untersuchungshaft. „Es ist richtig, dass sich der Angeklagte unter Vorlage einer gefälschten Approbation als Impfarzt beworben hat. Er besitzt keinerlei Doktortitel“, eröffnete Verteidigerin Carolin Arnemann ihre Ausführungen. Was aber die Verteidigung später nicht öffentlich erörtert wollte: Der Angeklagte war bei den verbotenen Impfungen HIV positiv. Dass dies bekannt wurde, habe der Angeklagte aber unbedingt verhindern wollen. Ein deshalb beantragten Ausschluss der Öffentlichkeit wurde aber von der Kammer abgelehnt. Die Anwältin hatte zuvor betont, der 50-Jährige habe ausschließlich fertige Spritzen verwendet und keine Impfungen vorbereitet.

Zu den Motiven von H. ging die Verteidigerin auf die Lebensgeschichte des angeblichen „Dr. theolog. Uni. Dr. med. univ. Stephan H.“ ein. Dessen Lebenstraum sei es gewesen, Priester zu werden. Als Priesteramtskandidat habe er Vorlesungen zu Psychologie und Medizin absolviert. Ein weiteres Studium habe ihm der Bischof untersagt. Nach vierjähriger Ausbildung sei er aus der kirchlichen Laufbahn ausgestiegen. Anschließend habe sich ihr Mandant zum „systemischen Therapeuten“, einem nicht anerkannten Beruf, weitergebildet und in der Trauerbegleitung gewirkt, auch in Hospizen, darunter in Ottobrunn. Er eröffnete eine Praxis. Im Zentrum der Praxis seien Familienbegleitung und Trauertherapie gestanden. Medikamente habe der Angeklagte nie verordnet oder verabreicht.

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Falscher Impfarzt wolle sich „bei allen entschuldigen, die er verletzt und enttäuscht hat“

Wie der Theologe zum Impfarzt wurde – dazu verwies die Verteidigerin auf die Mutter des Angeklagten, die aus Sorge wegen Corona geimpft werden wollte. Im Spritzen sei er durch den Vater und seinen Hausarzt geschult gewesen. Der 50-Jährige habe Ende 2020/Anfang 2021 kein Verständnis gehabt für den langsamen Anlauf der Impfkampagne. Dann bewarb er sich in Rosenheim und später in Karlsfeld in Impfzentren. Die zuständige Hilfsorganisation habe ihn „in dem Vertrauen auf die Richtigkeit seiner Angaben und die ärztliche Zulassung“ eingestellt, sagte Staatsanwalt Markus Andrä.

Die Anwältin verneinte irgendwelche Zahlungen. Ihr Mandant wolle sich „bei allen entschuldigen, die er verletzt und enttäuscht hat“. Ans Licht kam der Schwindel durch den Leiter eines Impfzentrums, der sich am 23. März 2021 an die Kripo Rosenheim gewandt hatte. Er informierte über die Beschwerde eines echten Arztes, wonach der angebliche Kollege einfachste medizinische Fragen nicht hatte beantworten können. Der Prozess wird am 17. Februar fortgesetzt. MONIKA KRETZMER-DIEPOLD *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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