Der Ausnahmezustand ist der neue Alltag

Gesundheitsämter werden durch Corona zu Krisenzentren: Stille Helden der Pandemie-Bekämpfung

  • Beatrice Oßberger
    vonBeatrice Oßberger
    schließen

Die 76 Gesundheitsämter in Bayern führten bisher ein Schattendasein. Die Corona-Krise rückt die Behörden ins Zentrum der Krisenbewältigung. Inneneinblicke in eine verkannte Einrichtung.

  • Die Coronavirus*-Krise stellt die Menschen in Bayern vor Herausforderungen.
  • In der Krise sind die Gesundheitsämter in Bayern bei der Pandemie-Bekämpfung besonders gefordert.
  • Hier finden Sie eine Corona-Karte für Bayern*: Alle Zahlen in Landkreisen und Städten.
  • Mehr zu diesem Thema und viele weitere spannende Geschichten gibt es in unserer App. Wie der Download funktioniert.

Weilheim/ Fürstenfeldbruck –Vor Kurzem hat Stefan Günther, Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Weilheim-Schongau etwas getan, was in den letzten Wochen undenkbar war: Der 52-Jährige ist nicht in sein Büro gefahren. „Ich hatte tatsächlich ein freies Wochenende“, sagt er, wobei er sofort einschränkt: Das Diensthandy war dabei und seine E-Mails hat er auch bearbeitet. „Man weiß nie, was die nächsten Stunden passiert“, sagt er.

An vorderster Front: Der Mitarbeiter eines Gesundheitsamtes bereitet einen Corona-Test vor.
Stefan Günther aus Weilheim-Schongau.

Der Ausnahmezustand ist der neue Alltag in den 76 bayerischen Gesundheitsämtern. Sie sind Auskunftsgeber, Seelentröster, Materialbeschaffer, Viren-Tester, Spurensucher und Seuchenbekämpfer. Das waren sie zwar schon vor der Pandemie, nur war das öffentlich kaum bekannt, und interessiert hat es auch die wenigsten. Das hat sich mit dem Corona-Ausbruch schlagartig geändert. Jetzt kommt den Ämtern auch für die Bürger eine besondere Bedeutung zu. Es sind Mitarbeiter des Gesundheitsamts, die bei den Eindämmungsmaßnahmen an vorderster Front stehen, die Infektionsfälle rückverfolgen, die Quarantänen kontrollieren und Test-Areale installieren. Sie sind erster und oftmals alleiniger Ansprechpartner für die Landkreis-Bewohner, und deren Informationsbedarf ist auch Wochen nach Ausbruch der Pandemie immer noch hoch. „Allein heute hatten wir mehr als 150 Anrufer“, sagt Hansjörg Wiesböck, organisatorischer Einsatzleiter des Gesundheitsamts Garmisch-Partenkirchen.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Gesundheitsämter? Welche Unterstützung bekommen die Ämter? Und welche ihrer eigentlichen Aufgaben können sie noch erfüllen – und welche nicht? Unsere Zeitung hat mit Leitern und Mitarbeitern von vier Gesundheitsämtern gesprochen, um sich ein Bild von der Lage zu machen: Fürstenfeldbruck, Starnberg, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen.

Corona-Krise: Sogar Bibliotheks-Angestellte müssen jetzt im Gesundheitsamt mithelfen

„Durch die Nähe zu Starnberg waren wir von Anfang der Pandemie an dabei“, sagt Lorenz Weigl, Leiter am Gesundheitsamt Fürstenfeldbruck. Im Landkreis Starnberg waren Ende Januar die ersten Corona-Fälle in Deutschland aufgetreten. „Unsere Telefone waren dauerbelegt. Da haben wir gemerkt, welche Welle auf uns zurollt“, sagt Weigl. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. In den folgenden Wochen und weil der Ausbruch in Starnberg schnell unter Kontrolle gebracht werden konnte, hofften die Ämter noch, wie es Amtsleiter Günther formuliert „mit einem blauen Auge davonzukommen“.

Lorenz Schröfl aus Starnberg.

Anfang März aber war klar, dass sich der Corona-Virus in Deutschland und Bayern massiv ausbreiten würde. Die Ämter schalteten in den Krisenmodus, seitdem gilt auch die Sieben-Tage-Woche. Binnen weniger Tage und manchmal auch innerhalb von Stunden wurden jahrzehntelang gewachsene Strukturen in den Ämtern über den Haufen geworfen. Abteilungen wurden aufgelöst, Zuständigkeiten neu geregelt, Mitarbeiter neu zugeordnet. Die Ämter mussten sich unter dem Druck der Pandemie neu erfinden. „Wir haben Entscheidungen stante pede gefällt, das ging gar nicht anders“, sagt Lorenz Schröfl, Leiter des Starnberger Gesundheitsamts.

Corona-Krise in Bayern: Mitarbeiter arbeitern in Teams zusammen

Einzig in Garmisch-Partenkirchen konnte Einsatzleiter Wiesböck auf eine „Einsatzstruktur“ zurückgreifen, die 2015 für die gesundheitliche Begleitung des G7-Gipfels entwickelt worden war. „Das hat unsere Planung erleichtert“, sagt Wiesböck. Die Mitarbeiter in den Ämtern arbeiten nun in Teams zusammen. Sie fokussieren sich auf die Bekämpfung der Pandemie, aber auch darauf, das Infektionsgeschehen zu erfassen und zu melden.

Das ist eine wichtige Aufgabe. „Man darf nicht vergessen, dass es unsere Zahlen sind, auf deren Grundlage die Politik ihre Entscheidungen trifft“, sagt Lorenz Schröfl.

Lorenz Weigl aus Fürstenfeldbruck.

Alle befragten Ämter wurden im Zuge der Corona-Krise personell verstärkt und haben nun zumindest vorübergehend beinahe doppelt so viele Mitarbeiter wie davor. Die Landratsämter haben dafür viele ihrer Angestellten abgestellt, aber die Neuen kommen auch von anderen Behörden. In Fürstenfeldbruck beispielsweise arbeiten jetzt auch Mitarbeiter der Staatsbibliothek, der Autobahndirektion und des Sozialgerichts. Sechs Medizinstudenten unterstützen das Amt zusätzlich bei der Fall-Ermittlung. Leiter Weigl ist dafür besonders dankbar, zumal den Studenten diese Zeit jetzt vermutlich auch als Famulatur, also als Praktikum, anerkannt wird.

Lesen Sie auch: Wandern trotz Corona-Krise: Fünf Ausflugstipps für sonnige Tage

Corona in Bayern: Neue Strukturen in den Gesundheitsämtern

Neue Strukturen, neues Personal und unbürokratische Lösungen: Corona macht Vieles möglich, aber auch einiges unmöglich. Infektionsschutz ist zwar eine wichtige Aufgabe der Gesundheitsämter, aber bei Weitem nicht die einzige. Die Ämter sind unter anderem zuständig für die Routine-Kontrollen der Krankenhäuser, Pflege- und Altenheime, sie erstellen Gutachten, beispielsweise für Beamtenanwärter, sie bieten soziale und psychosoziale Beratung an, verantworten die Schuleingangsuntersuchung, führen Schulungen und Präventionsprojekte durch und kontrollieren die Qualität der Badeseen. „Diese Aufgaben haben derzeit keine Priorität“, sagt Einsatzleiter Wiesböck. „Wir agieren nur noch im Bedarfsfall.“

Nur in zwei Bereichen agieren die Ämter noch beinahe so wie vor Corona. Das betrifft zum einem die Überwachung des Trinkwassers und zum anderen, weil nicht aufschiebbar, die Schwangerschaftskonfliktberatung.

Hansjörg Wiesböck aus Garmisch-Partenkirchen.

Noch halten die Mitarbeiter der hohen Arbeitsbelastung stand, heißt es übereinstimmend. Hohe Arbeitsbelastung, das bedeutet Zwölf-Stunden-Schichten, auch am Wochenende, dazu kommt die nächtliche Rufbereitschaft. „Tatsächlich haben wir jetzt sogar weniger Krankmeldungen als vor Corona“, sagt Amtsleiter Günther aus Weilheim. „Die Krise schweißt zusammen.“

Lesen Sie auch: Bayern: Urlaub trotz Corona - Wohin dürfen wir eigentlich in die Pfingstferien? Unser Überblick

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/dpa

Auch interessant

Ekel-Rückruf bei Rewe und Edeka: Produkt kann Parasiten enthalten - Auf keinen Fall essen, es drohen massive Folgen
Ekel-Rückruf bei Rewe und Edeka: Produkt kann Parasiten enthalten - Auf keinen Fall essen, es drohen massive Folgen
Ekel-Rückruf bei Rewe und Edeka: Produkt kann Parasiten enthalten - Auf keinen Fall essen, es drohen massive Folgen
Corona in den USA: Neuinfektionen erreichen extremen Höchststand - Trump gibt China die Schuld an „Pest“
Corona in den USA: Neuinfektionen erreichen extremen Höchststand - Trump gibt China die Schuld an „Pest“
Corona in den USA: Neuinfektionen erreichen extremen Höchststand - Trump gibt China die Schuld an „Pest“
Asteroid mit Kurs auf Erde: NASA stellt Weichen für waghalsigen Rettungsplan
Asteroid mit Kurs auf Erde: NASA stellt Weichen für waghalsigen Rettungsplan
Asteroid mit Kurs auf Erde: NASA stellt Weichen für waghalsigen Rettungsplan
Er irrte offenbar im Schlafanzug durch die Ort: Polizei sucht vermutlich verwahrlosten Jungen (4) 
Er irrte offenbar im Schlafanzug durch die Ort: Polizei sucht vermutlich verwahrlosten Jungen (4) 
Er irrte offenbar im Schlafanzug durch die Ort: Polizei sucht vermutlich verwahrlosten Jungen (4) 
Butter-Rückruf: Ernste Gesundheitsgefahr - auch Risiko für Kinder
Butter-Rückruf: Ernste Gesundheitsgefahr - auch Risiko für Kinder
Butter-Rückruf: Ernste Gesundheitsgefahr - auch Risiko für Kinder
Immun nach Corona-Infektion? Münchner Chefarzt präsentiert Erkenntnisse - R-Wert steigt wieder
Immun nach Corona-Infektion? Münchner Chefarzt präsentiert Erkenntnisse - R-Wert steigt wieder
Immun nach Corona-Infektion? Münchner Chefarzt präsentiert Erkenntnisse - R-Wert steigt wieder
Mitten in Corona-Pandemie: Fälle von tödlicher Krankheit in China - ist auch Deutschland in Gefahr?
Mitten in Corona-Pandemie: Fälle von tödlicher Krankheit in China - ist auch Deutschland in Gefahr?
Mitten in Corona-Pandemie: Fälle von tödlicher Krankheit in China - ist auch Deutschland in Gefahr?
Corona: Während Touristen Urlaub antreten - erste Regionen in Spanien wieder im Lockdown
Corona: Während Touristen Urlaub antreten - erste Regionen in Spanien wieder im Lockdown
Corona: Während Touristen Urlaub antreten - erste Regionen in Spanien wieder im Lockdown

Kommentare