Vorsicht steht an erster Stelle

Corona-Krise stellt Eltern auf harte Probe: Kaum Besuche für Heimkinder möglich

Der Corona-Ausnahmezustand stellt Eltern, deren Kind in einem Heim untergebracht ist, vor eine besonders schwierige Situation. Wegen der Pandemie  ist das Besuchsrecht stark eingeschränkt.

Der Corona-Ausnahmezustand stellt Eltern auf eine harte Probe. Die meisten Familien stehen diese Zeit der Entbehrungen zusammen durch. Doch Eltern, deren Kinder in Heimen untergebracht sind, macht das eingeschränkten Besuchsrecht zu schaffen: Die Sehnsucht wächst, die Kinder wieder in den Arm nehmen zu dürfen.

Corona-Krise: Elternrechte sind stark eingeschränkt 

Schrobenhausen – Marion Schmidt (Name geändert) ist verzweifelt. Seit fast sieben Jahren besucht die 37-Jährige ihre beiden Töchter regelmäßig im Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef in Schrobenhausen, holt sie in den Ferien sowie alle 14 Tage für ein Wochenende heim nach Markt Indersdorf (Landkreis Dachau). Das ist inzwischen eineinhalb Monate her. „Jetzt darf ich sie nicht mehr sehen“, klagt die Mutter. Lediglich zum Geburtstag ihrer jüngeren Tochter am 17. April konnte sie mit den Mädchen (12 und 14 Jahre alt) auf dem Heimgelände ein wenig spazieren gehen. „Da durfte ich sie nicht mal über den Kopf streicheln“, bedauert sie.

Dass ihre Elternrechte so stark eingeschränkt sind, belastet sie sehr. „Ich fühle mich entmündigt!“ Auch um ihre Töchter ist sie besorgt. „Diese soziale Distanz bringt eine emotionale Distanz mit sich.“ Aus ihrer Sicht wirken die Umstände, die der Umgang mit dem Virus hervorgerufen hat, traumatisierend für Kinder. „Meine Töchter haben die ersten drei Tage nur geweint, als sie erfahren haben, dass ich sie bis auf Weiteres nicht mehr zu mir holen darf.“ Sie seien frustriert und traurig.

Corona-Krise: Strengn Regelungen im Kinderheim

Die strengen Regelungen im Kinderheim beruhen auf Handlungsempfehlungen der Regierung von Oberbayern und des bayerischen Sozialministeriums. Laut Ministerium soll „auf nicht unbedingt notwendige Besuche verzichtet werden, um die Übertragungswege zu minimieren“. Wochenendheimfahrten sollten vorübergehend ausgesetzt werden. Die Regierung von Oberbayern weist darauf hin, dass Elternbesuche „zeitlich beschränkt und räumlich vom Gruppengeschehen abgegrenzt“ im Einzelfall erlaubt werden können.

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In St. Josef müssen die Mitarbeiter derzeit versuchen, Eltern, Kindern und der Regierung gerecht zu werden. „Wir sehen die Not der Eltern und der Kinder“, sagt Diplom-Psychologin und Bereichsleiterin Claudia Liebscher. „Aber wir dürfen kein Risiko eingehen, dass Corona-Fälle bei uns auftreten könnten.“ Deshalb wurden Fahrten nach Hause abgesagt. Jetzt versuchen die Betreuer, den Alltag ihrer vier bis 16 Jahre alten Schützlinge zu gut wie möglich zu gestalten. „Außerhalb der Wohngruppen haben wir momentan eine Kindergarten- und eine Grundschulgruppe.“ Auch mit den Größeren wird Schulstoff aufgearbeitet. „Logistisch ist das ein großer Aufwand, aber wir kriegen es hin.“

Corona-Krise: Wegbruch von Strukturen "eine mittlere Katastrophe"

Der Vorteil dieser neuen Situation sei: „Wir rücken alle enger zusammen.“ Sie erlebe die Kinder einerseits verständnisvoll, „aber natürlich ist auch eine Traurigkeit da“. Die Psychologin betont: „Gerade bei belasteten Familien ist der Wegbruch von Strukturen wie Kindergarten und Schule eine mittlere Katastrophe.“ Bis Pfingsten muss aus ihrer Sicht eine Regelung gefunden werden, damit Kinder, die sonst auch die Ferien daheim verbringen, nach Hause fahren dürfen – „zum Beispiel mit konkreten Handlungsempfehlungen und Temperaturmessen bei der Rückkehr“.

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Fürs Erste ist immerhin eine Lockerung in Sicht: Ab heute sollen die strengen Regelungen etwas aufgeweicht werden. „Dann können Eltern leichter von ihrem Besuchsrecht Gebrauch machen“, kündigt Claudia Liebscher an. Auf Distanz sollen beispielsweise Spaziergänge auf dem Gelände und Treffen in der Cafeteria möglich sein.

Für Marion Schmidt ist das ein kleiner Trost. „Es ist ein erster Schritt“, sagt sie. „Aber ausreichend ist es nicht.“ Die ehemalige Altenpflegerin lebt derzeit von Hartz IV, was ihr regelmäßige Fahrten von Markt Indersdorf nach Schrobenhausen erschwert. „Die Fahrkosten für die öffentlichen Verkehrsmittel kann ich nicht jede Woche stemmen“, bedauert sie. „Alle 14 Tage könnt’s schon gehen.“ Die übrige Zeit werde es bei Telefonieren, Skypen und Briefe schreiben bleiben. Und bei der großen Hoffnung, „dass meine Kinder in den Pfingstferien bei mir bleiben dürfen“.

CORINNA KATTENBECK

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