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Corona-Lage in Kliniken spitzt sich zu: „Es ist schlimmer als letzten Winter“ - Pflegekräfte berichten von unglaublichen Patienten-Reaktionen

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Von: Katrin Woitsch

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Intensivpflegekräfte stehen am Bett eines Corona-Patienten
Auf den Intensivstationen vieler Krankenhäuser kämpfen die Intensivpflegekräfte schon lange mit Überlastung. Die Patienten werden jünger – und die Personallage immer angespannter. © dpa

Die Krankenhaus-Ampel steht in Bayern seit wenigen Tagen auf Stufe Rot – in vielen Kliniken kämpfen Ärzte und Intensivpfleger aber bereits seit Monaten. Nicht von allen Corona-Patienten bekommen sie Dankbarkeit zurück. Einige Pflegekräfte berichten von unfassbaren Reaktionen.

Die kritische Phase hat in den Rosenheimer Kliniken begonnen, als viele Menschen noch ihren Sommerurlaub genossen haben. Schon im August wurden die Betten auf der Intensivstation wieder knapp, berichtet Geschäftsführer Jens Deerberg-Wittram. Von Monat zu Monat ist die Zahl der Corona-Patienten weiter gestiegen, berichtet er. Aktuell sei sie mit 105 höher als zu Spitzenzeiten im vergangenen Corona-Winter, als es noch keine Impfungen gab. „Aber damals gab es einen Lockdown, deshalb wurden deutlich weniger Unfallpatienten eingeliefert“, betont Deerberg-Wittram.

Der Landkreis Rosenheim hatte am Mittwoch eine Inzidenz von xxx – damit liegt er noch deutlich hinter Regionen wie Miesbach oder Mühldorf, die ebenfalls seit Monaten mit fehlenden Intensivbetten kämpfen. Die bayernweite Krankenhaus-Ampel stand allerdings vor einer guten Woche noch auf Sorglos-Grün.

Für die vier Kliniken im Kreis Rosenheim steht aktuell ein Drittel der Intensivbetten nicht zur Verfügung, weil Pflegekräfte dafür fehlen. Die Personalsituation sei deutlich angespannter als im vergangenen Winter, erklärt Deerberg-Wittram. „Der Markt für Intensivpflegekräfte ist völlig leer. Jede Stelle, die frei wird, können wir nicht nachbesetzen.“ Dazu komme, dass viele Intensivpflegekräfte im Krankenstand seien – einige auch wegen Erschöpfung. „Und natürlich gibt es auch bei unserem Personal Infektionen und Quarantäne.“

Einige Patienten sind wirklich aggressiv, weigern sich die Maske zu tragen oder bedrohen die Pflegekräfte sogar.

Jens Deerberg-Wittram, Geschäftsführer der Rosenheimer Kliniken

Von den 105 Corona-Patienten liegen 16 auf der Intensivstation. Seit August waren es 90. Fast alle waren ungeimpft, berichtet der Geschäftsführer. „Wir haben jetzt deutlich mehr jüngere Patienten. Kerngesunde 40-Jährige, die Corona voll erwischt hat.“ Doch selbst wenn Patienten mit einer Infektion im Krankenhaus landen, bedeute das nicht automatisch, dass sie das Virus ernster nehmen, berichtet Deerberg-Wittram. „Einige sind wirklich aggressiv, weigern sich die Maske zu tragen oder bedrohen die Pflegekräfte sogar.“ Ein Patient habe einer Pflegekraft neulich die Schutzausrüstung runtergerissen und sie angespuckt. Die Angst, sich selbst zu infizieren, sei trotz aller Professionalität und Sicherheitsvorkehrungen ein ständiger Begleiter für viele Intensivpflegekräfte.

Sebastian Rößler ist seit 20 Jahren Intensivkrankenpfleger. Er arbeitet aktuell im Murnauer Unfallklinikum – nicht auf der Corona-Station, doch die Belastung sei überall groß. Und das nicht erst seit Beginn der Pandemie. „Die Arbeitsbelastung war schon vorher am oberen Limit“, betont er. „Durch Corona bekommen nun nur mehr Menschen mit, wie groß der Notstand auf den Intensivstationen ist.“ Der Engpass an Intensivbetten sei nicht neu, schon früher mussten Patienten verlegt werden, berichtet er aus seiner Zeit in einer großen Münchner Klinik. Auch Operationen mussten aus Mangel an postoperativen Intensivbetten schon früher verschoben werden. „Natürlich ist der Notstand jetzt akut, aber das ist Folge von jahrelanger Missachtung dieses Problems. Corona ist der Tropfen auf den heißen Stein.“

Geschäftsführer Deerberg-Wittram ist froh, dass zumindest die Klinik-Ampel nun anzeigt, wie dramatisch die Situation auf den Intensivstationen inzwischen ist. „Das bedeutet ja auch, dass die Pandemie-Regeln vor Ort verschärft werden. 2G aus Sicht der Krankenhaus-Mitarbeiter besser als 3G. Deerberg-Wittram betont: „Alles was zu mehr Schutz führt, hilft uns.“

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