Als Grundlage für Corona-Maßnahmen

Münchner Infektiologe fordert Indikatorenmix statt nur Inzidenzwerte - Vorschläge liegen auf dem Tisch

  • Thomas Eldersch
    VonThomas Eldersch
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Lange Zeit wurde am Inzidenzwert als Grundlage für die Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht gerüttelt. Jetzt fordern immer mehr Experten, sich breiter aufzustellen.

München - Hat der Inzidenzwert als Grundlage für die Steuerung von Corona-Maßnahmen ausgedient? Wenn es nach der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Münchner Infektiologen Christoph Spinner geht, ja. Mehrere Politiker sind ebenfalls dafür, dem 7-Tage-Inzidenzwert* weitere Parameter an die Seite zu stellen. Das Robert Koch-Institut hält bislang noch am „Leitindikator“ fest.

Neben dem Inzidenzwert zählt auch der Grad der Auslastung der Krankenhäuser

Dem BR sagte Spinner, dass der Inzidenzwert alleine nicht die Grundlage bilden könne, um den Verlauf der Corona-Pandemie* einschätzen zu können. Der Infektiologe vom Münchner Klinikum rechts der Isar betont: „In jedem Fall müssen wir weg von den Inzidenzwerten.“ Mindestens genauso wichtig sei der Grad der Auslastung der Krankenhäuser. Besonders die Intensivstationen müssen dabei in den Fokus genommen werden. Es gehe vor allem darum, dass es zu keiner Überlastung des Gesundheitswesens komme, so Spinner gegenüber dem BR. Dabei müsse aber ein normales Gesellschaftsleben möglich sein.

Die Inzidenz sei lange Zeit ein zuverlässiger Indikator gewesen. Doch die Zeiten hätten sich geändert. Jeder zweite Deutsche sei mittlerweile geimpft. Es gehe nun nicht mehr nur darum, Ansteckungen zu vermeiden. Schwere Verläufe müssten unterbunden werden, so der Infektiologe. Daher brauche es einen Indikatorenmix aus Infektions-Inzidenz, der Auslastung der Kliniken sowie der Anzahl der Corona-Patienten auf den Normal- und Intensivstationen.

In einem Gespräch mit dem Münchner Merkur* sagte der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), Roland Engehausen, dass man sich von der Inzidenz ablösen müsse. Dafür brauche es aber eine schnellere Anbindung an das IT-System DEMIS. Das Robert Koch-Institut* müsste besser mit den Gesundheitsämtern vernetzt sein, damit man nicht mehr mit Faxen arbeiten müsse.

Die DKG will neben der Inzidenz noch elf weitere Parameter betrachten

Die DKG geht sogar noch einen Schritt weiter. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) unter Berufung eines Konzepts der DKG am Samstag berichtet, soll der Inzidenzwert nur noch einer von insgesamt zwölf Indikatoren sein. Weitere Kennzahlen sind unter anderem die Quote der positiven Tests, die Impfrate und die Klinikbelegung durch Covid-19-Erkrankte. Hinzu kommen Faktoren, die die Dynamik des Geschehens erfassen.

„Mit dieser Matrix lässt sich auf einen Blick leicht erkennen, wie die aktuelle Pandemielage tatsächlich ist und welche Trends beziehungsweise Zusammenhänge es gibt“, sagte DKG-Chef Gerald Gaß dem RND. „Die Politik muss endlich handeln und einen Indikatorenmix festlegen, auch um durch diese Transparenz die Akzeptanz in der Bevölkerung für Maßnahmen gegen Corona zu erhalten.“

Spahn und Scholz fordern ebenfalls einen Indiktatorenmix

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn* (CDU) plädiert schon länger für einen Indikatorenmix. Unterstützung bekommt er dabei von dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz*. „Viele Fachleute verweisen richtigerweise darauf, dass wir neben den Inzidenzen auch die Situation in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen im Blick behalten müssen“, sagte er am Samstag der Funke Mediengruppe. „Die Infektionszahlen steigen wieder, damit müssen wir umgehen. Aber es ist schon ein großer Unterschied zum Winter und zum Frühjahr, weil so viele jetzt geimpft und damit geschützt sind.“ (tel mit dpa) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa/Astrid Schmidhuber

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