„Männer sind besonders einsam“

Corona-Regeln zwingen zu Distanz: Studie untersucht psychische Folgen von Berührungsmangel

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In Zeiten der Corona-Krise sind die Menschen gezwungen, Abstand zu halten. In einer Studie der Universität der Bundeswehr in Neubiberg soll jetzt untersucht werden, welche psychischen Folgen der Berührungsmangel hat.

  • Durch die Corona-Krise sind die Menschen gezwungen, Abstand zu halten.
  • In einer Studie der Universität der Bundeswehr in Neubiberg soll jetzt untersucht werden, welche psychischen Folgen der Berührungsmangel hat.
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Neubiberg – Körperkontakt zu anderen Menschen ist durch die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Krise selten geworden. Menschen, die allein leben, haben seit vielen Wochen niemanden mehr umarmt. Professor Merle Fairhurst (37) vom Lehrstuhl für Biologische Psychologie an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg (Landkreis München) ist überzeugt: Das hat psychische Folgen. Im Interview spricht die Wissenschaftlerin, die auch für die Ludwig-Maximilians-Universität München zu Philosophie und Neurowissenschaften forscht, über Hormone, Hunger und die Macht eines Händedrucks.

Frau Professor Fairhurst, wann haben Sie das letzte Mal jemandem die Hand gegeben?

Puh, ich kann mich gar nicht erinnern. Das muss vor gut sieben Wochen im Labor in Neubiberg gewesen sein. Zum Glück habe ich zu Hause meine vier Kinder, meinen Mann und unser Au-pair-Mädchen um mich. Meine Eltern sind zwar nur drei Kilometer entfernt, aber wir müssen uns fernhalten. Sie gehören nun mal zur Risikogruppe. Das ist nicht nur für mich schwierig, sondern auch für die Enkelkinder. Es ist eine seltsame und schwierige Zeit.

Corona-Krise: Studie soll zeigen, welche Folgen derBerührungsmangel hat 

Welche Berührungen fehlen Ihnen? 

Die ungeplanten. Sei es der Händedruck eines Fremden oder die Berührung einer Freundin, die signalisieren will: Ich fühle mich wohl mit dir. Das ist mir sehr wichtig.

Sie wollen mit einer Online-Studie herausfinden, was genau der Verzicht auf Berührungen psychisch mit uns macht. Ist dieses persönliche Empfinden der Anlass dafür?

Total. In kürzester Zeit habe ich auch ganz viele E-Mails von Freunden bekommen, die sich alleine fühlen und mich und andere vermisst haben. SOS-Meldungen sozusagen. Wir treffen uns zwar per Videotelefonie, aber das ist nicht ausreichend. Der physische Kontakt ist ganz wichtig. Mein Forschungspartner Francis McGlone aus Liverpool machte dieselbe Beobachtung. In wenigen Wochen konnten wir gemeinsam diese Studie entwickeln – mit der Fragestellung: Wie verändert sich unser Verhalten ohne den physischen Kontakt?

Und?

Wir können aus den ersten Daten schon einen Trend ablesen: Die Menschen gleichen den Mangel an Berührung durch Musikhören, Sport und Essen aus. Vor allem durch Essen.

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Warum ausgerechnet durch Essen?

Angenehme Berührung wie eine Massage oder Kitzeln, aber auch eine Umarmung wirken sich chemisch auf den Körper aus. Er produziert das Glückshormon Oxytocin, den Belohnungs-Botenstoff Dopamin und reduziert das Stresshormon Cortisol. Das sind ganz wichtige Effekte von Streichelberührungen – zwischen Eltern und Kindern und auch zwischen Erwachsenen. Ja, sogar bei uns selbst: Wenn wir gestresst sind, fahren wir uns zur Beruhigung gern übers Gesicht; dort sitzen viele Rezeptoren.

Und das Essen...

Es wirkt genau wie Sport und Musik belohnend – und dazu noch beruhigend. Es beeinflusst die Körperchemie ganz ähnlich wie die Berührungen, auf die wir zurzeit verzichten müssen. Mein Team stellt bei der Auswertung der Antworten fest, dass die Menschen, denen die Berührungen fehlen, sich meist auch lethargisch und matt fühlen. Und es sind dieselben, die nun mehr essen als vor der Krise. Frauen sind übrigens, was diese Gefühlslage angeht, offensichtlich aktiver als Männer: Sie tun generell mehr, um einen Mangel an Körperkontakt zu kompensieren – gehen zum Massieren, zum Friseur oder ins Nagelstudio. Das sind alles Berührungs-Orte.

Professorin Merle Fairhurst sagt im Videointerview, dass besonders Männern die aktuelle Situation zu schaffen macht.

Die Männer leiden also weniger?

Das glaube ich nicht. Berührung ist bei Männern sowieso ein schwieriges Thema: Fassen sie einen anderen Mann an, hat das einen homosexuellen Anklang, berühren sie eine Frau, ist es oft ein gefühlter Grenzgang zur sexuellen Belästigung. Dabei zeigen Studien, dass Männer schon im Säuglingsalter tendenziell berührungsbedürftiger sind als Frauen. Diese Diskrepanz ist ein echtes Problem, das ganz reale Auswirkungen hat, bis hin zu einer höheren Suizidrate. Und es verstärkt sich sicherlich nochmals durch die jetzige Situation. Besonders Männer, und zwar viele, sind momentan sehr einsam. Und wir werden nach der Pandemie noch lange Zeit Angst vor Körperkontakt haben. Das bereitet mir Sorgen.

Corona-Krise in Bayern: Trifft es die Bayern weniger hart

In vielen Kulturen gehören Umarmungen und Küsse zum guten Ton im Umgang unter Freunden. Hierzulande ist diese körperliche Nähe eher unüblich. Trifft die Bayern damit die Kontaktbeschränkung psychisch weniger hart?

Die Studie läuft auf Englisch, Deutsch, Chinesisch, Russisch und Spanisch. Wir werden sicher kulturelle Unterschiede sehen, was die Berührungsvorlieben angeht – unabhängig vom Coronavirus. Aber die Menschen an sich sind auch verschieden, haben persönliche Vorlieben. Nicht jeder Spanier mag Umarmungen, und auch viele Bayern lassen sich gerne massieren. Für genaue Erkenntnisse, was den kulturellen Aspekt angeht, brauchen wir noch viel mehr Teilnehmer an der Studie. Ganz sicher empfinden aber auch wir hier in Bayern einen Mangel. Dazu kommt die Unsicherheit. Ich weiß nicht, wann ich meine Eltern wieder drücken kann. Das spielt eine große Rolle.

Ein Händedruck unter Fremden ist doch etwas so Flüchtiges. Fehlt das den Menschen wirklich?

Sportler und Politiker, nur mal als Beispiel, sind notorische Händeschüttler – das ist kein Zufall. Der Händedruck ist für uns ein ganz wichtiger Kommunikationskanal, auch unter Fremden. Er verrät sehr viel über einen Menschen. Und es ist ja nicht nur so, dass wir uns nicht mehr berühren, sondern dass wir es auch nicht mehr dürfen. Wir stehen zwangsweise auf Abstand zueinander, das fühlt sich komisch an. Und ist bestimmt gerade für die Menschen besonders schwierig, die momentan gar niemanden um sich haben. Die Studie soll auch zeigen, wie Menschen, die ganz ohne Pandemie sozial isoliert sind, mit Einsamkeit und Mangel an Berührung umgehen. Wie sie das kompensieren, wie sie damit kämpfen.

Corona-Krise in Bayern: Studienteilnehmer gesucht

Die Studienteilnehmer malen einen menschlichen Umriss aus – markieren die Bereiche, wo sie sich gern oder ungern von anderen anfassen lassen.

Auf unserem Körper gibt es verschiedene Zonen. Solche, die uns selber gehören, und andere, sozialere Zonen. Manche können wir selber gar nicht richtig anfassen, am Rücken zum Beispiel. Evolutionär betrachtet, bringt es uns Menschen zusammen, dass wir uns dort gerne berühren lassen. Die Hände oder auch die Schultern sind eine Art geteilte Zone – wir berühren uns dort selbst, überlassen diese Bereiche auch anderen. Wie die Menschen diese Bereiche empfinden, wollen wir durch die Studie noch genauer wissen.

Was testen Sie noch?

Stress und Aufregung lenken unsere Wahrnehmung erwiesenermaßen um – vom großen Ganzen auf Details. Für diese lokale Aufmerksamkeit haben wir eine Aufgabe eingebaut, bei der die Teilnehmer schnell ein Bild analysieren sollen. Aus der Reaktionszeit können wir indirekt auf den Gemütszustand der Probanden schließen. Ich vermute, dass wir alle durch den Mangel an Berührung momentan mit mehr Stress und Aufregung umgehen müssen.

Aber tatsächliche Berührungen können Sie derzeit nicht erforschen. Ist das ein Problem für die Aussagekraft der Studie?

Da hilft uns die Vorstellungskraft. Kleine Kinder, die sich so langsam von den Eltern lösen, beispielsweise in die Schule müssen, können sich so in einer belastenden Situation helfen: Schon die bildliche Erinnerung an eine tröstende Berührung aktiviert das Belohnungs- und Beruhigungssystem. Diesen evolutionsbedingten Effekt nutzen wir mittels Videoszenen auch in der Studie. Und wir sollten dankbar für die heutige Technologie sein – auch die Videotelefonie hilft uns ein bisschen, solche Erinnerungen zu aktivieren und uns besser zu fühlen. Aber echte Berührung ist unersetzlich.

Interview: Josef Ametsbichler

Die Teilnahme ...

...an der Studie zum Mangel an Körperkontakt und die psychischen Auswirkungen dauert etwa zehn Minuten und ist online für jeden Interessierten unter der Adresse covid.iasat.org möglich.

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