„Ich darf sie nicht reinlassen“

Geimpft und getestet: Ehepaar aus Italien will Tochter in München besuchen - Corona-Drama an Tiroler Grenze

  • Veronika Mahnkopf
    vonVeronika Mahnkopf
    schließen

Das italienische Ehepaar ist durchgeimpft und frisch auf Corona getestet. Trotzdem endet seine Reise nach München an der Tiroler Grenze. Protokoll einer bürokratischen Achterbahnfahrt.

München - Sechs Monate hatte Maria (Name von der Redaktion geändert) ihre Eltern nicht gesehen. Sechs lange Monate des Wartens, Hoffens, Bangens. Was machen die Zahlen in Deutschland, in Italien? Wann endet der Corona-Lockdown? Hat sich jemand aus der Familie angesteckt?

Dann, vergangene Woche, sollte es endlich so weit sein. Marias Mutter (60) und Vater (65) - alle Beteiligten wollen ihre Namen für sich behalten - hatten daheim in Italien* die zweite Corona-Impfung hinter sich. Nun wäre ein Besuch zu verantworten. Wäre da nicht diese Sache mit Tirol.

Italienisches Ehepaar will Tochter in München besuchen: Probleme beginnen in Tirol

Maria (32) lebt seit einigen Jahren in München, ist mit einem Münchner verheiratet, das Paar hat eine kleine Tochter. Vor Corona war die junge Familie regelmäßig bei Marias Familie in der Emilia Romagna oder die Eltern waren zu Besuch in Bayern. Dann kam das Virus.

Im Herbst 2020 fuhr Maria mit Mann und Kind zum letzte Mal nach Italien, dann rollte die zweite Welle über Europa. An Besuche war nicht mehr zu denken. Im beginnenden Frühjahr nun hat sich für die deutsch-italienische Familie eigentlich sehr viel verändert in Sachen Pandemie: Die Eltern haben beide zwei Dosen des Biontech-Impfstoffs erhalten, beide arbeiten im Gesundheitswesen. Alle Regeln gelten für sie aber unumstößlich weiterhin - wie sie an der Grenze zu Bayern* schmerzlich erleben mussten.

Einreise nach Bayern: Ein Corona-Test aus Sterzing hat keine Gültigkeit - wenn man über Tirol kommt

Mitte vergangener Woche fährt das italienische Ehepaar daheim los. 72 Stunden dürfen sie ohne Quarantäne und Tests einen Familienbesuch in Deutschland machen. So hat man es Maria, die sich beim bayerischen Gesundheitsministerium vorab erkundigt hatte, erklärt. Von Tirol war in der Amtsmail, die der Redaktion vorliegt, keine Rede.

In Sterzing, an der italienisch-österreichischen Grenze, machen die Eltern Corona-Schnelltests. Die Österreicher verlangen dies für die Einreise. Die Tests fallen negativ aus, werden mit Uhrzeit bescheinigt. Die Italiener fahren weiter, ohne Halt.

Polizistin an der Grenze zu Bayern: „Ich darf sie nicht reinlassen.“

In Kufstein endet die Reise abrupt. An der Tiroler Grenze nach Bayern hinüber erklärt dem italienische Paar eine deutsche Polizistin, dass sie nicht weiterfahren können. „Ich kann sie nicht reinlassen“, sagt die Polizistin Maria am Handy. Ihre Eltern hatten sie in ihrer ganzen Verzweiflung angerufen, auch um die sprachliche Barriere zu überwinden. Die Nerven lagen bei allen Beteiligten blank.

Tirol ist Mutationsgebiet, von dort nach Deutschland einzureisen ist nur in Ausnahmefällen - zum Beispiel um zur Arbeit zu kommen - gestattet. Die Durchreise ohne Halt gehört offenbar nicht zu diesen Ausnahmefällen. Familienbesuche* auch nicht, wie auch eine Frau aus Augsburg feststellen musste. Die Impfung spielt keine Rolle, der nur wenige Stunden alte Negativ-Test auch nicht.

Für Maria und ihre Eltern ein Schock. „Keiner hat gesagt: Fahrt nicht durch Tirol“, sagt Maria rückblickend. Sie habe neben der Anfrage beim Gesundheitsministerium vorab auch mit verschiedenen Polizeidienststellen telefoniert, um die genauen Rahmenbedingungen für die Einreise zu erfahren. Nirgends ein Wort zu Tirol.

Grenzschließung wegen Corona: Münchnerin wünscht sich bayerisch-tirolerische Lösung

Außerdem: „Bayern grenzt direkt an Tirol“, sagt Maria. „Warum gibt es keine gemeinsame Lösung?“ Zum Beispiel für Geimpfte, auf dem kurzen Dienstweg, ohne lange EU-Debatte über einen digitalen Impfpass. Oder eben für negativ Getestete. Oder wenigstens für Reisende, die das Auto nachweislich nach dem Test in Sterzing nicht verlassen haben. Nach dem Eklat um den Tiroler Landeshauptmann Günter Platter (ÖVP), dem die Durchreise untersagt wurde*, sieht es nach Einigung allerdings nicht aus.

Gern hätte Merkur.de* zu diesen Fragen Antworten vom bayerischen Gesundheitsministerium erfahren. Leider blieb eine Anfrage unbeantwortet. Auch auf die Frage hin, warum man Maria bei ihrer Rückfrage zur Einreise auf die Tiroler Sonderregeln nicht hingewiesen hat, kam keine Reaktion.

Nach Rückreise von München nach Italien: Ausgangssperre daheim wegen steigender Corona-Zahlen

Nach über zehn Stunden hat das italienische Ehepaar ihre Tochter übrigens doch noch in München erreicht. Möglich war das nur, weil ein deutscher Polizist beide Augen ganz fest zugedrückt hat und den entscheidenden Hinweis gab: „Fahren Sie über Salzburg. Und sagen Sie nicht, dass Sie aus Tirol kommen.“ Da war es bereits 21 Uhr, draußen Minusgrade. „Meine Eltern hätten im Auto übernachten und am Morgen zurück nach Italien fahren müssen.“ Hotels hätten sie ja auch nicht aufnehmen dürfen.

Ihre Eltern sind nach 72 Stunden von München wieder heimgefahren, wie vorgeschrieben. Auch die Rückfahrt war nur Stress. Durch Südtirol mussten sie bis 21 Uhr durch sein, dort gilt ab dieser Uhrzeit eine Ausgangssperre. Zuhause in der Emilia Romagna dürfen Marias Eltern nun kaum mehr das Haus verlassen. In Italien gilt in vielen Regionen wegen der steigenden Zahlen wieder ein strenger Lockdown.

Wann Maria ihre Eltern wiedersehen kann? „Ich habe keine Ahnung“, sagt sie traurig. Ihre kleine Tochter und sie werden wohl noch lange von dem Kurzbesuch zehren müssen, der sie so viele Nerven gekostet hat. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

Mehr zum Thema

Kommentare