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22-Jährige verliert Vater an Corona nach Weihnachten - und muss die Trauer allein ertragen: „Es gab nichts“

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Von: Clara Marie Tietze

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Antonia Palmer (l.) und Anita Schedel halten das Schild mit der zentralen Trauernummer. Die beiden stehen umringt von mehreren Menschen auf einer Treppe.
Antonia Palmer (l.) und Anita Schedel halten das Schild mit der zentralen Trauernummer. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (r.) unterstützt das Netzwerk. © Gabriele Ingenthron/epd

Corona hat deutschlandweit bereits über 90.000 Todesopfer gefordert. Für die Angehörigen in Bayern gab es bisher kaum Möglichkeiten sich auszutauschen - bis jetzt.

Würzburg - Als einen „sehr individuellen Prozess“ beschreibt Antonia Palmer den Umgang mit der Trauer im Gespräch mit nordbayern.de. Die 22-jährige Würzburgerin verlor Anfang des Jahres ihren Vater. Cornelius Palmer verstarb an einer schweren Corona-Infektion. Der fröhliche und optimistische Mensch schwärmte laut seiner Tochter in der Weihnachtszeit noch vom nächsten Jahr. Ende Januar stirbt der Unternehmer aus Würzburg mit 57 Jahren.

Zunächst gibt sich die Studentin selbst die Schuld an der Infektion ihres Vaters: „Ich habe gedacht, ich könnte ihn beim Besuch zu Weihnachten angesteckt haben.“ Ein negativer PCR-Test widerlegt diesen Verdacht kurz darauf. Trotzdem lässt die junge Würzburgerin noch einen Antikörper-Test machen: „Ich musste einfach sicher sein, dass ich nicht die Überträgerin war“. Kleine Gesten von Freunden und Familie spendeten während der Quarantäne Kraft: Manchmal haben Blumen vor der Tür gestanden, erzählt Antonia Palmer.

Angehörige eines Covid-Opfers: „Es gab gar nichts, keine Trauergruppe“

Nur zweimal konnte Antonia Palmer ihren Vater im Krankenhaus besuchen. Zwischenzeitlich ging es dem Unternehmer besser, er sollte sogar aus dem Koma aufgeweckt werden. Doch dann der Schock: An dem Tag, an dem er aus dem Koma aufgeweckt werden sollte, begann ihr Vater an einer Sepsis zu leiden. Man habe ihm nicht mehr helfen können, erklärt seine Tochter später.

Nach dem Tod ihres Vaters suchte die 22-Jährige Halt - und nach Menschen, denen ähnliches widerfahren ist. Doch „es gab gar nichts, keine einzige Trauergruppe“, das habe die junge Studentin am meisten überrascht. Mit Unterstützung der Selbsthilfekoordination Bayern macht sich Antonia Palmer ans Werk und gründet eine eigene Trauergruppe. Das erste Treffen fand digital statt - am 5. Mai 2021.

Gründerin der Covid-Trauergruppe: „Das Beste daraus machen und ins Leben zurückfinden“

Auch Anita Schedel hat in der Pandemie einen geliebten Menschen verloren: Ihr Ehemann verstarb bereits im April 2020 an einer Covid-Infektion. Die Witwe will nun in München eine Selbsthilfegruppe gründen. Gemeinsam mit Antonia Palmer baut die Passauerin nun ein landesweites Netzwerk auf, in dem Menschen, deren Angehörige an Covid-19 verstorben sind, Halt und Kraft finden können. Laut Antonia Palmer geht es in der Gruppe ums Reden und Zuhören, darum einen Weg zu finden „das Beste daraus zu machen und gut wieder ins Leben zurückzufinden“.

Covid-Trauergruppe bekommt Unterstützung von Landeskirche

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche unterstützt das Netzwerk nicht nur mit Räumlichkeiten, sondern bietet auch weitergehende Hilfe an. Denn: „Die Kraft liegt im Austausch, und Heilung liegt in der Begegnung mit Menschen“, äußert sich der Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bei einem Pressegespräch in Weiden in der Oberpfalz. Die positive Energie, die aus diesem Leid entstanden ist, überrascht und beeindruckt den Landesbischof. Unter der zentralen Nummer 0931/20781642 können sich Menschen in ihrer Trauer Rat suchen.

Erst kürzlich veröffentlichte das Robert-Koch-Institut eine Hochrechnung darüber, wie viele Corona-Todesfälle durch die Impfkampagne in Deutschland verhindert werden konnten. Im Vergleich zu den Jahren davor, sind gerade in Bayern mehr Menschen gestorben - eine Personengruppe ist besonders betroffen.

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