Prof. Franz-Xaver Reichl ist Beauftragter für die Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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Prof. Franz-Xaver Reichl ist Beauftragter für die Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

„Ausrottung sehr schwer“

Experte erklärt Nutzen von Corona-Impfung - und warum sie uns wohl für immer begleiten wird

  • Veronika Mahnkopf
    vonVeronika Mahnkopf
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Man liest es immer wieder: Trotz abgeschlossener Impfung bricht das Coronavirus unter Bewohnern von Altenheimen aus. Eigentlich ist die Nachricht aber eine andere, sagt ein Experte.

Es klingt schon erstaunlich: Im fränkischen Zirndorf sind in einem Altersheim 24 Bewohner positiv* auf das Coronavirus getestet worden. Die meisten von ihnen waren zum Zeitpunkt der Tests bereits seit geraumer Zeit zweifach gegen Sars-CoV-2 geimpft. Trotzdem kam es zu diesem massenhaften Ausbruch. Allerdings: Keiner der geimpften Betroffenen wurde schwer krank.

Coronavirus: Weiter positive Tests - auch mit Impfungen

Bei einigen stellt sich angesichts solcher Schlagzeilen trotzdem die Frage: Was bringt eine Impfung, wenn das Coronavirus* dann doch weiter umhergeht? Und was bedeutet eine Impfung für den Pandemie-Verlauf, wenn sich Geimpfte weiter infizieren? Wir haben dazu mit Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl gesprochen. Er ist Beauftragter für die Biologische Sicherheit von Bakterien und Viren an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Vor was schützt mich eine Impfung gegen das Coronavirus? Davor, dass ich mich anstecke? Oder davor, dass ich schwer krank werde oder sterbe?
Beides! Alle derzeit zugelassenen Impfstoffe regen den Körper an, Antikörper gegen das Coronavirus zu bilden. Deren Anzahl ist so hoch, dass der Körper des Geimpften gegen die Viren ankommt und zu 100 Prozent vor einem corona-bedingten Tod geschützt ist. Und Studien zeigen, dass eine geimpfte Person auch nicht mehr ansteckend* ist. Je mehr geimpft sind, desto weniger Ansteckung wird es also geben.
Das heißt aber, trotzdem ich geimpft bin, kann ich mich anstecken? Und auch ein Test wird dann positiv ausfallen?
Ja. Nehmen Sie das Beispiel Altersheim. Ein Pfleger ist infiziert, kommt einem geimpften Bewohner nahe, steckt ihn an. Bei einer Infektion kann die Konzentration der Viren so hoch sein im Körper, der Viren-Titer, dass diese hochsensiblen Tests anschlagen. Der Bewohner wird aber nicht oder nur leicht krank.
Erleidet also keinen schweren Verlauf.
Genau. Er ist vor einem schweren Verlauf und dem Tod geschützt. Man muss beim Beispiel „Ausbruch im Altersheim“ sagen: Die Impfungen haben die Menschen dort gerettet! Und sie belasten damit bei einer Infektion auch nicht die Intensivstationen. Und sie stecken, wie schon gesagt, niemanden mehr an. Wenn alle Menschen in Deutschland, die geimpft werden wollen, geimpft sind, gibt es deshalb auch keinen Grund mehr, Einschränkungen aufrechtzuerhalten.
Aber was ist dann das Ziel der Impfkampagne? Das Coronavirus auszurotten? Oder lediglich schwere Verläufe und dadurch eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern?
Eine Ausrottung wird sehr sehr schwer. Hätten wir nur das Wildtyp-Virus, könnte eine Herdenimmunität gelingen, wenn 70 bis 80 Prozent der Menschen geimpft sind oder infiziert waren. Aber wir sehen es jetzt in Indien: Dort herrscht jetzt eine Doppelmutante vor, bei der die Impfstoffe* zwar wirken, aber bei weitem nicht so wie gegen das Wildtyp-Virus. Da liegt also ein Denkfehler vor.
Inwiefern?
Es gibt nicht das Virus, sondern die Viren. Es wird immer weiter mutieren und Impfstoffe werden angepasst werden müssen.
Werden wir in der Zukunft also wegen der Mutationen gegen das Coronavirus impfen wie gegen Influenza? Jede Saison?
Wie gesagt, beim Wildtyp-Virus hätten wir eine Ausrottung schaffen können. Das Gesundheitssystem würde mehr und mehr entlastet, das Virus täte sich mit der Verbreitung immer schwerer, vielleicht wäre es dann irgendwann nicht mehr da. Aber durch die Mutanten ist das anders. Man geht heute davon aus, dass Infizierte bis zu ein Jahr immun sind, je nach Schwere der Erkrankung (je schwerer, desto länger, Anm. d. Red.). Bei einer Impfung verhält es sich genauso. Es sieht also danach aus, dass wir jedes Jahr mit angepassten Impfstoffen impfen werden müssen, wie gegen Influenza.

Das Interview führte Veronika Mahnkopf. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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