Ein Überblick

Corona-Impfung in Bayern: Wann geht‘s los? Wer kann sich zuerst impfen lassen?

  • Andrea Eppner
    vonAndrea Eppner
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Schon bald kann es in Bayern mit der Impfung gegen das Coronavirus losgehen. Zwei Virologen erklären die wichtigsten Details zum Impfstoff und seiner Wirkung.

  • Am 5. Januar könnten die ersten Menschen in Bayern gegen Corona* geimpft werden.
  • Täglich werden dann über 30.000 Impfdosen gespritzt.
  • Doch was steckt wirklich im Impfstoff und wer bekommt ihn als erstes?
  • Hier bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen im Freistaat.

München - Ein Land macht sich startklar für die Impfung: In München und an vielen anderen Orten entstehen Zentren, in denen voraussichtlich ab dem 5. Januar täglich 30.025 Bürger gegen das Coronavirus geimpft werden könnten. Den einen ist das viel zu spät – anderen ist das rasante Tempo nicht geheuer. Sie fragen sich: Wie sicher sind diese neuen RNA-Impfstoffe und wie funktionieren sie? Antworten liefern Professor Herwig Kollaritsch, Impfexperte und Mitglied des österreichischen nationalen Impfgremiums und Professor Ulrike Protzer, Virologin am Helmholtz Zentrum und an der Technischen Universität München (TUM). Die Experten erklären, was für eine Impfung spricht – und welche Fragen noch offen sind.

Corona und Impfen: Wie gut schützen die neuen Impfstoffe?

Rund 95 Prozent – so hoch soll die Schutzwirkung des RNA-Impfstoffes der Firmen Biontech und Pfizer sein, der wohl zuerst zugelassen wird. Für den RNA-Impfstoff der US-Firma Moderna wurden 94,1 Prozent angegeben, für den Vektorimpfstoff des schwedisch-britischen Unternehmens AstraZeneca 70 Prozent. Die bisher präsentierten Corona-Impfstoffe erzeugten damit eine „besonders starke Immunabwehr“, erklärt Kollaritsch in seinem neuen Buch Pro & Contra Corona-Impfung. Das bedeute, „dass die Impfung besonders gut funktioniert“.

Coronavirus und Impfen: Wie funktioniert eine RNA-Impfung?

RNA-Impfstoffe enthalten Ribonukleinsäuren (RNA), die synthetisch hergestellt wurden. Aber: Menschliche Zellen stellen selbst solche Boten-RNAs (mRNAs) her – und zwar ständig in großer Zahl und Vielfalt. Sie dienen den „Ribosomen“, zelleigenen Fabriken, als Bauanleitung für Eiweiße (Proteine). Diese lesen auch die mRNA aus den Corona-Impfstoffen ab – und stellen damit ein Stück eines Oberflächen-Moleküls des neuen Coronavirus* her. Das löst dann – genau wie bei gängigen Impfstoffen – eine Immunreaktion aus. Die Impf-mRNA selbst wird sehr schnell wieder abgebaut. RNA-Vakzine seien „keine genetischen Impfstoffe“, stellt Professor Ulrike Protzer darum klar. Die Boten-RNA kommt nämlich normalerweise erst gar nicht in den Zellkern – und wird schon gar nicht so einfach ins Erbgut eingebaut, zumal das aus Desoxyribonukleinsäure (DNA) besteht. Das ist eine andere Art von Molekül.

Virologin Ulrike Protzer vom Helmholtz Zentrum der Technischen Universität München.

Corona und Impfen: Welche Impfreaktionen können auftreten?

Mit einer Wahrscheinlichkeit von geschätzt 90 Prozent werde man von der Impfung* etwas merken und sich dann zum Beispiel „ein bis zwei Tage müde fühlen und vielleicht Kopfschmerzen haben“, schreibt Kollaritsch. Diese Nebenwirkungen wurden in den Studien zum Biontech/Pfizer-Impfstoff am häufigsten genannt, Muskelschmerzen und Fieber viel seltener. Aber: Solche Nebenwirkungen verschwinden sehr schnell wieder. Vor allem aber zeigen sie, dass das Immunsystem zu arbeiten anfängt – und genau das erhofft man sich ja von einer Impfung. Schwere Nebenwirkungen sind in den Zulassungsstudien zu den RNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech und dem von Moderna nicht aufgetreten.

Coronavirus und Impfen: Warum hilft Impfen auch der Gesellschaft?

„Die sogenannte Herdenimmunität auf natürlichem Weg zu erreichen, ist keine Option“, schreibt Kollaritsch. Milliarden Menschen weltweit müssten sich dazu anstecken. Sterben im Schnitt drei bis sechs von 1000 Corona-Infizierten, wären das 46 Millionen Todesopfer weltweit, bis alle infiziert waren. Lässt die aufgebaute Immunität nach, werden es noch mehr. Selbst wenn später also noch seltene Nebenwirkungen der Impfung entdeckt würden (in Studien an fast 44.000 Probanden war das nicht der Fall!), dann würde dies nicht mehr als einen von 10.000 treffen. Zum Vergleich: Ohne Impfung sei mit 30 bis 60 Todesopfern pro 10.000 Menschen zu rechnen. Der Nutzen der Impfung für die Bevölkerung wäre viel höher.

Corona und Impfen: Warum ging das alles so schnell?

Nach weniger als einem Jahr steht die erste Zulassung bevor. „Kann das mit rechten Dingen zugegangen sein?“, fragen sich da viele. „Das Wunder ist keines und es war auch keine Hudelei“, stellt Kollaritsch klar. „Im Gegenteil.“ Die Impfstoffe seien sogar „mit ganz besonderer Sorgfalt“ entwickelt worden. Was das hohe Tempo erklärt: dass schon „entsprechende Konzepte für RNA-Impfstoffe in den Schubladen“ lagen, aber auch der Druck von außen. Statt hintereinander liefen viele Untersuchungen parallel ab. Zahl der Probanden, Sorgfalt und Beobachtungszeitraum – all das sei wie üblich gewesen. Und: Die Produktion startete noch vor der Zulassung, wie Virologin Protzer erklärt. Möglich war das, weil die EU und Regierungen einzelner Länder den Firmen das finanzielle Risiko abnehmen. „Man ist also kein Sicherheitsrisiko eingegangen, sondern ein finanzielles. Die klinischen Studien wurden normal durchgeführt.“

Der Virologe Herwig Kollaritsch (l.) mit dem Gesundheitsminister Österreichs, Rudolf Anschober.

Coronavirus und Impfen: Warum geht die Forschung weiter?

Neue Impfstoffe erhalten erst eine vorläufige Zulassung. In den ersten fünf Jahren werden sie weiter überwacht – etwa darauf, ob noch Nebenwirkungen auftreten, die zuvor nicht aufgefallen sind, weil sie so selten sind. Sollte man also lieber anderen den Vortritt lassen? Ein „äußerst geringes Restrisiko“ bleibe, räumt Kollaritsch ein – aber: Es bestehe eben auch die Gefahr, sich dabei zu infizieren. Er hält es daher zwar für nachvollziehbar, wenn Jüngere mit starkem Immunsystem erst warten – das müssen sie ohnehin. Ist später Impfstoff für alle da, stehen sie vor der Frage, sich aus Solidarität impfen zu lassen – mit Gefährdeten, die sich selbst nicht per Impfspritze schützen können. Übrigens: Einige Experten rechnen damit, dass die Impfung sogar einen etwas besseren Immunschutz erzeugen könnte als eine Infektion mit dem Virus selbst, sagt Virologin Protzer.

Corona-Impfstoff: Wie gut wirkt der Impfstoff bei Älteren?

Das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf steigt mit dem Alter. Senioren leiden zudem öfter an Vorerkrankungen, die es noch erhöhen. Ausgerechnet bei ihnen wirken Impfstoffe aber häufig weniger gut. Die gute Nachricht: Bei dem Biontech/Pfizer-Impfstoff ist das wohl nicht so. Die Wirksamkeit in dieser Gruppe sei Kollaritsch zufolge fast gleich gewesen. Und: Senioren vertrugen den Impfstoff sogar besser. Protzer findet: Gerade Ältere profitierten extrem von der Impfung

Verfolgen Sie das Corona-Geschehen in Bayern in unserem aktuellen News-Ticker.

Coronavirus und Impfen: Wann geht es los?

Die ersten Briten werden schon geimpft, die Deutschen müssen sich noch gedulden: Bis Jahresende wird die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA prüfen, ob „BNT162b2“ als erster Corona-Impfstoff in der Europäischen Union zugelassen wird: der RNA-Impfstoff des Mainzer Herstellers Biontech und seines US-Partners Pfizer. Ist das der Fall, könnte es in Bayern schon am 5. Januar losgehen. Eine Notfallzulassung wie in Großbritannien, Kanada, dem Golfstaat Bahrain und wohl bald auch in den USA sehen EU-Prüfvorschriften jedoch nicht vor.

Professor Protzer findet das richtig: „Es reicht nicht, dass nur eine Firma sagt, es ist alles gut.“ Wie der TÜV müssten regulatorische Behörden alles „auf Herz und Nieren prüfen.“ Und: „Ob man zwei, drei Wochen früher zu impfen anfängt, ist letztlich nicht entscheidend. Den zeitlichen Vorsprung holen wir locker durch gute Organisation raus.“ Das sei unsere Stärke in Deutschland!

Wurde in England als erste geimpft: die 90-jährige Margaret Keenan.

Corona und Impfen: Wer kommt in Bayern als erstes dran?

Genau aus diesem Grund glaubt sie auch nicht, dass Impfzentren zum Flaschenhals werden – gerade in der Anfangsphase, wenn der Impfstoff nicht für alle reicht. Zuerst soll drankommen, wer das größte Risiko für einen schweren Verlauf hat, schlägt die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut vor. Zuerst sollten laut Stiko über 80-Jährige drankommen, dazu medizinisches Personal mit sehr hohem Risiko oder engem Kontakt zu besonders anfälligen Patienten sowie Bewohner von Seniorenheimen. Für letztere sollte es mobile Impfteams geben, so Protzer.

Auf der Seite des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege steht ebenfalls detailliert, dass folgende Gruppen sich zuerst impfen lassen können.

  • Besonders anfällige Gruppen wie Menschen hohen Alters, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie Betreute und Bewohner in stationären und teilstationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderung,
  • Menschen mit einem erhöhten Infektionsrisiko etwa aufgrund ihres Berufs (beispielsweise medizinisches und pflegerisches Personal, Angehörige der Polizei und der Feuerwehr),
  • Menschen mit einem erhöhten Infektionsrisiko aufgrund äußerer Umstände.

Später werde sich die Impfung in Hausarzt-Praxen verlagern. Zwar muss der Biontech-Impfstoff bei circa minus 70 Grad in Ultratiefkühlschränken gelagert werden. Er ist in Transportboxen aber bis 15 Tage haltbar sowie fünf Tage im Kühlschrank.

Läuft alles gut, könnten in einigen Monaten schon viele der besonders gefährdeten Menschen geschützt sein. Im Sommer sollte dann genug Impfstoff für Massenimpfungen da sein. Den Sommer müsse man nutzen, um eine breite Immunität für Herbst und Winter aufzubauen, sagt Protzer. Bis wir wieder ein normales Leben führen können, wird es also noch dauern. Die Maskenpflicht wird uns wohl auch 2021 noch eine Weile begleiten.

Zahlreiche Corona-Impfzentren in Bayern - Söder: „Impfen ist Hoffnung“

Laut Ministerpräsident Markus Söder gebe es in Bayern aktuell 99 Impfzentren. Er sei sich aber sicher, dass noch mindestens eines dazukäme. „Impfen ist Hoffnung“, erklärte er bei einer Pressekonferenz mit Jens Spahn am Freitag (11. Dezember). „Wir werden wohl auf absehbare Zeit nicht ohne Corona leben.“ Doch durch einen Impfstoff könne man freier leben.*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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